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Die Stadt im Kopf

08.09.2009 - (idw) Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Städte entstehen zuerst auf dem Papier und erst dann auf festem Grund. ETH-Bibliothek, Graphische Sammlung und das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) an der ETH Zürich zeigen in der Ausstellung "Die Stadt: Ihre Erfindung in Büchern und Grafiken" aussergewöhnliche Originalexponate. 59 Bücher, welche für "die Bauschule von Interesse sind" - diese bescheidene Zahl gibt die ETH-Bibliothek bei ihrer Gründung 1856 im ersten Bibliothekskatalog an. Die Bibliothek des Polytechnikums musste damals komplett neu aufgebaut werden, und da die Architektur einen Schwerpunkt bildete, machten diese Werke neun Prozent des gesamten Bestandes aus. Heute birgt die ETH-Bibliothek in der Sammlung Alte Drucke ungeheure Schätze, die sie zusammen mit solchen aus der Graphischen Sammlung und dem Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) erstmals in einer gemeinschaftlichen Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Vitruv als Fundament

Da nur knappe Mittel für Ankäufe zur Verfügung standen, konnten die Professoren Vorschläge einreichen, welche Bücher für das Studium der Architektur unabdingbar sind. Gottfried Semper - damals Professor an der ETH Zürich - empfahl ungeniert, eine seiner eigenen Schriften anzuschaffen. Ein anderes Werk durfte aber unter keinen Umständen fehlen: Die "Zehn Bücher über Architektur" des römischen Architekturschriftstellers und Baumeisters Marcus Vitruvius Pollio, kurz Vitruv genannt. Vitruvs Schriften bilden seit der Antike den theoretischen Unterbau für die Architektur und werden bis heute immer wieder neu aufgelegt. Die ETH-Bibliothek zeigt in der Ausstellung die Schönsten der 26 Ausgaben, welche sich in ihrem Besitz befinden; darunter seltene Exemplare aus dem 16. Jahrhundert.

Die Stadt als Bühne

Papst Pius V. spendet von der Balustrade herab den Segen "urbi et orbi". Der Strom der Gläubigen ergiesst sich förmlich auf den Petersplatz, so dass Pferde und Wagen in der knienden Menge unterzugehen drohen. Die Radierung aus einer Mappe mit Ansichten von Rom des Verlegers Antonio Lafreri von 1573 ist zentralperspektivisch angelegt: Papst Pius V. steht sowohl grafisch wie symbolisch im Mittelpunkt und präsentiert sich unter der Kuppel des Petersdoms, die sich gerade im Bau befindet. Beim Betrachten dieses Bildes aus den Beständen der Graphischen Sammlung wird schnell klar: Hier inszeniert sich jemand in der städtischen Kulisse.

Die Stadt als Bühne: Ein Schwerpunkt der Ausstellung thematisiert, wie aus einer Stelle bei Vitruv in der Renaissance ein enger Zusammenhang zwischen Stadt und Theater konstruiert wird. Da nach Aristoteles nur Adlige zur Tragödie fähig sind, werden bei Vitruv Säulen, Giebel und andere Elemente des Königsplastes zu Elementen der tragischen Szenerie. Erker, Fenster und gewöhnliche Wohnhäuser hingegen verleihen komödiantischen Charakter. Wie dies die Stadtvisionen der Architekten und Künstler in Renaissance, Barock und Klassizismus inspiriert, wird in der Ausstellung in vielen Beispielen greifbar.

Höhepunkte aus Kunst und Technik

Was die Sammlungen der ETH Zürich für diese Ausstellung zusammentragen, ist von höchster Qualität: Die Besuchenden dürfen sich auf Kunstwerke von Albrecht Dürer, Canaletto, Karl Friedrich Schinkel oder Gottfried Semper freuen. Die Stadt: Ihre Erfindung in Büchern und Grafiken changiert zwischen Kunst und Technik und zeigt deshalb auch einmalige technische Darstellungen - so zum Beispiel Hubert Gautiers Traktat zur Strasse. Schon 1716 kam Gautier auf die Idee, einen Querschnitt nicht nur von den Gebäuden, sondern auch von Strassen zu zeichnen und legte so den Grundstein zum modernen Strassenbau.


Einen ungewöhnlichen "Stadtplan" hat auch die Ausstellung selbst: Sie beginnt mit einer Installation, welche die Besuchenden in der Haupthalle der ETH Zürich empfängt und in die Graphische Sammlung leitet, wo die wertvollen Originalex-ponate gezeigt werden. Abgerundet wird die Ausstellung durch einen reich bebilderten und lesenswert kommentierten Katalog des gta-Verlags.
Weitere Informationen: http://www.ethbib.ethz.ch/exhibit/
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