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Von Imperialisten und kapitalistischen Meinungsmachern

30.08.2003 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Tagung zur Geschichte der Feindbilder in den sozialistischen Ländern Osteuropas und der DDR vom 3.-5. September in Weimar

Jena (29.09.03) Vom westdeutschen Volk, das im Spätkapitalismus lebt, von Ausbeutung durch die Herren der Rüstungsmonopole, von Imperialisten und Militaristen, von Faschisten, von Bankherren, Großgrundbesitzern und kapitalistischen Meinungsfabrikanten sprach Walter Ulbricht 1969. Er malte mit diesen Schlagworten zum 20. Jahrestag der DDR das übliche Horrorbild des Westens. Auch der Chefpropagandist des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler, wurde nimmer müde in der Sendung "Der Schwarze Kanal" die Boshaftigkeit und Niedertracht des politischen Gegners anzuprangern und die journalistische Arbeit jener "kapitalistischen Meinungsfabrikanten" zu verunglimpfen. Doch waren es gerade die westdeutschen Journalisten - abfällig von Schnitzler "die Schmitz und Brüssau" genannt -, die durch ihre Berichterstattung das sorgfältig aufgebaute Feindbild tagtäglich unterminierten. Denn die Ostbürger "guckten Westfernsehen". Und so stellt sich heute die Frage, wie groß die Wirkung der Propaganda auf die DDR-Bürger war. Die Teilnehmer der Tagung "Sozialistische Feindbilder" wollen u. a. diesem Phänomen auf den Grund gehen. Die internationale Konferenz findet vom 3. bis 5. September im Goethe Institut - Inter Nationes (Ackerwand 25-27) in Weimar statt. Wissenschaftler des Historischen Instituts der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben die Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut, der Bundeszentrale für politische Bildung (Bonn), der Berliner Stiftung Aufarbeitung und der Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung (Weimar) organisiert.

"Das Weltbild, das den Bürgern der sozialistischen Staaten vermittelt wurde, war ein sehr polares", berichtet Dr. Rainer Gries. "Der Sozialismus würde siegen, der Kapitalismus untergehen, die Sowjetunion war gut, die USA waren böse. Auf Deutschland bezogen saßen die Altnazis in Westdeutschland, während die DDR von Antifaschisten bevölkert war", verdeutlicht der Historiker von der Uni Jena. Seine Kollegin Dr. Silke Satjukow und er wollen mit der Tagung zur Geschichte der Feindbilder in den sozialistischen Ländern Osteuropas einen bereits begonnenen internationalen und interdisziplinären Dialog zur Propagandageschichte fortsetzen, der mit der Tagung "Sozialistische Helden" in Krakau seinen Anfang nahm. "Es war für uns reizvoll, nach dem Propagandabild des Freundes und sozialistischen Bruders auch das des Feindes zu untersuchen", sagt Satjukow.

Besonders spannend ist dabei die Frage, wie "tief" die Feindbilder in die "Herzen und Hirne" der Menschen vordringen konnten, angesichts der vielfältigen persönlichen Beziehungen zum Westen. Satjukow und Gries vermuten, dass es dennoch langfristige Wirkungen bestimmter Feindbilder gibt. Jahrzehnte lang wurde etwa das Feindbild "Amerika" in den DDR-Medien vorgeführt. Und so zeigen Umfragen noch heute, dass die Ostdeutschen den Amerikanern kritischer gegenüber stehen als die Westdeutschen. Ein wissenschaftlicher Vergleich der Verhältnisse in der UdSSR, der CSSR sowie in den Volksrepubliken Ungarn und Polen soll die Relevanz der erarbeiteten Ergebnisse zur Geschichte der DDR augenfällig machen. Die Tagung wird durch die Friedrich-Schiller-Universität Jena und die Karl-Lamprecht-Gesellschaft (Leipzig) gefördert. Erwartet werden Teilnehmer und Referenten aus Russland, Polen, Ungarn und aus Albanien. Die Ergebnisse sollen in einem Buch veröffentlicht werden.

Kontakt:

Dr. Silke Satjukow und Privatdozent Dr. Rainer Gries,
Historisches Institut der Universität Jena,
Fürstengraben 13, 07743 Jena
Tel. 03643 / 401539, Fax: 03641 / 944452
E-Mail: Satjukow@t-online.de und Rainer.Gries@univie.ac.at
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