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Hochschulforschung: Patentmonitoring als Wegbereiter

02.09.2003 - (idw) Forschungszentrum Jülich

Bisher nahezu ungeachtet vollzieht sich an deutschen Universitäten ein Wandel im Forschungsbereich: Patentmonitoring-Stellen überwachen von Anfang an das Agieren der Mitbewerber - und ebnen auf diese Weise der Hochschulforschung den Weg zur erfolgreichen Vermarktung ihrer Patente. Wir sprachen über das neue System mit der Leiterin des Patentmonitoring-Pilotprojektes der Universität Kassel, Dr. Heike Krömker.

Frage: Nach dem Muster deutscher Unternehmen sollen öffentliche Forschungseinrichtungen hierzulande in Zukunft vom sogenannten Patentmonitoring profitieren. Was genau verbirgt sich dahinter?

Dr. Krömker: Die Idee des Patentmonitoring ist in Deutschland keinesfalls neu und wird bereits mit großem Erfolg von vielen Unternehmen praktiziert. Im Grunde geht es darum, schon während der Entwicklungsphase einer neuen Technologie das Forschungs- und Marktumfeld zu beobachten, um Doppelentwicklungen auszuschließen.

Frage: Die eingehende Recherche vor dem Start einer langjährigen Forschungsarbeit sollte doch zum Repertoire eines Wissenschaftlers gehören....

Dr. Krömker:...das leider von vielen nicht ausreichend beherrscht wird. Natürlich versuchen Professoren und ihre Arbeitskreise herauszufinden, was auf "ihrem" Gebiet schon alles publiziert worden ist. Doch zum Patentmonitoring gehört mehr als das bloße Eingeben von wenigen Begriffen in eine Suchmaske des World Wide Web.

Frage: Zum Beispiel?

Dr. Krömker: Die gezielte Datenbankabfrage bei den Patentämtern, vor allem aber die korrekte Übersetzung des juristischen Patentrecht-Deutsch in die Wissenschaftler-Sprache. Ein Fachwissenschaftler oder ein Entwicklungsingenieur beispielsweise wird nicht unbedingt jedes Dokument verstehen, das es auszuwerten gilt. Dazu fehlt ihm in der Praxis zudem die Zeit.

Wissenschaft und Forschung sollen dem Gesetz zufolge nicht nur zweckgebunden sein, es muss auch möglich sein, frei entscheiden zu können, woran gearbeitet wird.

Dr. Krömker: Daran will niemand etwas ändern. Auf der anderen Seite ist nicht alle Forschung zweckfrei. Am Ende der Forschungsarbeiten soll ein Gewinn für die Gemeinschaft stehen. Amerikanische Universitäten, wie etwa Stanford, belegen, dass das geht.

Frage: Dort kommt ja auch jede Erfindung der Universität zu Gute.

Dr. Krömker: Was auch hierzulande seit Februar 2002 so ist. Professoren sind im Rahmen der Hochschulgesetze verpflichtet, ihre Erfindungen zu melden. Und die Hochschule kann entscheiden, ob sie eine aussichtsreich erscheinende Idee wirtschaftlich verwerten will oder nicht.

Frage: Greifen Wissenschaftler verstärkt auf das angebotene Patentmonitoring zu?

Dr. Krömker: An der Universität Kassel fahren wir derzeit ein Pilotprojekt, ein weiteres Pilotprojekt wird an der TU Dresden durchgeführt. Ohne Einzelheiten zu nennen - der Service kommt sehr gut an.

Frage: Bislang nutzen aber nur rund fünf Prozent der deutschen Universitäten einen solchen Dienst....

Dr. Krömker: ...weil die meisten Wissenschaftler nichts davon wissen. Hinzu kommt die unbegründete Angst vor zu hohen Patentmonitoring-Kosten. Die fallen jedoch während der Pilotphase ohnehin nicht an.

Frage: Wo werden sie nach Beendigung dieser Phase liegen?

Dr. Krömker: Eine genaue Zahl lässt sich noch nicht nennen, aber wir gehen davon aus, dass es zwischen 50 und 100 Euro im Monat sein werden. Diese Summe kann jeder Arbeitskreis aufbringen. Rund 25 Patentinformationszentren stehen dafür zur Verfügung.

Frage: Monitoring allein reicht für die erfolgreiche Vermarktung einer neuen Technologie nicht aus. Welche Möglichkeiten haben Universitäten, ihr Know-how zu versilbern?

Dr. Krömker: Das Monitoring ist der erste Schritt auf dem langen Weg zum Produkt. Wer über das Patentmonitoring in allen Phasen seiner Arbeit kontinuierlich auf dem Laufenden gehalten wird, kann sich am Ende der Entwicklungsphase an die Patent- und Verwertungsagenturen der Hochschulen wenden. Die kümmern sich um die Vermarktung und haben bei durchgeführtem Monitoring die bessere Entscheidungsbasis.

Frage: Juristische Auseinandersetzungen scheinen vorprogrammiert. Gerade die Industrie zögert nicht lange mit Patentklagen, wenn es um die Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz geht.

Dr. Krömker: Genau dieser Aspekt belegt doch, wie wichtig Patentmonitoring ist. Bisher trauten sich viele Forscher auf Grund der drohenden Klagen Dritter nicht, ihre Erfindungen offensiv anzugehen. Ein einzelner Professor wird im Zweifelsfall auch wenig Chancen gegen die Riesen der jeweiligen Branche haben. Wie das Beispiel Microsoft aber zeigt, können auch Universitäten ihre Patentrechte erfolgreich durchsetzen. Und die Max-Planck-Gesellschaft hat es vorgemacht: Auch für hiesige Forschungseinrichtungen kann konsequente Schutzrechtspolitik sich lohnen.

Frage: Das Beispiel, das Sie ansprechen, bescherte der Universität von Kalifornien und einem Uni-Spin-off einen Geldsegen von über 500 Millionen Dollar, weil die Richter Microsoft für schuldig befanden, bei der Entwicklung des Webbrowsers Internet Explorer das geistige Eigentum der Universität genutzt zu haben.

Dr. Krömker: Unternehmen werden in Zukunft vorsichtiger agieren müssen. Die Universität als Selbstbedienungsladen hat ausgedient. Was wir erreichen wollen ist letztlich doch nur, dass die öffentliche Forschung über die gleichen Chancen verfügt wie innovative Unternehmen. Das wird einen für alle Beteiligten fruchtbaren Wettbewerb in Gang setzen.


Hintergrund:

Die Beobachtung und Verfolgung von marktrelevanten Entwicklungen in Echtzeit verspricht ein neues Patentmonitoringsystem, das derzeit zwei deutsche Universitäten testen. Der Clou: Mit Hilfe des neuartigen Systems können Hochschulforscher ihre eigenen Entwicklungen von Anfang an mit ähnlichen Erfindungen der Mitbewerber vergleichen, und auf diese Weise Konflikte nach der Markteinführung umgehen. Damit verfügen deutsche Hochschuleinrichtungen bei der Patentüberwachung erstmals über die gleichen Voraussetzungen wie die Industrie. Das neue Patentmonitoring-Tool ermöglicht den Universitäten auch eine realistische Einschätzung des wirtschaftlichen Potenzials von Erfindungen - Hochschulen können in Zukunft zielgerichtet forschen.

Das neue System ist derzeit an bundesweit zwei Standorten im Einsatz: Die Universität Dresden überwacht Patentklassen und eine Marke im Bereich Lasertechnologie, in Kassel verfolgen Patentexperten Entwicklungen auf dem Gebiet der polymeren Mikroschäume.

Das bisher einzigartige Pilotprojekt ist Bestandteil der Verwertungsoffensive des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF).

Weitere Informationen unter http://www.patentinformation.de

(5300 Zeichen), Foto von Dr. Krömker in digitaler Form vorhanden.

Kontakt:

Projektträger Jülich (PTJ) - Teilbereich Verwertung
Silke Hildebrandt
Wallstr. 17-22
10179 Berlin

Tel.: 030 20199-511
Fax.: 030 20199-470
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