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Gegner wird es immer geben: Stuttgart 21 und die Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation

23.02.2011 - (idw) Universität Hohenheim

Mediendisput mit Hohenheimer Forschern und Vertretern aus Politik und Medien zur Kommunikation von Großprojekten

AUSFÜHRLICHE ZUSAMMENFASSUNG DER PODIUMSDISKUSSION IN DER ANGEHÄNGTEN PDF-DATEI. Früher, verständlicher und immer wieder sollten Bürger informiert werden, wenn das nächste Großprojekt ansteht. Das war die Antwort von vier auf dem Podium sitzenden Kommunikationsexperten auf die Frage Was kann man aus Stuttgart 21 lernen?. Der ehemalige S21-Projektsprecher Wolfgang Drexler listete Versäumnisse im Umgang mit den Bürgern auf. Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim bezeichnete einen guten Informationsstand aller beteiligten Gruppen als Voraussetzung für eine sachliche Beurteilung. Sein Marketingkollege Prof. Dr. Markus Voeth stellte die Frage nach Faktoren, welche die Akzeptanz von Großprojekten erhöhen können. Und die SWR-Redaktionsleiterin Sabrina Fritz beleuchtete die in ihrer Emotionalität einzigartige Auseinandersetzung.

Kopf- oder Tiefbahnhof in Stuttgart ein Thema, das die Gemüter weiterhin erregt. Nicht das Für und Wider, sondern das Wie stand bei der vom Bundesverband deutscher Pressesprecher (BdP) initiierten Podiumsdiskussion vor knapp 100 Gästen in der Aula der Universität Hohenheim auf dem wissenschaftlichen Prüfstand.

Experten fordern andere Form von Kommunikation

Alle vier Experten plädierten zusammen dafür, zukünftig anders im Rahmen von Großprojekten zu kommunizieren. So forderte Sabrina Fritz, Leiterin der Redaktion Wirtschaft und Soziales beim SWR, von Partnern in Großprojekten auf Unwissen und Unsicherheit zu reagieren, aber auch Risiken zu diskutieren. Die bisherige Vorgehensweise sei dagegen oft von Angst vor negativen Schlagzeilen bestimmt.

Prof. Dr. Frank Brettschneider vom Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften der Universität Hohenheim ergänzte: Verschweigen lässt Argumente nicht verschwinden. Die Annahme, dass nur gute Nachrichten akzeptable Nachrichten sind, ist falsch. Sie müssten stattdessen mehr direktes Pro und Contra bieten und mehr Übersetzen, indem sie Expertensprache verständlich machten.

Die Schlichtung durch Dr. Heiner Geißler habe zur Versachlichung beigetragen, wie eine Befragung seines Lehrstuhls von 426 Bürgern vor und nach dem Verfahren ergeben habe. Der Informationsstand der Bürger sei gestiegen: Sachlichkeit und eine Angleichung der Informationsstände: Das sind Grundlagen dafür, dass Bürger Sachverhalte beurteilen können.

Dennoch sei die Schlichtung kein Zukunftsmodell: Sie ist vielmehr eine schallende Ohrfeige für die jahrelangen Fehler in der Kommunikation zuvor, so Prof. Dr. Brettschneider.

Kontinuierliche Kommunikation

Politiker müssten verstehen, dass der politischen und rechtlichen Legitimation eine dauernde Kommunikation folgen müsse: Der Zeitverlauf bei Großprojekten muss beachtet werden. Oft treten neue Beteiligte hinzu, die zum Beispiel zu Beginn des Verfahrens noch in den Windeln gelegen haben. Das spräche auch dafür, die Verfahren insgesamt zu verkürzen, fügte Prof. Dr. Brettschneider hinzu.

Wolfgang Drexler, SPD-Abgeordneter und Vizepräsident des baden-württembergischen Landtags, plädierte dafür, aktiv Alternativen darzustellen, die Kommunikation herunterzubrechen auf konkrete Themen und Entscheidungen sowie persönliche Betroffenheiten besser zu berücksichtigen: Kommunikation muss kontinuierlich erfolgen und den Informationsstand heben. Dazu sei Transparenz notwendig, was beispielsweise durch Veröffentlichen von Bohrungsergebnissen geschehen könne.

und Kundenbeteiligung

Prof. Dr. Markus Voeth vom Lehrstuhl für Marketing der Universität Hohenheim sah bei großen Projekten hauptsächlich Akzeptanzprobleme. Diese ergäben sich vor allem aus deren Größe und damit verbundenen Komplexität. Daher sprach er sich für eine Bürgerbeteiligung aus, die über politische Beteiligung hinausgehe. Projektträger müssten mehr tun, als politisch und rechtlich notwendig sei. Sie könnten sich wie normale Unternehmen verhalten, bei denen Marktforschung keine Frage sei: Was spricht dagegen, die Bürger als echte Kunden zu begreifen und sich richtig um sie zu bemühen?

Die Frage, ob der Konflikt bei besserem Marketing des Projekts weniger stark eskaliert wäre, verneinte Prof. Dr. Voeth klar: Ein Projekt muss aus sich selbst heraus überzeugen. Nur so hat es Substanz. Und Kommunikation braucht Substanz, ohne Substanz ist keine Verpackung möglich.

Gegner müssen ernst genommen werden

Prof. Dr. Brettschneider plädierte insgesamt dafür die Kommunikation von Großprojekten als Teil von dessen Management zu begreifen, d.h. Themen und Ängste zu analysieren, Kernbotschaften und Informationskanäle zu planen und an bestimmte Gruppen anzupassen. Der Kern jedes Managements sei die Rückkopplung: das Überprüfen, ob die Maßnahmen auch angekommen seien.

Der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler warnte aber: Selbst bei optimaler Kommunikation wird immer eine Gruppe übrig bleiben, die dagegen ist. Diese gelte es zu respektieren. Man könne auch von ihnen lernen: Die Stuttgart-21-Gegner haben zum Beispiel das Web 2.0 effektiver genutzt und besser mit Bildern gearbeitet.


Kontakt für Medien:
Prof. Dr. Frank Brettschneider, Universität Hohenheim, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft, Tel.: 0711 459-24030 oder -22870, E-Mail: frank.brettschneider@uni-hohenheim.de

Prof. Dr. Markus Voeth, Universität Hohenheim, Fachgebiet Marketing I, Tel.: 0711 459-22925, E-Mail: voeth@uni-hohenheim.de

Text: Konstantinidis / Töpfer Anhang
Ausführliche Zusammenfassung des Mediendisputs
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