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Geschichte der Harnschau

05.05.2009 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Über Jahrhunderte hinweg waren Ärzte und Laien davon überzeugt, dass allein der Blick auf den Harn eines Menschen fast alle Krankheiten und selbst Schwangerschaften erkennen ließe. Mit der so genannten Harnschau und ihren Hintergründen befasst sich der Medizinhistoriker Professor Michael Stolberg von der Uni Würzburg in seinem neuen Buch. Die Harnschau gehört zu den wichtigsten Diagnoseverfahren in der abendländischen Medizingeschichte: Vom ausgehenden Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert spielte sie in der ärztlichen Praxis und im Alltag der Menschen eine überragende Rolle, wie Michael Stolberg in der Einleitung schreibt: "Sie galt hochgelehrten Professoren ebenso wie einfachen Bauern als die beste Möglichkeit, die verborgenen Krankheitsprozesse im menschlichen Körper zu entschlüsseln."

Von Hippokrates ist der Lehrsatz überliefert, dass bei Patienten mit "durchscheinendem weißen Harn die Krankheit mühselig" verlaufe, was sich am meisten bei Hirnkranken zeige. Farbe und Konsistenz des Harns sowie Beimengungen, das waren die wichtigsten Anhaltspunkte für die Diagnose.

Unterschiedlich bewerteten die Ärzte zum Beispiel Beimengungen, die sich am Boden des Harnglases absetzten, in der Flüssigkeit schwebten oder an ihrer Oberfläche blieben. Letztere wurden bisweilen als Zeichen für Kopfkrankheiten gedeutet, erstere deuteten auf Leiden hin, die unterhalb der Rippen angesiedelt waren.

Mangelware: Historische Untersuchungen zur Harnschau

"Trotz der überragenden Bedeutung der Harnschau hat sich die jüngere medizinhistorische Forschung erstaunlich wenig für dieses Thema interessiert", so Michael Stolberg. Den besten Überblick biete bis heute ein Buch von Camille Vieillard aus dem Jahr 1903. Warum das so ist? Weil die Harnschau heute für Scharlatanerie und Quacksalberei steht. Weil die Auffassung vorherrscht, dass sie nichts zum medizinischen Fortschritt beigetragen, sondern ihn aufgehalten hat.

Stolberg hat trotzdem gute Gründe dafür, sich mit der Harnschau zu befassen: "Die moderne Medizingeschichte beschränkt sich nicht darauf, Fortschritt und Entdeckungen zu beschreiben. Vielmehr will sie die medizinischen Vorstellungen und Praktiken der Vergangenheit aus dem jeweiligen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext heraus begreifen."

Darum geht es in seinem Buch nicht nur um die theoretischen Grundlagen und die praktische Anwendung der Harnschau im medizinischen Alltag. Anhand von Texten und Bildern untersucht er auch die Gründe für das tiefe Vertrauen, das die Menschen über Jahrhunderte hinweg in die Harnschau hatten, und zeigt die Motive für die langsam erwachsende Kritik an der Harnschau auf.

Michael Stolberg: "Die Harnschau. Eine Kultur- und Alltagsgeschichte", Böhlau-Verlag Köln, Weimar, Wien 2009, 285 Seiten, gebunden, 26,90 Euro, ISBN 978-3-412-20318-4

Kontakt: Prof. Dr. Dr. Michael Stolberg, Institut für Geschichte der Medizin, T (0931) 31-83090, michael.stolberg@mail.uni-wuerzburg.de

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