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Akademiesitzung mit öffentlichen Vorträgen von Arnold Stadler, Antje Boëtius, Martin Carrier

06.06.2012 - (idw) Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz

Der Schriftsteller Arnold Stadler stellt (Büchner-Preis 1999) den süddeutschen Maler Jakob Bräckle vor, die Meeresbiologin Antje Boëtius (Leibniz-Preis 2009) führt uns in die Welt der Tiefsee und zum Abschluß der Akademiesitzung spricht der Wissenschaftsphilosoph Martin Carrier (Leibniz-Preis 2008) über das Verhältnis von Grundlagen- und Anwendungsforschung. Freitag, 15. Juni, 9.15 Uhr, Plenarsaal
Arnold Stadler: »Ein Ausflug in die Welt des Malers Jakob Bräckle«

Das Werk Jakob Bräckles hinterließ und hinterlässt bei den meisten Menschen, die für Bilder ansprechbar sind, einen großen, ja unvergesslichen Eindruck. Jakob Bräckle, in Winterreute bei Biberach am 10. Dezember 1897 geboren, in Biberach am 29. Oktober 1987 gestorben, ist einer der bedeutenden, in seinem lebenslangen, kontinuierlichen Schaffen stets gegenständlich gebliebenen Maler Süddeutschlands im zwanzigsten Jahrhundert. Nach dem Studium an der Kunstakademie Stuttgart kehrte der Bauernsohn für den Rest seines Lebens nach Winterreute und in das nahegelegene Biberach zurück. Hier hat er zeitlebens gemalt, in einem Radius von drei Kilometern, tagsüber, manchmal auch nachts, sommers wie winters, lange genug als sogenannter Freilichtmaler. Sein umfangreiches künstlerisches OEuvre zeigt den Weg eines großen Einzelgängers.
Es ist die Zeit der größten Zäsur in der Geschichte für den Lebensbereich, dem er entstammte: Von Mitte der Sechziger Jahre an sind die Felder flurbereinigt und auf eine bloße Ertragsmaximierung hin kanalisiert. Die Wiesenraine und sonstigen Lebensräume der freilebenden Feldtiere, Feldmäuse, Hasen und Vögel sind wegrationalisiert, die Menschen durch die Maschinen ersetzt und überflüssig geworden. Der Mensch verschwindet zuletzt seit 1964 für immer, wenn er auch weiterhin die Seele des Ganzen sein mag. Man mag das »auf dem Weg in die Abstraktion« nennen. Doch damit entspricht die Werkgeschichte Bräckles vor allem auch recht genau der Sozial- und Kulturgeschichte weiter Teile unserer Welt im zwanzigsten Jahrhundert: dem Untergang der ländlichen Welt.
Dr. Dr. h.c. Arnold Stadler, 1954 in Meßkirch geboren. Er studierte katholische Theologie in München, Rom und Freiburg, anschließend Literaturwissenschaft in Freiburg, Bonn und Köln. Er lebt 2000 in Sallahn/Wendland und in seinem Elternhaus, einem Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert, in Rast über Meßkirch. Stadler wurde neben zahlreichen weiteren Preisen 1999 mit dem Georg-Büchner-Preis und 2009 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen »Komm, gehen wir«, »Salvatore«, »Einmal auf der Welt. Und dann so« und »New York machen wir das nächste Mal«. Seit 1998 ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur.

Freitag, 15. Juni, 15.00 Uhr, Plenarsaal
Antje Boëtius: »Das dunkle Paradies Entdeckung der Tiefsee«

Der tiefe Ozean beherbergt eine bisher unbekannte Vielfalt von Lebewesen und Ökosystemen, deren Energie-quellen, Lebenszyklen und Funktionen sich erheblich von unserer eigenen Umwelt unterscheiden und Wissenschaftler wie Laien immer wieder staunen lassen. Beim Erforschen des Unbekannten ist Eile geboten, denn die Veränderung der Meeresumwelt durch den globalen Wandel geht mit erstaunlicher Geschwindigkeit voran. In Zeiten sich verknappender Meeresressourcen etwa von Öl, Gas oder Fisch und eines Überschusses von Abfallprodukten an Land und in der Atmosphäre, gibt es dabei viele Ideen, wie wir uns die Weiten des Ozeans und die Vielfalt seiner Bewohner zunutze machen können. Doch hat die Tiefsee als vom Menschen noch weitgehend unberührter, unbegehbarer Raum neben praktischen Aspekten auch einen hohen kulturellen Wert, nicht nur als gemeinsames Erbe der Menschheit, sondern auch weil sie ungeteilt ist, keine Grenzen enthält, uns zum Träumen anregt, das Unbekannte als konkrete Erfahrung ermöglicht. Viele fürchten daher die Nutzung und sogar die Erforschung des letzten wenn auch dunklen Paradieses der Erde. Der Vortrag verknüpft die Faszination am Forschen und Entdecken dieses unbekannten Lebensraumes mit drängenden Fragen zu Schutz und Nutzungskonzepten.

Prof. Dr. Antje Boëtius, Studium der Biologie mit dem Schwerpunkt Biologische Ozeanographie in Hamburg, Bremen und San Diego (USA), wissenschaftliche Schwerpunkte: Tiefseeforschung, mikrobielle Ökologie und Biogeochemie; 2001 bis 2008 Professur an der Jacobs Universität Bremen; seit 2009 Professur für Geomikrobiologie im Fachbereich Geowissenschaften der Universität Bremen und Leitung der 40-köpfigen Helmholtz-Max-Planck-Brückengruppe für Tiefseeökologie und -technologie, ein Kooperationsprojekt zwischen dem Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) und dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie (MPI); Berufung zum Auswärtigen Wissenschaftlichen Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft; Beteiligung am DFG Forschungszentrum und Exzellenzcluster MARUM der Universität Bremen; 2009 erhielt sie den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der DFG; 2010 Berufung in den Wissenschaftsrat. Seit 2010 ist sie Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur.

Im Anschluß an den Vortrag von Antje Boëtius
Antrittsreden der Mitglieder
Andreas Zimmermann, Antje Boëtius, Walter Slaje, Michael Veith und Hanns Zischler

Samstag, 16. Juni, 9:15 Uhr, Plenarsaal
Martin Carrier: »Bruch oder Kontinuität: Zum Verhältnis von Grundlagen- und Anwendungsforschung«

Verbreitet findet sich die Auffassung, dass Forschung im Anwendungskontext unter grundsätzlich anderen Bedingungen abläuft als herkömmliche Grundlagenforschung. Die Dominanz der Anwendungen hat danach in der Wissenschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Art Phasenübergang ausgelöst, in deren Folge die Forschungsagenda auf andere Weise festgelegt, Hypothesen und Modelle auf andere Weise beurteilt und Forschung unter anderen institutionellen Rahmenbedingungen betrieben wird. Insgesamt addiert sich dies zu einem Bruch mit der traditionellen Form wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung.
Carrier verteidigt dagegen die These, dass die Wissenschaftsentwicklung einschließlich ihrer neueren Abschnitte durch Kontinuität in methodologischen Dingen gekennzeichnet ist. Historisch gilt, dass das Zusammenspiel von Wissenschaft und Technik das Projekt der Wissenschaftlichen Revolution realisiert. Systematisch gilt, dass Bedenken hinsichtlich der Qualität des produzierten Wissens nur in Ausnahmefällen berechtigt sind. Abschließend erläutert er, in welcher Hinsicht tatsächlich ein Bruch mit hergebrachten Vorgehensweisen der Wissenschaft vorliegt.

Prof. Dr. Martin Carrier, Studium der Physik, Philosophie und Pädagogik an der Universität Münster. 1994 bis 1998 Professur für Philosophie an der Universität Heidelberg, seit 1998 Professur für Philosophie Universität Bielefeld. 2002 bis 2009 Mitglied des Direktoriums am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF). Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Wissenschaftsphilosophie. 2008 erhielt er den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der DFG. Seit 2003 ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur. jQuery(document).ready(function($) { $("fb_share").attr("share_url") = encodeURIComponent(window.location); });

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