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DJI Online Thema 2009/09: Was kommt nach dem Streik? Acht Fakten zur Lage der ErzieherInnen

08.09.2009 - (idw) Deutsches Jugendinstitut e.V.

DJI-Direktor Prof. Dr. Thomas Rauschenbach nennt als zentrale Herausforderung der nächsten Jahre - neben einer Einkommensverbesserung - eine parallel zu leistende Weiterqualifizierung der derzeit arbeitenden 380.000 pädagogischen Fachkräfte, wenn die Kita-Bildungsreform ernsthaft umgesetzt werden soll.
Er plädiert für eine groß angelegte Qualifizierungsoffensive, für die die Weiterbildungsinitiative frühpädagogischer Fachkräfte WiFF, (http://www.weiterbildungsinitiative.de) derzeit entscheidende Bausteine entwickelt.
Für Rauschenbach sind die abgeschlossenen Gehaltsauseinandersetzungen "nur ein markanter und öffentlich gut sichtbarer Punkt eines insgesamt enormen Reformbedarfs für ein wichtiges Teilstück in der nachholenden Modernisierung der deutschen Kinder- und Familienpolitik". Den Fachkräften komme dabei eine Schlüsselrolle zu: "Entweder als Türöffner in ein neues Zeitalter des Aufwachsens in öffentlicher Verantwortung oder aber als verwundbare Achillesferse einer halbherzigen Qualifizierungsoffensive".

Im Vorfeld des diesjährigen Bundeskongresses für Soziale Arbeit (http://www.bundeskongress-soziale-arbeit.de) hat das DJI im Rahmen seines Forschungsverbundes mit der TU Dortmund die Beschäftigungsverhältnisse und sozialen Lebenslagen der Fachkräfte in Krippen, Kindergärten und Horten genauer unter die Lupe genommen:

1. Beschäftigungsvolumen: Im März 2008 waren in den bundesdeutschen Kindertageseinrichtungen knapp 380.000 Personen pädagogisch tätig - Tendenz steigend.
Zum Vergleich: An den Grundschulen Deutschlands arbeiten rund 190.000 Lehrkräfte. Bedingt durch den Ausbau der Betreuungseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren und den steigenden Bedarf an Ganztagesplätzen im Grundschulalter hat das Berufsfeld im Unterschied zur Schule bis heute seine "maximale" Größe noch nicht erreicht.
2. Geschlechterfrage: Kindertageseinrichtungen sind bis heute ein fast männerfreies Arbeitsfeld. Mit Anteilen von rund 97 Prozent weiblichen Arbeitskräften liegt dieser Bereich in der Spitzengruppe hochgradig geschlechtsspezifisch strukturierter Teilarbeitsmärkte.
3. Altersstruktur: Aus einem ehemals ausgesprochen jungen Arbeitsfeld ist inzwischen ein Teilarbeitsmarkt geworden, in dem sich eine breite Verteilung über alle Altersgruppen hinweg zeigt. Das einstige Image des "Durchgangsberufs", in den man in jungen Jahren einsteigt, um dann alsbald wieder auszusteigen, ist so nicht mehr zu beobachten. Zum anderen zeigt sich aber auch, dass das Arbeitsfeld der Kindertageseinrichtungen im Unterschied zur Berufsgruppe der Lehrkräfte nicht vor einer vergleichbar dramatisch hohen Verrentungswelle steht. Dennoch werden in Ostdeutschland in den nächsten Jahren zahlreiche Stellen frei.
4. Migrationshintergrund: Im Arbeitsfeld der Kindertageseinrichtungen finden sich bislang erstaunlich wenige pädagogisch Tätige, die eigene Migrationserfahrung aufweisen.
Nur 7 Prozent der ErzieherInnen wurden nicht in Deutschland geboren oder hatten bei Geburt keine deutsche Staatsangehörigkeit. Demgegenüber leben laut amtlicher Kinder- und Jugendhilfestatistik ein Viertel der Kinder in den Kitas in Familien, in denen mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren wurde. Insofern ist zu fragen, wie zukünftig mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund für dieses Arbeitsfeld gewonnen werden können.
5. Beschäftigungsverhältnisse: Lag der Anteil der Teilzeitstellen 1974 bei lediglich 23 Prozent, so ist inzwischen bundesweit weit mehr als jede zweite pädagogisch tätige Person
(61 Prozent) in einer Kita nur als Teilzeitkraft tätig. Auch bei der Befristung der Verträge ist ein leichtes Plus festzustellen. Beide Faktoren können sich als hinderlich bei der notwendigen Weiterqualifizierung der Fachkräfte erweisen.
6. Einkommenssituation: ErzieherInnen verdienen je nach Bundesland, Kommune und Art der Einrichtung und Tätigkeit zwischen 1.700 und 2.900 Euro. Die nach wochenlangem Arbeitskampf vereinbarten Neugruppierungen im Tarifvertrag für kommunale Kindertagesstätten und Sozialeinrichtungen treten ab 1. November 2009 in Kraft. Von dem Abschluss profitieren vor allem BerufeinsteigerInnen durch eine monatliche Einkommensverbesserung um 160 Euro. Damit besteht immer noch ein deutlicher Abstand zum Einkommen der verbeamteten Lehrkräfte in den Grundschulen.
7. Qualifikation: 71 Prozent aller pädagogisch tätigen Personen in den bundesdeutschen Kindertageseinrichtungen haben eine Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher absolviert
(rund 270.000 Fachkräfte). Der Anteil der KinderpflegerInnen liegt derzeit bei 13 Prozent (44.000 Personen), nimmt aber stetig ab. Im Vergleich zum europäischen Ausland ist der AkademikerInnenanteil von Fachkräften in deutschen Kindertageseinrichtungen deutlich geringer. Folglich wird im Zuge des Ausbaus der Kinderbetreuung nicht nur der quantitative Bedarf, sondern auch die Qualifizierung des Fachpersonals intensiv diskutiert. Tina Friederich (DJI) hat die Ausbildung der frühpädagogischen Fachkräfte in anderen europäischen Ländern untersucht, um daraus mögliche Denkanstöße für die Debatte in Deutschland abzuleiten. Im DJI-Gespräch stellt sie ihre Ergebnisse vor.
8. Weiterbildung: Die Weiterbildung der heutigen Fachkräfte wird zu einem Kernelement der Qualifizierungsoffensive der nächsten Jahre werden. Die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) hat das Ziel, Innovationen im Aus- und Weiterbildungssystem frühpädagogischer Fachkräfte zu initiieren, zu fördern und zu begleiten. WiFF ist eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut. Wesentliches Anliegen des auf fünf Jahre angelegten Projekts ist die länder- und trägerübergreifende Vernetzung der zuständigen Akteure, Entscheider und Anbieter im frühpädagogischen Arbeitsfeld.


In Gastbeiträgen kommen außerdem zu Wort:
Prof. Dr. Rita Süssmuth, ehemalige Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit und erste Frauenministerin auf Bundesebene.
Norbert Hocke, Vorstandsmitglied und Leiter des Vorstandsbereiches "Jugendhilfe und Sozialarbeit" beim Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin sowie Sprecher des Bundesforums Familie und Jana Krenn, eine junge Erzieherin aus Überzeugung.

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