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Werfen und Springen für die Wissenschaft

06.05.2009 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Sportwissenschaftler der TU Chemnitz und der Universität Leipzig beurteilen die motorische Leistungsfähigkeit sächsischer Kindergartenkinder - Ergebnisse entsprechen dem bundesweiten Durchschnitt Einbeinstand, Rumpfbeugen, Hampelmann - 1.338 vier- bis sechsjährige Kinder aus ganz Sachsen haben Sportwissenschaftler der TU Chemnitz und der Universität Leipzig getestet. Die Studie "Motorische Leistungsfähigkeit sächsischer Kindergartenkinder (MoKiS)" hatte das sächsische Staatsministerium für Soziales in Auftrag gegeben. Neben der Erhebung der momentanen körperlich-motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder war ein weiteres Ziel der Studie, zu untersuchen, ob diese davon abhängig ist, wo die Kinder aufwachsen - in einer größeren Stadt oder auf dem Land. Außerdem ziehen die Wissenschaftler einen Vergleich zwischen den sächsischen Daten mit denen der deutschlandweiten KIGGS-Studie der Universität Karlsruhe und des Robert-Koch-Instituts. Darüber hinaus erarbeitet die MoKiS-Studie Schlussfolgerungen für Inhalte künftiger Fortbildungen sächsischer Erzieherinnen.

Für die repräsentative Studie wurde eine Zufallsstichprobe von 50 Kindertagesstätten ausgewählt, die alle Regierungsbezirke und Gemeindegrößen Sachsens prozentual gewertet abdeckt. Sieben Übungen verpackten die Sportwissenschaftler in eine Sportstunde, die von den Kindern nicht als Testsituation wahrgenommen wurde: Bei einer visuo-motorischen Malaufgabe testen sie die Koordination von Hand und Auge. Ein Einbeinstand misst die Gleichgewichtsfähigkeit des Kindes. Standweitsprung erfasst die Sprungkraft sowie die Fähigkeit zur optimalen Kopplung von Teilbewegungen. Seitliches Hin- und Herspringen erhebt die Sprungkraft sowie die Rhythmisierungsfähigkeit und Rumpfbeugen geben Aufschluss über die Beweglichkeit. Die Hampelmann-Übung zeigt die Kopplungs- und Rhythmisierungsfähigkeit; Ballwürfe testen die Fertigkeiten Werfen und Fangen sowie die Differenzierungs- und Reaktionsfähigkeit. Außerdem erfassten die Wissenschaftler Größe und Gewicht der Kinder. Die Daten wurden anonymisiert, vermerkt wurden lediglich Alter, Geschlecht, Regierungsbezirk und Gemeindegröße, um differenzierte Aussagen zum Bewegungsstatus treffen zu können.

Das Gewicht der sächsischen Kindergartenkinder lässt sich im deutschlandweiten Vergleich als normal einschätzen, urteilen die Sportwissenschaftler. Aber: "Es muss eine verstärkte Sensibilisierung von Erzieherinnen hinsichtlich der Bedeutsamkeit ausreichender, moderater bis intensiver Bewegung während der Kindergartenzeit erfolgen", so Katrin Adler, Sportwissenschaftlerin an der TU Chemnitz. Mädchen zeigen in den Aufgaben, für die vor allem Koordination gefragt ist, tendenziell bessere Leistungen als Jungen. Bis zum sechsten Lebensjahr zeigt die Studie für Mädchen bessere Ergebnisse in der Differenzierungs- und Reaktionsfähigkeit sowie in der Auge-Hand- bzw. Feinkoordination. Dagegen erreichen Jungen in den überwiegend energetisch bestimmten Übungen tendenziell bessere Kraft- und Ausdauerleistungen. "Diese Unterschiede könnten auf Übungseffekten in den unterschiedlichen Beanspruchungsbereichen gründen", sagt Adler und erklärt: "Jungen profitieren möglicherweise stärker von intensiven, konditionell geprägten Bewegungsspielen, Mädchen dagegen von vornehmlich koordinativ bestimmten und fertigkeitsorientierten Bewegungsaktivitäten."

Mit Ausnahme der Beweglichkeit stellten die Forscher für alle untersuchten motorischen Fähigkeiten fest, dass die Leistung der Kinder steigt, je älter sie werden. "Dem liegen vor allem reifungs- sowie übungsbedingte Entwicklungen zugrunde", erklärt Adler. Nur selten zeigen die Ergebnisse, dass das Gewicht der Kinder ihre motorischen Fähigkeiten beeinflusst. "Abgesehen von den negativen Gesundheitswirkungen ist anzunehmen, dass ein hoher Gewichtsstatus die Qualität und Quantität der Ausführung von Bewegungsaufgaben in diesen Altersgruppen noch nicht drastisch beeinflusst. Damit ist die Chance gegeben, übergewichtige und adipöse Kinder Freude, Spaß und Erfolge bei Bewegung, Spiel und Sport erleben zu lassen und sie damit für einen lebenslang bewegungsaktiven Lebensstil zu begeistern", so Adler. Ebenfalls keinen Einfluss hat es laut Studie, ob die Kinder aus städtischen oder ländlichen Wohnregion stammen oder in welchem Regierungsbezirk sie zu Hause sind.

Ein Vergleich der sächsischen Daten mit den Ergebnissen der deutschlandweiten KIGGS-Studie ist nur für den "Einbeinstand", das "Seitliche Springen"' das "Rumpfbeugen" sowie den "Standweitsprung" möglich. Dabei weisen sächsische Kinder beim Seitlichen Springen tendenziell bessere Ergebnisse auf als die Kinder der bundesweiten Stichprobe, im Standweitsprung schlechtere. Im Rumpfbeugen ließ sich für die sächsischen Jungen im bundesweiten Vergleich ein besserer Entwicklungsstand feststellen, für die Mädchen ein tendenziell schlechterer. "Die Differenzen sind aber im Gesamten betrachtet als eher minimal einzuschätzen. So kann man davon ausgehen, dass sächsische Kinder in ihrem Bewegungsstatus dem nationalen Stand entsprechen", schätzt Adler ein. Da es keine Vergleichsdaten aus vorausgegangenen Studien in Sachsen gibt, kann keine Entwicklung der motorischen Leistungen angegeben werden - für die Zukunft schlagen die Wissenschaftler deshalb eine entsprechende Untersuchung alle fünf Jahre vor.

Für die Fortbildung der Erzieherinnen ergeben sich aus der Studie einige Schwerpunkte: Bei Koordination und Beweglichkeit zeigten die Wissenschaftler Defizite auf, die sie weniger auf rückläufige Entwicklungstendenzen zurückführen, sondern als Übungsdefizite erklären. "Da diese Fähigkeiten für viele Alltagstätigkeiten wichtig sind, sollte die Fortbildung die Koordination und Beweglichkeit in den Mittelpunkt stellen", betont Adler. Vordergründiges Ziel der Fortbildung sei, die Erzieherinnen für eine verstärkte Integration von Bewegungsangeboten in den Kindergartenalltag zu sensibilisieren und ihnen Anregungen für einen bewegungsorientierten Tagesablauf zu geben. Dabei gehe es ausdrücklich nicht um ein zielgerichtetes Training, sondern um die Nutzung aller sich täglich bietenden Bewegungsmöglichkeiten.


Weitere Informationen erteilt Katrin Adler, Telefon 0371 531-31196, E-Mail katrin.adler@s1999.tu-chemnitz.de.

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