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Konsequenter Artenschutz weiter erforderlich: Bundesamt für Naturschutz präsentiert Rote Liste der Wirbeltiere in Deut

06.10.2009 - (idw) Bundesamt für Naturschutz

o Naturschutzmaßnahmen zeigen erste Erfolge bei Säugetieren, Brutvögeln und Süßwasserfischen
o Feldhamster weiter stark gefährdet, hohes Risiko für das Überleben von
Wolf und Großem Mausohr Berlin/Bonn, 6. Oktober 2009: Heute wurde in Berlin die "Rote Liste der gefährdeten Wir-beltiere Deutschlands" vorgestellt. Sie wird alle zehn Jahre unter Federführung des Bundes-amtes für Naturschutz (BfN) zusammen mit zahlreichen ehrenamtlichen Expertinnen und Experten erarbeitet und wäre ohne deren beachtliches und überwiegend ehrenamtliches Engagement nicht realisierbar. Die Roten Listen beschreiben die Gefährdungssituation der Tier-, Pflanzen- und Pilzarten in unserem Land. "Bei vielen Arten zeigt der Vergleich ihrer Bestandsentwicklung während der letzten Jahre mit dem vorausgegangenen langfristigen Trend eine erfreuliche Verbesserung ihrer Situation. Durch konsequenten Naturschutz konn-ten beispielsweise die Vorkommen des Fischotters stabilisiert werden", sagte BfN-Präsidentin Prof. Beate Jessel. "Bei vielen anderen Arten beobachten wir aber fortschreiten-de Rückgänge, die weiteren Handlungsbedarf zeigen", so Beate Jessel mit Blick auf die Ko-alitionsverhandlungen. "Nach gegenwärtigem Stand wird Deutschland das 2010-Ziel der EU, den Rückgang der biologischen Vielfalt zu stoppen, für den Bereich des Artenschutzes deut-lich verfehlen."

Die Bilanz der Naturschützer umfasst die 478 heimischen Arten der Säugetiere, Brutvögel, Kriechtiere, Lurche, Süßwasserfische und Neunaugen. Von ihnen werden aktuell nun 207 Arten (43 Prozent) in die Gefährdungskategorien der Roten Liste eingestuft. Fast 28 Prozent (132 Arten) sind aktuell bestandsgefährdet. Zusammen mit den bereits verschwundenen 32 Arten droht Deutschland damit der Verlust von einem Drittel seiner terrestrischen Wirbeltier-fauna. Weitere 9,2 Prozent (44 Arten) sind auf der Vorwarnliste und bedürfen einer beson-deren Aufmerksamkeit, weil bei ihnen die Gefahr besteht, dass sie künftig in eine Gefähr-dungskategorie gelangen. "Wir müssen es dabei unbedingt vermeiden, dass weitere Arten von der Gefährdungskategorie 2 "stark gefährdet" hinaus in die Kategorie 1 "vom Ausster-ben bedroht" rutschen", so Jessel. "Wenn es für die betreffende Tier- oder Pflanzenart erst einmal fünf vor zwölf ist, lässt sich ein endgültiges Verschwinden aus Deutschland wenn überhaupt, nur noch mit sehr hohem Aufwand verhindern." Den Gefährdungsanalysen liegt für die einzelnen Arten eine umfangreiche und mittlerweile deutlich verbesserte Datenbasis zugrunde.
Ein wichtiges positives Signal, auch für den Erfolg von Naturschutzmaßnahmen, sind die deutlichen Bestandeserholungen bei 44 Arten und damit mehr als 9 % der betrachteten Ge-samtmenge. Bei fünf dieser Arten ist die Trendumkehr besonders stark, denn deren Bestän-de waren zuvor lange Zeit zurückgegangen. Bei Fischotter, Wolf und Biber ist die Trend-wende eindeutig ein Erfolg des Naturschutzes. Auch bei Wildkatze, Großem Mausohr, Fran-senfledermaus und Seehund ist zu beobachten, dass Schutzmaßnahmen wirken. "Allerdings unterliegen Wolf und Großes Mausohr speziellen Risikofaktoren, die eine Fortsetzung der positiven Entwicklung in Frage stellen. Hierzu zählen die Abhängigkeit von langfristig nicht sichergestellten Naturschutzmaßnahmen (Jagdverbot, Sicherung von Brutquartieren) und die Gefährdung durch Lebensraumzerstörungen (Zerschneidung durch Verkehrswege, Ge-bäudesanierungen). Ein konsequenter Artenschutz bleibt daher weiter erforderlich", sagte BfN-Präsidentin Jessel.
Trotz regional ermutigender Entwicklungen, z.B. bei Mauereidechse und Äskulapnatter, sind die Kriechtiere die in Deutschland am stärksten gefährdete Wirbeltiergruppe. Von den 13 heimischen Arten sind über 60 Prozent bestandsgefährdet, darunter die Sumpfschildkröte und die Würfelnatter. Dies hängt wesentlich mit der Lebensweise der Wärme liebenden Kriechtiere zusammen, denn günstige Ruhe- und Eiablage-Plätze in sonniger Lage sind für sie selten geworden. Deshalb sind Schutzgebiete, in denen es störungsfreie Zonen an Ge-wässern, auf Felsen oder an Trockenhängen gibt, für Eidechsen und Schlangen besonders wichtig.
Die unverändert starken Rückgänge u.a. bei Feldhamster, Seggenrohrsänger, Rotkopfwür-ger, Kampfläufer, Großtrappe, Goldregenpfeifer, Alpenstrandläufer, Seeregenpfeifer, Bekas-sine, Wendehals und Kiebitz sind alarmierend. "Hier ergibt sich für den Naturschutz weiterer Handlungsbedarf, insbesondere in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft", sagte Beate Jessel. "Ackergebiete, in denen noch Feldhamster leben, dürfen nicht völlig ausgeräumt werden. Mehrjährige Kulturen und krautreiche Ackerrandstreifen gehören zu einer hamster-gerechten Bewirtschaftung dazu, damit die Tiere ausreichende Wintervorräte sammeln kön-nen", erläuterte die BfN-Präsidentin.
Für Brutvögel der Feuchtwiesen, wie Kiebitz, Bekassine, Kampfläufer, Alpenstrandläufer und Seggenrohrsänger, ist es notwendig, die Zerstörung ihrer Lebensräume durch Entwässe-rung und Nutzungsänderungen endlich zu stoppen. Die Verkleinerung der Milchviehbestän-de und die Förderung des Biomasseanbaus stellen jedoch neue Bedrohungen für Wiesen und Weiden dar, weshalb günstigere Zeiten für diese Vogelarten in weite Ferne rücken. Ei-ner immer intensiveren Landnutzung fallen auch der Wendehals und der Rotkopfwürger als Bewohner der mageren Trockenrasen und Heiden zum Opfer. Welche Konsequenzen der drohende Klimawandel für das Überleben unserer Wirbeltierarten mit sich bringt, konnte bei der aktuellen Gefährdungsanalyse noch nicht abgeschätzt werden.
Besonders hohe Aufmerksamkeit verdienen die Endemiten, das sind Arten, die nur in Deutschland vorkommen, sowie die sogenannten "Verantwortlichkeits-Arten". Bei diesen sind die Vorkommen in Deutschland für die Erhaltung der Art weltweit unverzichtbar, wes-halb die Bundesrepublik für sie eine besondere Verantwortlichkeit trägt. Als Beispiel ist hier die stark gefährdete Gelbbauchunke zu nennen.
"Mit höchster Priorität muss das Aussterben der Chiemsee-Renke und des Ammersee-Kilchs verhindert werden, da Deutschland für diese beiden Fische eine besonders hohe weltweite Verantwortlichkeit besitzt. Beide Fische sind vom Aussterben bedroht und deshalb in die Kategorie 1 der Roten Liste eingestuft", sagte BfN-Präsidentin Jessel. In den letzten 50 Jahren seien mit dem Bodensee-Tiefseesaibling und dem Bodensee-Kilch bereits zwei Fischarten ausgestorben, deren Verbreitungsgebiete ausschließlich den Bodensee umfass-ten.


Bezugshinweis:
Das Werk ist ab Mitte Oktober im Handel erhältlich und erscheint im Landwirtschaftsverlag in der BfN Schriftenreihe "Naturschutz und Biologische Vielfalt" unter dem Titel:
Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands
Band 1: Wirbeltiere.
Naturschutz und Biologische Vielfalt Heft 70 (1)

Bezug über: BfN-Schriftenvertrieb im Landwirtschaftsverlag
48084 Münster
oder im Internet: www.lv-h.de/bfn
ISBN 978-3-7843-5033-2
Preis: 39,95

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