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Theologischer Code des Kaiserdoms in Speyer rekonstruiert

21.05.2012 - (idw) Eberhard Karls Universität Tübingen

Theologen der Universität Tübingen werten Liber Ordinarius aus, ein Regiebuch für Gottesdienste des Mittelalters Der Kaiserdom zu Speyer trägt die Handschrift der Salier: Sowohl in seiner baulichen Gestalt wie in der ursprünglichen Anordnung der Altäre haben sie politische und theologische Akzente gesetzt. Ein durch die Düsseldorfer Gerda Henkel Stiftung gefördertes Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Universität Tübingen (Prof. Dr. Andreas Odenthal) in Kooperation mit dem Seminar für Mittelalterliche Geschichte (Dr. Erwin Frauenknecht) hat nun den theologischen Code des Kaiserdoms rekonstruiert: Die Wissenschaftler konnten zeigen, wie sehr das religiöse wie politische Selbstverständnis der Salier mit den gottesdienstlichen Handlungen des Domes und der damit verbundenen Altaranordnung, der sakralen Binnentopographie, zusammenhängt.

So nahm man beim Dombau von einer noch in Worms und Mainz vorhandenen doppelchörigen Anlage Abstand, um den Westteil ganz der Herrschaftsrepräsentation vorzubehalten. Altarstellen fanden sich bis ins Hohe Mittelalter lediglich im Osten der Saliergrablege. Der Hochaltar St. Maria dürfte dabei auf das Fest Mariae Geburt (am 8. September) Bezug nehmen, denn an diesem Tag wurde Konrad II. im Jahre 1024 zum König gekrönt. Liest man den Marientitel im Kontext der beiden Seitenaltäre, St. Stephanus (Fest am 26.12.) im Süden und St. Johannes Evangelist (Fest am 27.12.) im Norden, gerät das Weihnachtsfest in den Blick. Damit wird erneut ein wichtiges Datum der Salierdynastie festgehalten, denn am Weihnachtstag des Jahres 1046 wurde Heinrich III. in Alt-St. Peter in Rom zum Kaiser gekrönt.

Ein achter, aufgrund der Quellen rekonstruierter zentraler Altar der Krypta ist dann nicht zufällig dem Apostel Petrus geweiht, sondern kann als Romzitat gedeutet werden. Die dem Petrusaltar zur Seite gestellten sechs Altäre des Kryptaquerschiffes erschließen sich erst in ihrer Zuordnung zur auf gleicher Ebene gelegenen Saliergrablege. Nicht nur, dass der nördliche Altar den Aposteln Simon und Judas geweiht war, deren Fest am 28. Oktober der Geburtstag Heinrichs III. und dann auch sein Begräbnistag 1056 in Speyer war. Auch die übrigen Aposteltitel finden sich in der Krypta, mit Ausnahme Johannes des Evangelisten, der bereits in der Oberkirche zu finden ist. Im Sinne einer Jenseitsvorsorge sichern die Apostel quasi die Saliergrablege ab, denn im Lukasevangelium (Lk 22,29f.) verheißt Jesus den Aposteln: Darum vermache ich euch das Reich, wie es mein Vater mir vermacht hat: ihr sollt auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Werden zudem am Palmsonntag Palmzweige auf die Gräber gelegt, ist damit die Hoffnung verbunden, dass die Salier am Jüngsten Tag mit Christus die himmlische Stadt Jerusalem betreten dürfen.

Diese theologischen Zusammenhänge und viele weitere Bezüge ergaben sich bei der Auswertung eines spätmittelalterlichen sogenannten Liber Ordinarius, der den aufwendigen Gottesdienst des Domkapitels detailliert berichtet und Rückschlüsse auf die Salierzeit zuließ. Der Liber Ordinarius ist zudem eine Fundgrube für typisch spätmittelalterliche Frömmigkeit und ihre Inszenierungen. So wurde etwa am Tag Christi Himmelfahrt eine Figur des Auferstandenen in das Gewölbe hinaufgezogen, um die Himmelfahrt Christi auch anschaulich zu machen. Viele Details finden sich: Hinweise zu den Orgeln des Domes, den Schatzstücken, den kostbaren Stoffen, die zum Schmuck des Domes verwendet wurden sowie Arbeitsanweisungen an die Glöckner und Sakristane. Diese wichtige Quelle liegt nun in einer wissenschaftlichen Edition vor.

Publikation: Andreas Odenthal, Erwin Frauenknecht, Der Liber Ordinarius des Speyerer Domes aus dem 15. Jahrhundert (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 67, Kopialbücher 452). Zum Gottesdienst eines spätmittelalterlichen Domkapitels an der Saliergrablege (Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 99). Münster 2012.


Kontakt:

Professor Dr. Andreas Odenthal
Universität Tübingen
Katholisch-Theologische Fakultät
Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft
Telefon +49 7071 29-72869
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