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TV-Duell Mappus vs. Schmid: Ministerpräsident mit Vorteilen

17.03.2011 - (idw) Universität Hohenheim

Universität Hohenheim sieht nach Live-Bewertung und Blitz-Analyse den CDU-Amtsinhaber vor dem SPD-Herausforderer
Echter Wechsel gegen die Nummer eins bleiben diesen von Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim erwarteten Schlagabtausch lieferten sich der SPD-Herausforderer Nils Schmid und Ministerpräsident Stefan Mappus im gestrigen TV-Duell. Der SWR übertrug es live und insgesamt 200 Testzuschauer in Hohenheim und Ravensburg bewerteten die Aussagen der Kontrahenten an Drehreglern in Echtzeit. Die Auswertung des TV-Duells ist ein Beitrag im Rahmen des Themenjahrs 2011 Universität Hohenheim stark durch Kommunikation. Dabei punktete Mappus auch in klassischen SPD-Themen und er wehrte den von allen erwartete Angriff von Schmid in der Atompolitik besser ab als gedacht.
Drehregler nach links: pro Mappus, nach rechts: pro Schmid. 120 Testzuschauer im Hörsaal 11 der Universität Hohenheim und 80 weitere an der Dualen Hochschule Ravensburg schauten sich das TV-Duell unter wissenschaftlicher Begleitung an. Dabei bewerteten sie jede Aussage mit einem einfachen Drehen in die eine oder die andere Richtung.

Die so entstandenen Sympathiewerte brachten es an den Tag: In der Gunst der Testzuschauer hatten beide Kontrahenten ihre starken Phasen. Auf einen Angriff folgte meist ein entsprechender Konter. Nils Schmid etwa nannte Stefan Mappus den Cheflobbyisten der Atomenergie, was ihm hohe Werte einbrachte. Aber Mappus verstand es, die Handlungsfähigkeit der Regierung in Szene zu setzen und damit seine eigene Klientel zu mobilisieren.

Die Atompolitik war insgesamt das polarisierendste Thema der Debatte, erläuterte Prof. Dr. Frank Brettschneider vom Fachgebiet Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim. Hier hat Herr Schmid scharf geschossen, aber insgesamt sind seine Angriffe verpufft. Er konnte Mappus nicht so unter Druck setzen, wie das zu erwarten war.

Vorteil Schmid bei Lohndumping und Studiengebühren

Beim Thema Aufstieg durch Bildung hat Mappus in einem klassischen SPD-Feld gepunktet, wertete Prof. Dr. Brettschneider die Debatte weiter aus. Mappus habe in der Schilderung seiner Herkunft aus einfachen Verhältnissen, aber einem Bildungssystem, das ihn zu dem gemacht habe, was er heute sei, auch erklärte SPD-Anhänger auf seine Seite gezogen. Alle Testzuschauer hatten zuvor per Fragebogen erklärt, welcher politischen Richtung sie nahe stehen oder ob sie noch keine Wahlentscheidung getroffen haben.

Argumentativ im Vorteil war Schmid beim Thema Dumpinglöhne, Studiengebühren und mehr Bürgerbeteiligung. Hier verstand Schmid es, die klassischen SPD-Themen zu besetzen und auch die Zustimmung der unentschlossenen Wähler zu bekommen, erläuterte Prof. Dr. Brettschneider. Zurzeit sind das in Baden-Württemberg immerhin 55 Prozent der Wähler.

Größte Zustimmung erhielt Mappus für seine Aussage Leistung muss sich lohnen. Die Zustimmung kam von allen Seiten, auch von den Gegnern und unentschlossenen Wählern. Dies galt für alle weiteren klassischen CDU-Themen wie Familie, Widerstand gegen den Länderfinanzausgleich sowie Führung und Verantwortung.

Kaum Wählerinteresse bei persönlichen Fragen und Stuttgart 21

Keinerlei Spitzen in die eine oder andere Richtung zeigten Aussagen zur Privatsphäre der beiden Spitzenkandidaten. Sie sehen an den geringen Ausschlägen, dass Sie sich solche Fragen sparen können, sagte Prof. Dr. Brettschneider in Richtung der anwesenden Journalisten, welche die Auswertung live beobachteten.

Das Thema Stuttgart 21 ist durch die aktuelle Erdbebenkatastrophe in Japan kein echtes Aufregerthema mehr gewesen, auch weil sich hier beide Kontrahenten als Befürworter des Tiefbahnhofs gezeigt haben, resümierte Prof. Dr. Brettschneider. Es gab nur Szenenapplaus für Schmid, als er Mappus beschuldigte, den Bahnhof durchzuprügeln.

Brettschneiders Fazit: Da sich für Baden-Württemberg ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Lager abzeichnet, war kein Schnarchduell wie 2009 zu erwarten. Aber insgesamt war es eine ausgeglichene Debatte. Zum Schluss bei der Frage nach möglichen Koalitionen waren die Bewertungen der Testzuschauer genauso uneindeutig wie die Aussagen der beiden Kandidaten.

Dass er Mappus trotz der ausgeglichenen Debatte mit Vorteilen sieht, begründet Brettschneider wie folgt: Bei einem TV-Duell kommt es insgesamt darauf an, nicht bei möglichst vielen Themen zu punkten, sondern bei den entscheidenden. Und das sind die Themen, die von der Mehrheit der Wählerinnen und Wähler als besonders wichtig eingestuft werden. Vor der Reaktorkatastrophe in Japan waren dies vor allem die Themen Bildung sowie Wirtschaft und Finanzen. Und insbesondere bei den Finanzthemen wurde Stefan Mappus besser bewertet als Nils Schmid.

Fundierte Untersuchung mit schnellen Ergebnissen

Kerninstrumente bei der Auswertung des Debattenverlaufs sind Drehregler, die ihre Werte drahtlos und in Echtzeit an einen Zentralrechner übermitteln (sog. Real-Time-Response-Measurement). Die Testzuschauer bewerteten durch Drehen in die eine oder andere Richtung dabei live die beiden Debattierer.

Der Duell-Erfolg hängt davon ab, wie die beiden Spitzenkandidaten ihre eigenen Anhänger mobilisieren können, aber gleichzeitig die Mobilisierung der Gegner verhindern, erklärt Prof. Dr. Brettschneider die Hintergründe der Untersuchung. Gleichzeitig müssen sie versuchen, die unentschiedenen Wähler zu überzeugen. Die Politiker reden nicht miteinander, sondern für die Zuschauer.

Der Zentralrechner erstellt eine Kurve des Debattenverlaufs. Dabei zeigen sich die herausragenden Momente der Debatte (größte Zustimmung oder Ablehnung sowie Polarisierung der Lager). Außerdem untersuchen die Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler, ob das TV-Duell auch die Wahlabsicht ändert. Dies erfolgt mit einer Nachbefragung, deren Auswertung noch aussteht.

Die Testzuschauer stammen aus allen Alters- und Bildungsgruppen und haben unterschiedliche Partei-Neigungen. Durch ihre Befragung direkt vor und nach dem Duell lässt sich schnell messen, wie sich die Wahrnehmung des Duells auf die Bewertung der Kandidaten auswirkt. Gefördert wird die unabhängige Studie durch die Fritz Thyssen-Stiftung.

Hintergrund: Themenjahr 2011 Universität Hohenheim stark durch Kommunikation

Das Themenjahr Kommunikation der Universität Hohenheim soll einem breiten Spektrum unterschiedlicher Wissenschaftsbeiträge eine Plattform bieten. Die Universität Hohenheim selbst bezieht dabei ihrem Grundauftrag entsprechend keine eigene Position, allein die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen ihre fundierten Standpunkte nach außen dar.


Kontakt für Medien:
Prof. Dr. Frank Brettschneider, Universität Hohenheim, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft insb. Kommunikationstheorie Tel.: 0711 459-24030, E-Mail: frank.brettschneider@uni-hohenheim.de

Text: Töpfer Weitere Informationen: http://www.swr.de/nachrichten/-/id=396/did=7776130/pv=video/nid=396/11y4556/inde... http://"Berichterstattung SWR-Fernsehen"
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