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"Get your motor running..." Eine Studie zu tödlichen Motorradunfällen in Berlin/Brandenburg

02.07.2003 - (idw) Freie Universität Berlin

Motorradfahren kann so schön sein: Die Sonne scheint, die Landschaft rauscht an einem vorbei und die Maschine reagiert perfekt auf jede Bewegung. Biker fahren nicht nur, um irgendwo anzukommen: Das Fahrvergnügen steht im Vordergrund. Doch das findet häufig ein jähes Ende. Man legt sich in die nächste Kurve und sieht die Ölspur, den Rollsplitt oder das entgegenkommende Auto zu spät... Motorradfahrer sind eine gefährdete Spezies. Von tausend Bikern verunglücken zehn bis 14 im Jahr tödlich. Im Gegensatz zu PKWs haben Motorräder keine Knautschzonen. Die Fahrer werden bei Unfällen durch die Luft geschleudert oder rutschen über den Asphalt. Das führt häufig zu schweren Verletzungen und auch zum Tod. Dr. Peter Klostermann vom Institut für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin hat jetzt eine Studie vorgelegt, die die Gefahrenquellen für Motorradfahrer benennt. Erstellt wurde die Studie im Auftrag der Gesellschaft für Verkehrsrecht e.V.

Ziel der Studie war es zu erforschen, inwieweit sich die Art der Straßenverbindungen und deren Zustand auf die Schwere und Zahl von Unfällen auswirken. Die Wissenschaftler verglichen dabei den Stadt- mit dem Landverkehr zwischen 1992 und 1998 anhand der Beispiele Berlin und Brandenburg. In beiden Gebieten wurden die Arten der Straßenverbindungen, die Unfallsituationen und die Unfallzeiten analysiert.

Die Unterschiede der Straßenverbindungen von Berlin und Brandenburg liegen auf der Hand. Während die Fahrbahnen in der Großstadt viele Kurven und Kreuzungen aufweisen, sind Landstraßen meist gerade und in Brandenburg häufig von Baumreihen begrenzt. Das Forscherteam teilte die Verbindungen der Hauptstadt und der Mark Brandenburg in jeweils vier Kategorien auf: In örtliche, übergeordnete (regionale) und großräumige Straßenverbindungen sowie Nebenstraßen in Berlin sowie in Bundesautobahnen, Bundes-, Landes- und Kreisstraßen in Brandenburg. Dann markierten die Forscher anhand der staatsanwaltlichen Unfallakten die Orte der tödlichen Motorradunfälle auf Karten und hielten Tageszeit, Straßensituation und Unfallhergang fest.

Die Untersuchung ergab für Berlin, dass von 95 tödlich verunglückten Motorradfahrern 44 auf den übergeordneten Straßenverbindungen, die die Bezirkszentren miteinander verbinden, starben. Der häufigste Unfalltyp war der des "Fahrunfalls", also auf gerader Strecke und ohne Fremdeinwirkung. Auch Unfälle beim Ein- und Abbiegen sowie beim Kreuzen von Fahrbahnen kamen oft vor. Besonders gefährdet sind Motorradfahrer nachts zwischen 18 und 24 Uhr und auf den übergeordneten Verbindungen. Insgesamt 24 Unglücke ereigneten sich in dieser Zeit. Das lässt sich unter anderem auf die im Sommer milden Temperaturen, die dementsprechend höhere Aktivität der Motorradfahrer und die in den Abend- und Nachtstunden geringere Verkehrsdichte zurückführen, die zu einer unvorsichtigeren Fahrweise verleitet.

In Brandenburg waren Unfälle am Tage weitaus häufiger als nachts. Der Grund dafür ist, dass Pendler ihre Krafträder nicht nur in ihrer Freizeit, sondern auch zu Fahrten zum Arbeitsplatz benutzen. Die Unfallschwerpunkte waren zwischen Bundes- und Landestraßen ausgeglichen, obwohl in abgelegenen Regionen, wie zum Beispiel in der Prignitz, mehr Unfälle auf Landesstraßen passieren, weil diese Straßentypen dort häufiger vorkommen. An zweiter Stelle folgten Unfälle im Längsverkehr, so etwa bei Überholmanövern.

Die Studie zeigt, dass es kein eindeutiges Ursachenmodell für die Motorradunfälle in Berlin und Brandenburg gibt. In Berlin sind es die Kreuzungen auf übergeordneten und großräumigen Straßen, die besonders unfallträchtig sind, da immer mehr Verkehrsteilnehmer aus den Tempo-30-Zonen dorthin ausweichen. Außerdem sind überhöhte Geschwindigkeit und die Verletzung von Verkehrsregeln häufige (indirekte) Todesursachen. In Brandenburg werden vor allem straßenbauliche Risiken wie die Baumbestände am Straßenrand sowie der schlechte Zustand der Straßen und die daraus folgende Überforderung der Fahrer genannt.

"Seit es Motorräder gibt", sagt Peter Klostermann, "wurde viel getan, um die Sicherheit des Motorradfahrers zu erhöhen, so zum Beispiel die Tragepflicht von genormten Motorradhelmen, die Straßenabsicherung mit Leitplanken und die Entwicklung des Anti-Blockier-Systems." Das sei allerdings noch nicht genug. Zur Vorbeugung gegen weitere tödliche Unfälle schlägt Klostermann vor, mehr Motorradfahrer zu Fahrsicherheitstrainings zu motivieren, an denen auch Beifahrer (Soziofahrer) teilnehmen sollten. Wichtig sei es, dass dafür Anreize geschaffen würden, etwa durch Vergünstigungen bei der Kraftfahrzeugsteuer. Für PKW-Fahrer gilt das Gleiche, da sie Kraftradfahrer oft übersehen und daher häufig an Unfällen beteiligt sind. Allerdings sollte auch der Gebrauch von korrekter Sicherheitskleidung und Helmen von der Polizei effektiver kontrolliert werden. Auch eine Implementierung von Airbags in die Ausrüstung sollte erwogen werden. Klostermann empfiehlt weiter, alle Motorräder mit Anti-Blockier-Systemen und elektronischen Bremshilfen auszurüsten. Außerdem sollte man straßenbauliche Veränderungen wie eine Absenkung von Bordsteinen oder den Verzicht auf Verkehrsinseln und Werbetafeln am Straßenrand vornehmen.

Von Fabian Fehrs

Literatur:

Peter Klostermann, Tödliche Motorradunfälle in Berlin und Brandenburg. Analyse und Ergebnisse auf der Basis von Straßenverbindungen, Norderstedt: Books on Demand 2002, ISBN: 3-8330-0360-X

Weitere Informationen erteilen Ihnen gern:
- Dr. Peter Klostermann, Institut für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin, Hittorfstr. 18, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 8445-1313, E-Mail: pkloster@zedat.fu-berlin.de
- Prof. Dr. Dr. h.c. Volkmar Schneider, Institut für Rechtsmedizin, Tel.: 030 / 8445-1301, E-Mail: volkmar.schneider@medizin.fu-berlin.de
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