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Über den deutschen Nachholbedarf in der Entwicklungszusammenarbeit Interview mit Dirk Messner

06.05.2009 - (idw) Deutscher Akademischer Austauschdienst e.V.

Im Interview zum neuen DAAD-Hochschulwettbewerb äußert sich Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungszusammenarbeit, zur aktuellen Situation der Entwicklungsforschung in Deutschland. Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern wie England und Frankreich liege Deutschland weit zurück: "Die Entwicklungsforschung wurde an den deutschen Universitäten in den letzten Jahren stark abgebaut. Schwer nachzuvollziehen, denn wer die Globalisierung mitgestalten will, der muss die Welt verstehen." Der Wettbewerb "Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit" könne nun eine Dynamik auslösen, die der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ermöglicht, aufzuholen. Wissenschaftskooperation mit Partnern aus Entwicklungsländern sei wichtig, da sich Probleme nicht mehr regional begrenzen ließen, sondern zunehmend globale Auswirkungen haben. Hinzu kommt die Veränderung des globalen Machtgefüges, mit der in den nächsten Jahrzehnten zu rechnen sei: "Wir erhalten eine neue Weltordnung. Ab 2050 wird das BIP [der Emerging Economies] etwa 25 Prozent über dem der G7 liegen". Um diesen Prozess friedlich und konstruktiv zu gestalten, bräuchten wir einen Internationalisierungsschub in unserer Forschung. (Hintergrundinformation zum Hochschulwettbewerb am Ende des Interviews.)

INTERVIEW

Großer Nachholbedarf in der Entwicklungszusammenarbeit
"Wer die Globalisierung mitgestalten will, muss die Welt verstehen!"

Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik und außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Er begleitet den Wettbewerb "Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit" des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) als Gutachter. Seit März 2009 ist Messner als Stellvertretender Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen tätig.

Was bedeutet der Hochschulwettbewerb des DAAD für die Entwicklungsforschung in Deutschland?

Messner: Er stößt in eine Lücke, die bisher nicht gefüllt war. Die Entwicklungsforschung wurde an den deutschen Universitäten in den letzten Jahren stark abgebaut. Im Zuge von Spezialisierungsprozessen an den Hochschulen wurden Lehrstühle, die sich mit entwicklungspolitischen Fragen beschäftigen, gestrichen. Schwer nachzuvollziehen, denn wer die Globalisierung mitgestalten will, der muss die Welt verstehen - und die Entwicklungsforschung beschäftigt sich mit zwei Dritteln der Länder und der Weltbevölkerung, die nicht zu den reichen OECD-Staaten gehören. Im Vergleich mit anderen westlichen Ländern wie insbesondere England, deren Investitionen in die Entwicklungsforschung um den Faktor Zehn höher ausfallen als bei uns, haben wir einen großen Nachholbedarf. Ich hoffe, dass das Programm des DAAD eine Dynamik auslösen wird, die die deutsche Entwicklungsforschung wieder wettbewerbsfähig macht.

Zwischen der deutschen Entwicklungsforschung und der anderer westlicher Länder besteht also ein starkes Gefälle. Worin sehen Sie die Ursachen hierfür?

Messner: Für Frankreich und Großbritannien ist das entwicklungspolitische Engagement eine direkte Folge ihrer Geschichte als Kolonialmächte. Die deutsche Außenpolitik war hingegen seit 1945, bis zum Fall der Berliner Mauer, im wesentlichen Ostpolitik, was natürlich ebenfalls historisch begründet ist. Auch heute besteht in der französischen und englischen Öffentlichkeit ein wesentlich höheres Interesse an internationalen Entwicklungen als in Deutschland - zu erkennen ist dies unter anderem auch in den Medien: Die BBC berichtet sehr viel mehr aus dem Ausland als dies die Öffentlich-Rechtlichen bei uns tun. Deutschland war eben lange eine Wirtschaftsmacht, ohne entsprechende politische Ambitionen. Dies ändert sich langsam. Damit Deutschland seine internationale Verantwortung wahrnehmen kann, müssen wir auch unsere Forschung zu Fragen globaler Entwicklung verbessern, denn kluge Entwicklungspolitik und wirkungsvolle internationale Politik sind auf exzellentes Wissen angewiesen.

Lange Zeit war Entwicklungsforschung Forschung über Entwicklungsländer und Entwicklungspolitik wurde als einseitige Transferleistung verstanden. Inwiefern findet hier gegenwärtig ein Wandel statt?

Messner: Der Trend, Entwicklungspolitik auf der Basis gemeinsamer Forschung zu betreiben, ist weltweit seit etwa zehn Jahren mit steigender Tendenz zu beobachten. Der DAAD-Hochschulwettbewerb treibt diesen Ansatz jetzt auch in Deutschland maßgeblich voran. Er ist ein Anzeichen dafür, dass sich die Erkenntnis, wonach exzellente Forschung auch in Entwicklungsländern zu finden ist, zunehmend durchsetzt. Zudem lernt man Entwicklungsregionen besser verstehen, wenn man "mit" Forschern aus den Ländern arbeitet, als wenn man nur "über" sie forscht. Beispiele für gute Forschungskompetenzen in Entwicklungsländern gibt es viele. So wird in Afrika intensiv zur Wüstenbildung und zu deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft geforscht, in Brasilien gibt es zahlreiche Projekte zum Regenwaldschutz und in China wurden die erfolgreichsten Programme zur Armutsbekämpfung entwickelt. Ein Problem besteht jedoch darin, dass gute Forscher aus diesen Ländern vielfach in die Industrieländer abwandern. Darum sind Programme zur Stärkung der dortigen Hochschulen dringend erforderlich. Sie bieten den einheimischen Experten einen Anreiz, vor Ort zu bleiben. Dort werden sie als Ansprechpartner für ihre Kollegen aus den Industrieländern dringend benötigt.

Warum ist Wissenschaftskooperation so wichtig?

Messner: Sie ist wichtig, weil sich Probleme nicht mehr regional begrenzen lassen, sondern in zunehmendem Maße globale Auswirkungen haben. Armut produziert politische Instabilität, ist Grundlage für das Scheitern von Staaten, in denen sich Terrorismus, Menschenhandel und Piraterie ausbreiten. Epidemien machen nicht vor Ländergrenzen halt und Wasser- oder Lebensmittelknappheit führt zu verstärkter Migration in die Industrieländer. Um hier gegenzusteuern, müssen gemeinsam Lösungen gefunden werden. Die meisten großen Weltprobleme sind nur in Kooperation mit den Entwicklungsländern lösbar - deshalb müssen wir auch gemeinsam zu diesen Fragen forschen. Die zentralen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte werden an den Grenzen zwischen den unterschiedlichen Wirtschaftssystemen, politischen Systemen und Naturräumen angesiedelt sein. Bestes Beispiel ist der Klimawandel. Ab 2030 werden die Entwicklungsländer wesentliche Treiber der Erderwärmung sein. Nur wenn wir genau wissen, was in diesen Ländern wirtschaftlich passiert, können wir darauf noch Einfluss nehmen. Die klassische Entwicklungsforschung war geprägt durch unsere westlichen, europäischen Sichtweisen; in der globalisierten Welt brauchen wir einen 360-Grad-Blick auf die Weltprobleme, wenn wir Lösungen finden wollen: Internationale Forscherteams müssen die Herausforderungen aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten.

Das bedeutet auch, dass Wissenschaftskooperationen eine wichtige Funktion für die Außenpolitik haben?

Messner: Internationale Forschungsprojekte können wichtige Grundlagen für die Außenpolitik liefern. Wir erhalten in den nächsten Jahrzehnten eine neue Weltordnung. Die G7-Staaten, also die führenden Industrieländer, werden relativ an Bedeutung verlieren. Zurzeit ist das Bruttosozialprodukt (BIP) der G7 etwa drei mal so hoch wie das der E7, der Emerging Economies oder Schwellenländer, zu denen beispielsweise Brasilien, China, Russland und die Türkei zählen. Ab 2050 wird deren BIP etwa 25 Prozent über dem der G7 liegen. Damit verändert sich das weltweite Machtgefüge fundamental. Um diesen Prozess friedlich und konstruktiv zu gestalten, brauchen wir deutlich mehr Forscher zu Fragen internationaler Entwicklung und einen Internationalisierungsschub in unserer Forschung.

Es müsste also noch deutlich mehr Geld in die Entwicklungspolitik investiert werden. Können wir uns das angesichts der Wirtschaftskrise überhaupt leisten?

Messner: Wir sollten die Lösung der Wirtschaftskrise mit der Überwindung entwicklungspolitischer Probleme zusammendenken. Die Krise bietet eine einmalige Chance zum Strukturwandel. Förderung der Wirtschaft kann gleichzeitig Stärkung des Klimaschutzes sein, ohne den die Entwicklungsländer in eine fatale Entwicklungskrise geraten werden. Zurzeit wird beispielsweise einseitig die alte Autoindustrie gestärkt. Warum stecken wir das Geld für die Abwrackprämien nicht in die Weiterentwicklung des Elektroautos? Die Unterstützung der Industrie durch Steuergelder sollte an Bedingungen geknüpft werden: Reduktion des Schadstoffausstoßes bis 2050 um 80 Prozent. Statt die alten Strukturen wieder aufzubauen, können wir neue entwickeln. Zudem darf in der Weltwirtschaftskrise der weltweite Armutsbekämpfung nicht vernachlässigt werden, sonst droht nach der Wirtschaftskrise eine internationale humanitäre Krise, die leicht in Gewalt münden kann.

Die Fragen stellte Kristin Mosch im Auftrag des DAAD.

Hintergrundinformation:
Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit
Um die Wissenschaftskooperation mit Entwicklungsländern zu stärken, hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) den Wettbewerb "Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit" ausgeschrieben. Mit dem Programm sollen fünf Hochschulen mit einer Million Euro pro Jahr über einen Zeitraum von fünf Jahren gefördert werden. Die Mittel dazu stellt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bereit. Ziel ist der Aufbau von fünf Think Tanks, an denen Forschung und Lehre gemeinsam mit Hochschulen aus Entwicklungsländern betrieben werden. Die fünf Zentren sollen mit ihren Projekten alle acht Millennium Development Goals (MDG) der Vereinten Nationen abdecken. Die Gewinnerhochschulen werden im Juni 2009 bekannt gegeben.


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