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Familienserien im DDR-Fernsehen: Mehr als Unterhaltung

17.02.2009 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Die Familienserien des DDR-Fernsehens erfreuen sich bis heute ungebrochener Beliebtheit und sind immer wieder im Programm von MDR und RBB zu sehen. Gerade Serien wie "Zur See" oder "Zahn um Zahn" locken die Zuschauer vor den Fernseher. Dass diese Serien neben der guten Unterhaltung immer auch ideologische Aussagen transportieren, versteht sich bei Produktionen des Staatsfernsehens eigentlich von selbst. Sascha Trültzsch hat in seiner Dissertation an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine Analyse zum Frauenbild in den Familienserien der 1980er Jahre vorgelegt. Der Medienforscher hat dabei die propagandistischen Komponenten hinter der Unterhaltung herausarbeitet. Vor allem das Familien- und Frauenbild sind für die ideologische Beeinflussung von besonderer Bedeutung, hatte die Staatspartei SED doch genaue Leitbilder entwickelt, wie die Lebensweise der Menschen im Sozialismus auszusehen habe. Die bürgerliche Familie sollte durch die sozialistische ersetzt werden. Beispielsweise wird im Familiengesetzbuch von 1965 formuliert, dass die Drei-Kind-Familie das Leitbild sei, Frauen ganztags erwerbstätig sein sollten und bei der Erziehung auch der Staat über Schulen und Pionierorganisation mitzubestimmen habe. Selbst die gleichberechtigte Aufteilung der Hausarbeit wird in dem Gesetzbuch festgeschrieben.

Den staatlichen Medien kam die Aufgabe zu, solche Leitbilder zu transportieren, um an der Erziehung der Menschen mitzuarbeiten. Rasch stellte sich heraus, dass dazu vor allem Unterhaltungsprogramme geeignet waren, da diese sich beim Publikum großer Beliebtheit erfreuten. Ihr Anteil wurde kontinuierlich ausgebaut und ihre Qualität ständig verbessert. "Es ist eigentlich eine paradoxe Situation, dass die ideologische Botschaft effektiver transportiert wird, wenn sie hinter der Unterhaltung zurückgestellt wird", sagt Sascha Trültzsch.

Aus diesem Grund ist es heute nicht immer einfach, überhaupt propagandistische Beeinflussungsversuche in den Serien auszumachen - an der Oberfläche sind sie nur selten sichtbar. Daraus ergab sich das zentrale Projekt, das Trültzsch in seiner von Prof. Dr. Reinhold Viehoff betreuten Dissertationsschrift angeht, für die der 30-Jährige aufgrund der Note summa cum laude bereits mit der Luther-Urkunde der halleschen Universität geehrt wurde. Nun ist sie unter dem Titel "Kontextualisierte Medieninhaltsanalyse: Mit einem Beispiel zum Frauenbild in DDR-Familienserien" beim VS-Verlag erschienen.

Die Analyse der Familienserien im Rahmen einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Forschergruppe machte deutlich, dass eine komplexe Methode entwickelt werden muss - eine herkömmliche Inhaltsanalyse kann die Feinheiten nicht erfassen. Ausgehend von der Funktion der Medien als vermittelnde Instanz zwischen gesellschaftlichen, kulturellen Phänomenen und der alltäglichen Lebenswelt der Individuen entwickelt Sascha Trültzsch ein neues Konzept der Medieninhaltsanalyse für fiktionale Unterhaltungssendungen im Fernsehen. Dabei kommt Leitbildern als wichtigsten Elementen von medialen Diskursen eine zentrale Bedeutung zu: Sie sind das Medium, mit dem in den Fernsehserien ideologische Botschaften - auch heute noch - transportiert werden.


Mit einer detaillierten Analyse dreier Serien wird dies nachgewiesen und zugleich der Gewinn der neuen Methode belegt. Durch die systematische Berücksichtigung der sozialen, kulturellen und lebensweltlichen Kontexte als Rahmen der Fernsehsendung werden die Medieninhaltsanalyse und die Interpretation der Ergebnisse intersubjektiv nachvollziehbar und prüfbar.

Ansprechpartner:
Dr. Sascha Trültzsch
Telefon: 0345 55 23586
E-Mail: sascha.trueltzsch@medienkomm.uni-halle.de

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