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"Ein völlig unzureichender Zwischenschritt!"

21.12.2009 - (idw) Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Michael Hüttner promoviert am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena und gehört dem Young Expert Team des Global Observatory an. Darin haben sich junge Wissenschaftler zusammengeschlossen, um die Klimaverhandlungen zu beobachten und transparent zu machen. Wir sprachen mit ihm über die Ergebnisse der Klimakonferenz in Kopenhagen. Herr Hüttner, sind Sie frustriert?

Hüttner: Ja, das kann ich nicht anders sagen. Die Industrieländer können zwar so tun, als sei die Konferenz nicht gescheitert. Aber der Minimal-Kompromiss, den die Staaten hier erreicht haben, stellt aus wissenschaftlicher Sicht einen völlig unzureichenden Zwischenschritt bei der Umsetzung des Aktionsplans von Bali dar.

Was sieht dieser Aktionsplan vor?

Hüttner: Bei der Klimakonferenz 2007 auf Bali hatten sich die Staaten geeinigt, in den kommenden zwei Jahren folgende Ziele zu verhandeln: ein globales langfristiges Emissions-Reduktionsziel, ambitionierte mittelfristige Reduktionsziele für die Industrie- und Schwellenländer, sowie eine effektive Kontrolle dieser Reduktionsverpflichtungen. Gleichzeitig versprachen die Industriestaaten den Entwicklungsländern finanzielle Unterstützung für die Anpassung an den Klimawandel, Technologietransfer und die Reduktion von Emissionen aus Entwaldung und Walddegradierung.

Nur im Punkt der Finanzzusagen wird das Ergebnis von Kopenhagen einigermaßen den Erwartungen gerecht. Darüber hinaus ist das einzig nennenswerte Ziel in den "Copenhagen Accords" eine Begrenzung der globalen Durchschnittstemperatur unter zwei Grad Celcius Erwärmung.

Reicht die Festschreibung des Zwei-Grad-Ziels?

Hüttner: Die ist ja nicht einmal rechtlich verbindlich.

Das müssen Sie uns erklären...

Hüttner: Bei dem Abschlussdokument handelt es sich um kein offizielles Beschlusspapier der Vereinten Nationen, das einen Konsenz aller Staaten erfordert. Statt dieses Dokument mit ihrer Unterschrift anzunehmen, bestätigen die Verhandlungsführer in einem Anhang nur, dass sie es zur Kenntnis nehmen. Nur mit dieser Konstruktion ist man überhaupt zu einem Ergebnis gekommen. Und am Ende wurden die am meisten betroffenen Entwicklungsländer - man kann es nicht anders sagen - auch noch erpresst. Hätten sie sich diesem Vorgehen verweigert, wären auch die Hilfszusagen nichtig gewesen.

Hätte man nicht mehr erwarten können angesichts von fast 120 Staats- und Regierungschefs, die in Kopenhagen um eine Einigung gerungen haben und sich die Blamage eines Scheiterns ersparen wollten?

Hüttner: Gerade das finde ich sehr schade: Die Anwesenheit von so vielen Staats- und Regierungschefs und das enorme zivilgesellschaftliche Engagement haben ein unheimliches Momentum aufgebaut, das nicht genutzt wurde. Es wird sehr schwer, noch einmal solch eine Situation zu schaffen. Zumal ich fürchte, die entscheidenden Verhandlungen werden künftig zunehmend hinter verschlossenen Türen geführt - Kopenhagen war da vielleicht ein Präzendenzfall.

Am Ende waren von 22.000 Vertretern aus der Wissenschaft und von Nichtregierungsorganistaionen nur noch 500 bei den offiziellen Verhandlungen zugelassen.

Hüttner: In den ersten Tagen war das ein sehr bunter Haufen im Konferenzzentrum. Es hat für einigen Unmut gesorgt, dass die Teilnehmerzahl im Nachhinein so drastisch beschränkt wurde. An der entscheidenden Sitzung in der Nacht zum Samstag waren nicht einmal mehr alle Länder beteiligt: Am Ende haben Vertreter von 30 Ländern den Minimal-Kompromiss ausgehandelt. Und unabhängige Beobachter waren erst recht nicht zugelassen.

Welche Folgen könnte es haben, wenn wichtige Verhandlungen künftig nur noch in einem kleinen Kreis von Regierungsvertretern stattfinden?

Hüttner: Da fehlt zum einen der öffentliche Druck. Zum anderen kommen dabei Beschlüsse zustande, die im Plenum nachher möglicherweise scheitern, wie es hier auch beinahe der Fall gewesen wäre.

Hatten Sie den Eindruck, dass die Wissenschaftler auch in Kopenhagen nicht ausreichend gehört wurden?

Hüttner: Die Vertreter der deutschen Delegation haben sich schon mit uns beraten. Ich hatte zum Beispiel Gelegenheit mit den entsprechenden Delegierten über die klimarelevante Waldpolitik zu sprechen - mein Forschungsgebiet. Neben den offiziellen Verhandlungen gibt es auf den Klimakonferenzen immer auch Veranstaltungen am Rande, auf denen Forscher ihre neuesten Ergebnisse präsentieren - manchmal ein halbes Jahr, bevor diese in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Unter anderem das macht die Klimakonferenzen für mich so interessant. Normalerweise hören sich auch Politiker diese Vorträge an. Diesmal aber ist etwa der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel nur gekommen, um einen eigenen Vortrag zu halten, und ist gleich anschließend wieder gegangen. Das zeigt, wie groß der Verhandlungsdruck war.

Herausgekommen ist dennoch wenig - in welchen Punkten haben sich die Verhandlungsführer zu wenig an den wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert?

Hüttner: Vor allem bei den nötigen Reduktionszielen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, und den Überprüfungsvorschriften, nach denen Staaten ihre Anstrengungen dokumentieren müssen, liegt jetzt viel zu wenig auf dem Tisch.

Wie bewerten Sie die Reduktionsziele, die einige Staaten bislang angeboten haben?

Hüttner: Diese Reduktionsziele lassen einen Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre auf über 650 ppm zu. Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, dürften es aber nicht mehr als 350 ppm sein.

Welche Reduktionsziele müssten sich die Staaten stecken, damit das Zwei-Grad-Ziel erreicht wird?

Hüttner: Da gibt es keinen direkten Kausal-Zusammenhang, wir können seitens der Wissenschaft nur Wahrscheinlichkeiten angeben. Ich habe den Eindruck, das ist vielen Entscheidungsträgern nicht klar.

Von welchen Wahrscheinlichkeiten gehen Sie aus?

Hüttner: Wir haben eine rund 50 bis 70 prozentige Chance, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, wenn die Industrieländer ihren Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 um 25 bis 40 Prozent senken - verglichen mit 1990. Die Schwellenländer müssten ihre Emissionen bis 2020 um 15 bis 30 Prozent im Vergleich zur jetzigen Entwicklung senken.

Die Unsicherheit ist also ziemlich hoch, selbst mit viel ehrgeizigeren als den jetzt beschlossenen Reduktionen die Zwei-Grad-Grenze einzuhalten.

Hüttner: Richtig, daher denke ich, der klimawissenschaftlichen Debatte müsste eine soziologische folgen. Die Gesellschaft muss sich fragen: Wieviel Risiko wollen wir tragen? Wenn Sie an die meisten Medikamente denken: Wer würde schon ein 30 bis 50 prozentiges Risiko von Nebenwirkungen akzeptieren?

Reicht es vor diesem Hintergrund, dass die weltweiten Treibhausgas-Emissionen zwischen 2015 und 2020 ihren Gipfel erreichen und dann sinken sollen?

Hüttner: Aus wissenschaftlicher Sicht sollten wir eher 2015 diesen Scheitelpunkt erreichen. Gelingt das erst 2020, müssten wir jährlich acht Prozent einsparen - so viel, wie die EU im Kyoto-Protokoll in fünf Jahren versucht. Das wäre nur unter sehr großen volkswirtschaftlichen Anstrengungen möglich.

Wie wird es jetzt also weitergehen?

Hüttner: Die erste Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls endet 2012. Vermutlich wird es künftig neben dem Kyoto-Protokoll mit seinen strikten Regeln zu Reduktionen und Berichtspflichten ein zweites Protokoll mit weicheren Regeln geben. Das werden dann hoffentlich die Schwellenländer und die USA unterzeichnen. Es wird wahrscheinlich einen weiteren Minimal-Kompromiss enthalten. Ich hoffe allerdings, dass sich die USA noch bewegen werden, wenn die Wahlen zum Repräsentantenhaus im kommenden Jahr vorbei sind und der Senat über die 17-Prozent-Reduktion im Vergleich zu 2005 entschieden hat.

Reicht die Zeit noch für weitere Verhandlungen?

Hüttner: Die Dauer der Verhandlungen stellt gar nicht das größte Problem dar. Zusätzlich kann es jedoch noch lange dauern, bis die Nationen die UN-Beschlüsse ratifizieren, und erst recht, bis sie anfangen, diese umzusetzen.

Bleibt irgendwann nur der Ausweg, Treibhausgase aktiv und mit technischen Mitteln aus der Atmosphäre zu entfernen?

Hüttner: Auf dieses Geo-Engineering sollten wir nicht setzen. Da würden wir die Erde zu einem riesigen Experiment machen und das Risiko von unkalkulierbaren Folgen eingehen. Das sollten wir auch nicht als letztes As im Ärmel betrachten, weil dann der der politische Druck fehlt, Treibhausgase tatsächlich zu reduzieren.

Sehen Sie dafür noch eine Chance?

Hüttner: Da ist die letzte Messe noch nicht gesungen! Ob die Halbjahreskonferenz in Bonn und die nächste Klimakonferenz in Mexiko ein Erfolg werden, hängt auch davon ab, ob wir Wissenschaftler klar und deutlich vermitteln können, welche Konsequenzen zu erwarten sind, wenn die Staaten nicht mehr tun, als sie jetzt beschlossen haben.

Das Gespräch führte Peter Hergersberg
Weitere Informationen: http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2009/... - Nach mir die Sintflut - Freiwilligkeit führt beim Klimaschutz nicht zum Ziel http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/2009/... - Modell-UN-Klimakonferenz endet mit Kompromiss http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/multimedial/geomax/heft2009_15/pdfGM15... - Der Klimawandel heizt uns ein

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