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Individualisierungen kein Privileg der Moderne

09.09.2009 - (idw) Universität Erfurt

Internationale Konferenz an der Universität Erfurt lieferte interessante Forschungsergebnisse Das direkt von Rom und nicht mehr durch die lokalen Gemeinde gewährte römische Bürgerrecht, das Steuerwesen und die Möglichkeit, sich jederzeit aus Syrien wie Germanien an den römischen Kaiser wenden zu können, haben einen enormen Individualisierungsschub im antiken römischen Reich ausgelöst, der auch in der Religionsgeschichte massive Konsequenzen hatte. Diesen überraschenden Befund stellte Clifford Ando von der University of Chicago (zur Zeit Fellow am Max-Weber-Kolleg) im Rahmen einer internationalen Konferenz an der Universität Erfurt vor.

Weitere Forschungsergebnisse deuten in dieselbe Richtung. In den Mishna-Texten der frühen Rabbinen wird es zur Aufgabe des einzelnen, den fehlenden politischen Rahmen eines jüdischen Gemeinwesens durch die Eindeutigkeit des eigenen Verhaltens zu ersetzen und durch Einhaltung strenger Reinheitsvorschriften dem römischen Imperialismus entgegenzutreten. Allerdings können solche Prozesse je nach Geschlecht sehr unterschiedliche Konsequenzen haben, wie Charlotte Fonrobert von der Stanford University aufzeigte. Es zeigt sich auch, dass von "Individualisierung" auf unterschiedlichen Feldern und in unterschiedlichen Formen gesprochen werden muss. Neben die angesprochene "republikanische" Individualisierung treten Formen, die sich durch das Bemühen um die Verwirklichung eigener Individuierung gerade in engeren sozialen Beziehungen auszeichnen. Religion bietet mit neuen Formen von Buchreligiosität, Mysterienkulten und Jenseitsperspektiven wichtige Bereiche für individuelles Handeln und Reflektieren. Das reicht von Kultstiftungen (Annette Hupfloher) bis hin zu Begräbnissen bei Heiligtümern (Wolfgang Spickermann, beide Erfurt) schon außerhalb des Christentums.

Die am heutigen Mittwoch (9.9.2009) in Erfurt zuendegegangene viertägige Konferenz ist Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Programms "Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive", die als Arbeitsgruppe am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt angesiedelt ist. Prof. Jörg Rüpke, einer der beiden Sprecher der Gruppe, zeigte sich mit dem Ergebnis überaus zufrieden. "Die Tagung hat die Fruchtbarkeit der Fragestellung unter Beweis gestellt. Der Blick auf Individuen statt auf Kollektive zeigt für die Vormoderne ganz neue Felder gerade auch religiöser Handlungsmöglichkeiten auf. Unser Bild von der Religionsgeschichte der Antike und dem Christianisierungsprozess der Spätantike beginnt sich deutlich zu verschieben." Die Beiträge der Konferenz haben reichhaltige Ergebnisse geliefert und sollen in thematisch zugespitzter Auswahl durch eine Publikation zugänglich
gemacht werden.

Weitere Informationen/ Kontakt: joerg.ruepke@uni-erfurt.de

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