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Das Spannungsverhältnis von Recht und Rücksicht

04.12.2012 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Wie beurteilen Jugendliche in Deutschland die Menschenrechte? Gibt es dabei Unterschiede zwischen christlichen, muslimischen und nicht-religiösen Jugendlichen? Diesen Fragen ist der Würzburger Theologe Hans-Georg Ziebertz in einer Studie nachgegangen. Menschenrechte: trotz oder wegen Religion?: So heißt eine aktuelle Studie des Würzburger Theologie-Professors Hans-Georg Ziebertz. Der Inhaber des Lehrstuhls für Religionspädagogik hat für seine Untersuchung 1785 Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren über ihre Einstellung zu verschiedenen Aspekten der Menschenrechte befragt. Die Ergebnisse liegen jetzt in Buchform vor.

Allgemeine Befürwortung von Menschenrechten

Die Untersuchung zeigt, dass die befragten Jugendlichen die Menschenrechte insgesamt befürworten, fasst Ziebertz das Ergebnis seiner Studie zusammen. Sehr starke Zustimmung erfahren seinen Worten nach die sogenannten sozio-ökonomischen Rechte wie Kinder- und Frauenrechte und das Recht auf soziale Sicherheit. Aber auch zivile Rechte unterstützten die Jugendlichen mit Nachdruck: Die Freiheit, einen eigenen Lebensstil zu wählen, und das Recht auf Rede- und Versammlungsfreiheit seien ihnen wichtig. In diesen Punkten fanden Ziebertz und sein Mitarbeiter Tobias Benzing große Übereinstimmung unter den Befragten.

Freiheit religiöser Rede

Anders fallen die Ergebnisse aus, wenn es um die Freiheit religiöser Rede geht. Dann zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Jugendlichen je nach religiösem Hintergrund. Insbesondere nicht-religiöse Jugendliche treten für eine ungehinderte religiöse Rede ein, sagt Ziebertz. Geht es nach ihnen, sei es auch erlaubt, religiöse Überzeugungen lächerlich zu machen. Dagegen seien christliche und mehr noch muslimische Befragte in diesem Punkt zurückhaltend. Sie meinen, dass nicht jedes Recht ohne Rücksicht auf die Folgen ausgeschöpft werden muss, sondern dass Pietät und Rücksicht gewahrt bleiben sollen, so Ziebertz.

Welche Schwierigkeiten die unterschiedliche Interpretation dieses Rechts auf die Freiheit religiöser Rede verursachen kann, haben die Schlagzeilen der vergangenen Monate deutlich vor Augen geführt. Beispielsweise wenn in einem US-amerikanischen Video der Prophet Mohammed verhöhnt wird und es deshalb im Nahen Osten zu Aufruhr kommt. Oder wenn eine Punk-Band eine Moskauer Kathedrale für ihre Botschaft nutzt und ihre Mitglieder deshalb zu mehreren Jahren Straflager verurteilt werden.

Politische Systeme und das Recht auf Leben

Auch in der Frage der Trennung von Staat und Kirche zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen religiösen und nicht-religiösen Jugendlichen. Geht es nach den Nicht-Religiösen, soll die Trennung von Staat und Kirche strikt sein. Religiöse Jugendliche hingegen unterstützen eine Kooperation von Staat und Kirche, wie sie in Deutschland geschieht.

Sollen Abtreibungen straffrei bleiben? Ist Sterbehilfe erlaubt? Oder gilt das Recht auf Leben uneingeschränkt? Auch in diesen Fragen fallen die Antworten der Jugendlichen je nach religiösem Hintergrund unterschiedlich aus: Während rund 80 Prozent der Nicht-Religiösen eine Abtreibung aus medizinischen Gründen für akzeptabel halten, sind es nur 60 Prozent der Christen und 50 Prozent der Muslime, sagt Ziebertz. Sterbehilfe hielten 50 Prozent der Nicht-Religiösen, hingegen nur 45 Prozent der Christen und 35 Prozent der Muslime für legitim.

Starke Sensibilität unter Muslimen

Muslimische Befragte zeigen sich gegenüber einigen Rechten sensibler als ihre Altersgenossen, zeigt die Studie der Würzburger Religionspädagogen: Knapp die Hälfte der Muslime trete für weitgehende Flüchtlingsrechte und strikten Folterschutz ein, aber nur eine Minderheit der Christen und Nicht-Religiösen. Eine Erklärung für die stärkere Sensibilität sehen wir in der Minoritätssituation der Muslime in Europa und der weltweiten Situation, in der sich viele Muslime befinden, so Ziebertz. Für Muslime sei die Gültigkeit der Menschenrechte in vielen Ländern ein vitaleres Problem, als für die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die Rechtssicherheit als Selbstverständlichkeit ansieht.

Internationales Forschungsprojekt folgt

Die nun veröffentlichte Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt. Sie bildet für den Würzburger Theologen allerdings nicht den Abschluss der Forschung nach den Zusammenhängen von Religion und Menschenrechten. Vom 9. bis 12. Dezember kommen auf seine Einladung hin Wissenschaftler aus 25 europäischen Ländern nach Würzburg, um ein Forschungsprojekt zu starten. Dieses Projekt will untersuchen, wie religiöse und nicht-religiöse Jugendliche in West- und Osteuropa die vielfältigen Formen von Diskriminierung beurteilen.

Hans-Georg Ziebertz und Tobias Benzing: Menschenrechte: trotz oder wegen Religion? Eine empirische Studie unter jungen Christen, Muslimen und Nicht-Religiösen. LIT Verlag Münster. 328 Seiten, 24.90 EUR, ISBN 978-3-643-11933-9

Kontakt
Prof. Dr. Dr. Hans Georg Ziebertz, T (0931) 31-83131,
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