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Kassel-Göttingen: DFG Graduiertenkolleg "Dynamiken von Raum und Geschlecht" wird eröffnet

26.10.2010 - (idw) Universität Kassel

Kassel/Göttingen. Mit "Dynamiken von Raum und Geschlecht: entdecken, erobern, erfinden, erzählen" wird sich ein Graduiertenkolleg beschäftigen, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit knapp vier Millionen Euro an den Universitäten Göttingen und Kassel fördert. Am 1. November wird das Graduiertenkolleg in Kassel eröffnet; vierzehn Doktoranden/innen und einer Postdoc wird es möglich sein, zwei bis drei Jahre lang zu verschiedenen Aspekten dieses Themenbereichs zu forschen. Daneben werden beide Universitäten auch von dem ausgedehnten Gastwissenschaftlerprogramm profitieren. Eine Ringvorlesung, die am Eröffnungsabend beginnt, richtet sich auch an die interessierte Öffentlichkeit. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Prof. Dr. Renate Dürr, Universität Kassel und Prof. Dr. Rebekka Habermas, Universität Göttingen.

Die Eroberung Amerikas - ein Beispiel
Ein Forschungsbeispiel zur Dynamik von Raum und Geschlecht erläutert die Kasseler Promovendin Anne Mariss anhand eines Gemäldes aus dem 16. Jahrhundert. Sie wird das Thema Geschlechterbezogene Bilder von außereuropäischen Räumen in wissenschaftlicher Reiseliteratur des 18. Jahrhunderts" bearbeiten. Als Beispiel der Feminisierung fremder Räume verweist sie auf die Darstellung Vespucci und Amerika" aus dem Jahr 1589 (siehe unten), also dem Zeitalter der Entdeckungen: Hier wird Amerika als eine schöne wilde Frau dargestellt, die auf die Inbesitznahme durch den männlichen, europäischen Seefahrer wartet. Die exotische Schönheit empfängt den Eroberer und Seefahrer Vespucci halb liegend in der Hängematte, mit leicht geöffneten Beinen und einer einladenden Handgeste, während der männliche Entdecker ihr mit allen Insignien europäischer Macht und Kultur gegenübertritt: dem christlichen Kreuzbanner, einem Schwert und einem Astrolabium. Das Astrolabium symbolisiert den technologischen Fortschritt sowie die wissenschaftliche Erforschung der Neuen Welt, während das Schwert für den Machtanspruch und die Bereitschaft zur Gewaltanwendung, das Kreuz für das christlich-missionarische Sendungsbewusstsein der Europäer steht. In der dreifachen Verbindung von Religion, kriegerischer Überlegenheit und wissenschaftlicher Erkenntnis tritt der Seefahrer als Personifikation europäischer Kultur" der Frau Amerika gegenüber. Sie ist als Sinnbild für Natur" zu verstehen, die es als Frau und Raum zu entdecken, zu erobern und zu missionieren gilt. Für die Promovendin Mariss lässt sich seither ein Konzept bipolarer Geschlechtscharaktere nachvollziehen, das zum einen nachhaltige Auswirkungen auf die Geschlechterordnung Europas hatte und das zum anderen seit dem 18. Jahrhundert in enger Beziehung zur Entstehung des Rassediskurses zu sehen ist. Sie will dieser Thematik insbesondere anhand der Reiseberichte u.a. von James Cook und Georg Forster weiter nachgehen.

Neue Wege in expandierendem Forschungsfeld
Das Kolleg verbindet erstmals zwei bisher weitgehend isoliert untersuchte, aber international expandierende Forschungsfelder in einer interdisziplinären Perspektive: Forschungen zum Raum und Forschungen zu Geschlechterverhältnissen. Damit wird es möglich, Zusammenhänge und Dynamiken zwischen den beiden wahrscheinlich nachhaltigsten Veränderungen der letzten Jahrzehnte - der radikalen Veränderung der Geschlechterordnung einerseits und der nicht minder grundlegenden Beschleunigung von Globalisierungsprozessen andererseits - systematisch zu untersuchen. Ausgangspunkt ist der Befund, dass viele neuere Forschungen zum Raum die Kategorie Geschlecht desto weniger berücksichtigen, je globaler die Ebene der Betrachtung ist. Darum verfolgt das interdisziplinäre Graduiertenkolleg das Ziel, die wechselseitigen Bezüge von Raum- und Geschlechterkonstitutionen in aktuellen und historischen Gesellschaften inner- und außerhalb Europas aus soziologischer, ethnologischer, historischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen. Darum wurden neben Disziplinen wie Geschichts-, Literaturwissenschaft und Soziologie auch Fächer integriert, die methodisch und vom Forschungsgegenstand her über stärker global ausgerichtet sind wie Ethnologie, Arabistik/Islamwissenschaft sowie Geschichte und Ethik der Medizin.

Ringvorlesung in Göttingen und Kassel
In einer öffentlichen Ringvorlesung, die vierzehntägig - jeweils im Wechsel an den Universitäten Kassel und Göttingen - durchgeführt wird, geben insgesamt sieben Vorträge einen Überblick über die Vielfalt der Fragestellungen und Ergebnisse der internationalen Forschung. Auch werden erste Überlegungen skizziert, welchen Beitrag die zukünftigen Forschungen des Kollegs zu diesen Debatten liefern können. Die Ringvorlesung richtet sich an Kollegen/innen, Studierende genauso wie an Gäste. Das ausführliche Programm ist abrufbar unter http://www.uni-kassel.de/presse/pm/anlagen/Ringvorlesung_WS_2010_2011.pdf.

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Anmerkungen für die Redaktionen
Am 1. November um 18 Uhr wird das Graduiertenkolleg im Eulensaal der Universitätsbibliothek Kassel/Murhardsche Bibliothek, Brüder-Grimm-Platz 4 in Kassel eröffnet. Zu dieser öffentlichen Veranstaltung wird die international renommierte Raumsoziologin Prof. Dr. Martina Löw einen Festvortrag mit dem Titel Räume sprechen ohne Worte. Geschlechterforschung nach dem spatial turn" halten und damit zugleich die Ringvorlesung beginnen. Im Anschluss an den Festvortrag wird es bei einem kleinen Buffet Gelegenheit zu weiterem Austausch und Nachfragen aller Art geben. Über Ihr Interesse und ihre Teilnahme würden wir uns freuen. Bitte kündigen Sie, wenn möglich, die Ringvorlesung an.

Das Bild Vespucci und Amerika" ist abrufbar unter
http://www.uni-bielefeld.de/geschichte/abteilung/arbeitsbereiche/lateinamerika/c...

Vespucci und Amerika", kolorierter Kupferstich von Jan van der Straet und Theodore Galle, 1589. Bildunterschrift: Americen Americus retexit, & Semel vocavit inde semper excitam (Amerigo entdeckt Amerika wieder, er rief sie einmal und fortan war sie für immer erwacht)



Info
Koordinatorin in Göttingen:
Friederike Witek, M.A.
Universität Göttingen
Heinrich-Düker-Weg 10
37073 Göttingen
tel (0551) 39 20013
e-mail fwitek1@gwdg.de

Koordinatorin in Kassel:
Vanessa Schmidt, M.A.
Universität Kassel
Untere Königsstraße 86
34109 Kassel
e-mail raum-geschlecht@uni-kassel.de
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