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Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa - Wie das Gedächtnis Karriere macht

02.02.2009 - (idw) Universität Stuttgart

Erinnerungsorte wie das Städtchen Kosovo Polje, wo sich im Jahr 1389 in der berühmten Schlacht auf dem Amselfeld Serben und Osmanen bekämpften, oder die polnische Wallfahrtskirche Tschenstochau legen die Hypothese nahe, dass es neben dem individuellen Gedächtnis des Einzelmenschen auch ein Grup-pengedächtnis gibt. Wie sich solche Kollektiverinnerungen herausbilden, wie sie teilweise instrumentalisiert werden und so bis in die Politik der Gegenwart hinein wirken, untersucht das Historische Institut der Universität Stuttgart am Beispiel religiöser Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa.

An der Entstehung, Pflege und medialen Vermittlung kollektiver Memoria sind Politik, Kirche, Wissenschaft und andere Gesellschaftsgruppen beteiligt, und oft genug wird dabei ein historischer Ort oder ein Ereignis für eigene Anliegen in den Dienst genommen. Gerade die von den Religionen bereitgestellte Form kollektiven Erinnerns bietet sich für die Erforschung dieser Zusammenhänge an, wie das Beispiel des polnischen Wallfahrtsortes Tschenstochau zeigt: Das Bild-nis der Schwarzen Madonna zog seit Jahrhunderten die Pilgerscharen an und wurde zu einem Symbol kollektiver Erinnerung, das längst auch für den Freiheitswillen der polnischen Bevölkerung steht.

Das östliche Europa erscheint für die Untersuchungen auch deshalb prädestiniert, da die Vielzahl der Religionen und Konfessionen hier einen ganzen Kosmos an Formen religiöser Sinnstiftung im gesellschaftlichen Raum hervorgebracht hat: Geographische Symbole wie die 1335 angelegte Judenstadt Kasimierz bei Krakau, die von den Nationalsozialisten später zum Ghetto gemacht wurde, architektonische Symbole wie den Prager Veitsdom oder realideologische wie zum Beispiel die Stephanskrone, Symbol der ungarischen Einheit.

Besonderes Gewicht liegt auf Erinnerungsorten, die sowohl religiöse, als auch politische Symbolkraft haben, wie der Weiße Berg in Böhmen, wo mit der ersten entscheidenden Schlacht des Dreißigjährigen Krieges 1620 das tschechische Trauma beginnt, das Wunder von Tschenstochau oder auch der Sankt Annaberg in Oberschlesien seit den Aufständen 1921. Dass religiöse Erinnerungen auch Bestandteile von Nationen sein können, zeigt das Beispiel der Slawenapostel Kyrill und Method. Das Eintreffen der beiden Missionarsbrüder in Großmähren am 5. Juli 863 wird in Tschechien und der Slowakei noch heute als Nationalfeiertag begangen.

Dabei interessieren sich die Stuttgarter Wissenschaftler gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern von der Universität Passau und anderen Kollegen besonders für das "Nachleben" beziehungsweise die "Karriere" der jeweiligen Orte über die historischen Umstände der Anfangszeit hinaus. So geht beispielsweise der in der Schlacht auf dem Amselfeld begründete Kosovo-Mythos von einem mittelalterlichen Ereignis aus, das jedoch erst im 19. Jahrhundert kollektiv relevant wurde. Endgültig instrumentalisiert wurde diese Erinnerung durch die Ansprache von Slobodan Milo¨evi? anlässlich der Gedächtnisfeier zum 600. Jahrestag der Schlacht im Jahr 1989, die heute als Fanal zur Diskriminierung der Muslime und als wesentlicher Schritt auf dem Weg in den jugoslawischen Bürgerkrieg gewertet wird.

Ansprechpartner: Prof. Joachim Bahlcke, Historisches Institut, Tel. 0711/685-82341,
e-mail: joachim.bahlcke@po.hi.uni-stuttgart.de

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