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Alte Sprachen richtig verstehen

27.08.2009 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Indogermanisten der Universität Jena starten neues DFG-Forschungsprojekt Jena (27.08.09) "Paul hat Paula auf die Stirn geküsst." Welche besondere Information liefert dieser Satz? Je nach Intonation kann er bedeuten, dass Paul - und nicht Stephan oder Peter - Paula geküsst hat. Oder dass eben Paula geküsst wurde - und nicht Sabine oder Susanne. "Andererseits kann der Fokus auch darauf gerichtet sein, dass er sie auf die Stirn - und nicht etwa die Wange - geküsst hat", macht Dr. Susanne Schnaus von der Friedrich-Schiller-Universität Jena deutlich. "In gesprochenen Sprachen lässt sich die fokussierte Information meist leicht heraus hören", erläutert die Indogermanistin weiter.

Doch wie wurden diese Informationen in alten Sprachen strukturiert, die heute nicht mehr gesprochen werden? "Oftmals gibt es weder phonologische noch morphologische oder syntaktische Markierungen, die die Information eindeutig strukturieren", so Dr. Schnaus. Die Jenaer Indogermanisten haben deshalb das Forschungsprojekt "Informationsstruktur in älteren indogermanischen Sprachen" ins Leben gerufen. Darin wollen sie in den kommenden drei Jahren die Sprachen Latein, Griechisch, Hethitisch und Altindisch untersuchen und die verschiedenen Dimensionen ihrer Informationsstruktur entschlüsseln. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell gefördert.

"Altindogermanische Sprachen sind morphologiereiche Sprachen, die eine sehr freie Wortstellung ermöglichen", sagt Prof. Dr. Rosemarie Lühr, unter deren Leitung das Projekt bearbeitet wird. "Wir vermuten, dass diese Freiheit genutzt wurde, um in mehrdeutigen Sätzen deutlich zu machen, welche Information im Fokus stehen soll", so die Inhaberin des Jenaer Lehrstuhls für Indogermanistik weiter.

Der Schwerpunkt des neuen Projekts liegt auf den so genannten "pragmatischen" Kategorien, wie z. B. Topik, Fokus, Definitheit. Diese sind für die Informationsstruktur besonders relevant, da sie Aufschluss darüber geben, wie der Inhalt des Textes zu verstehen ist. Daneben sollen auch semantische und stilistische Kategorien sowie rein grammatische Angaben wie Wortarten- und Phrasenbestimmung annotiert werden. Die erfassten Daten wollen die Indogermanisten anschließend über eine Datenbank öffentlich zugänglich machen und so auch anderen Sprachwissenschaftlern zur Verfügung stellen. "Auf Basis dieser Analyse lassen sich dann sprachtheoretische Aussagen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den verschiedenen indogermanischen Sprachen treffen", erwartet Dr. Carlotta Viti, die das Projekt mit Dr. Schnaus bearbeitet. "Vielleicht lässt sich dann sogar die Informationsstruktur des Indogermanischen entschlüsseln - einer Sprache, die vor rund 6.000 Jahren gesprochenen wurde."

Kontakt:
Dr. Susanne Schnaus
Lehrstuhl für Indogermanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Zwätzengasse 12
07743 Jena
Tel.: 03641 944086
E-Mail: s.schnaus[at]gmx.de
Weitere Informationen: http://www.uni-jena.de
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