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Ein weiteres Stück Tropen mitten in Leipzig

19.11.2003 - (idw) Universität Leipzig

Neue Gewächshäuser des Botanischen Gartens fertiggestellt


Die neuen Gewächshäuser Seit wenigen Tagen kann die Universität Leipzig einen bemerkenswerten Gebäudekomplex mehr vorweisen: Die neuerbauten Gewächshäuser im Botanischen Garten, die sich an den vor fünf Jahren erbauten und den kürzlich sanierten Trakt anschließen. Jetzt haben die Wissenschaftler und Gärtner alle Hände voll mit dem Einrichten ihres neuen Domizils zu tun. Offizieller Einzug wird im Frühling gefeiert.

Die Zeiten des Räumens und Zusammendrängens, des Hin- und Her-Fahrens zwischen der Johannisallee in Leipzig und der Interims-Unterkunft in Liebertwolkwitz sind vorbei. Alle 9000 Pflanzen der Sammlung der Universität können jetzt so aufgestellt werden, wie es ihre Natur gebietet: in maßgeschneidertem Klima und mit Nachbarn, die auch in Regenwald oder Savanne neben ihnen wachsen könnten. Matthias Schwieger, technischer Leiter des Gartens, führt durch die neu hinzugekommenen "Waldstücke": "Hier sind wir im Mangrovenhaus. Wenn diese Becken mit Wasser gefüllt sind, wird die riesige Seerose Victoria in ihnen gedeihen und Bäume zum Glasdach emporstreben." Aber nicht nur die grüne Pracht der Neubauten ist bemerkenswert. "Modernste Technik eröffnet uns auch botanisch neue Möglichkeiten. Bisher gab beispielsweise das Leipziger Leitungswasser vielen der evolutionsgeschichtlich sehr frühen bedecktsamigen Pflanzen der Südhalbkugel kaum eine Überlebenschance. Unsere neue Wasseraufbereitungsanlage wird deren Gedeihen ermöglichen", so Schwieger.

Bauherr der vom Institut für Botanik genutzten Gebäude war der Freistaat Sachsen, vertreten durch den Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien und Baumanagement. Die Gesamtbaukosten betragen rund 8,2 Millionen Euro. Gearbeitet wurde in zwei Bauabschnitten. Schon vor fünf Jahren folgte dem Abriss völlig veralteter Anlagen der Neubau von Schaugewächshäusern und einer modernen Technikzentrale. Im Februar 2002 begann der zweite, jetzt vollendete Bauabschnitt mit der Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden, klassizistisch anmutenden Altbaues. Die neuen Gewächshäuser wurden ganz der Symmetrie des Vorhandenen angepasst und nach Süden hin angebaut. Damit hat die Universität jetzt rund 2400 Quadratmeter Bruttonutzfläche unter Glas; das ist wesentlich mehr als vor der Zerstörung der Anlage im Krieg. Zwischen den Gebäuden ergibt sich ein kleiner Innenhof, den ab Mai 2004 die Marmorplastik "Schmetterlingsbaum" der Glauchauer Künstlerin Erika Harbort zieren wird.

Aus der Erweiterung der Gewächshauskapazität erwachsen deutliche Vorteile für Lehre und Forschung. "Das Wesentliche ist, dass hier in Leipzig ein Zentrum für tropenökologische Forschung und die Ausbildung von Tropenökologen und Biologen entstanden ist", so Prof. Dr. Wilfried Morawetz, Direktor des Botanischen Gartens. "Damit realisiert sich das Konzept, das ich bei meiner Berufung vor etwa zehn Jahren vorgelegt habe. Schwerpunkt sind dabei die tropischen Holzpflanzen, die Tier-Pflanzen-Interaktionen und die tropische Biodiversität, also die Artenvielfalt. Die Universität Leipzig ist damit eines der wenigen deutschen Zentren, die sich der Tropenökologie im weitesten Sinne widmen, darin forschen und darüber unterrichten. Damit erregt unser wissenschaftliches Herangehen weltweit durchaus Aufsehen und ordnet sich erfolgreich sich in eine Reihe von internationalen Projekten an ähnlichen Standorten ein."

Neue Studien, die jetzt möglich werden, widmen sich unter anderem der Interaktion von Pflanzen und Insekten. Gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie werden die Botaniker der Universität das Miteinander-Leben von Schmetterlingen beziehungsweise Ameisen und südamerikanischen Pflanzen beobachten. "Selbst ganz abstruse Pflanzen können wir jetzt züchten: die Podostemonaceen. Sie sieht in einer Phase ihres Lebens aus wie eine Alge und lebt in - von uns zu simulierenden - Stromschnellen und Wasserfällen; in der anderen Phase ist sie eine recht gewöhnliche Blütenpflanze."

Auch wenn Morawetz aus seiner Freude über die immer vollständiger werdende Anlage keinen Hehl macht, verliert er nicht die noch geplanten Aufgaben aus den Augen: "Im Außenbereich muss die gesamte Systematik neu dargestellt werden. Das bringt viel Arbeit für das kleine Gärtner-Team. Außerdem haben wir noch den Apothekergarten zu betreuen, die Evolutionsachse in Cospuden, wir möchten einen Duft- und Tastgarten anlegen und vor unserem Institutsgebäude sollen verschiedene Wiesentypen gedeihen." Auch Baumaßnahmen stehen noch an: Ein Geräte- und Lagergebäude soll im nächsten Jahr errichtet werden.

Die Geschichte des Botanischen Gartens der Universität Leipzig reicht bis ins frühe 16. Jahrhundert zurück. Als Gründungsdatum wird in der Chronik das Jahr 1542 genannt. Damals wurde der "hortus medicus" nahe dem Paulinerkloster angelegt und ist damit der älteste Universitätsgarten Deutschlands. 1877 fand er schließlich, dem Bau des Reichsgerichtes weichend, seine Heimstatt auf einem drei Hektar großen Gelände zwischen Johannisallee und Linnéstraße.

Marlis Heinz

weitere Informationen:
Prof. Dr. Wilfried Morawetz
Tel.: 0341 - 97 38591
E-Mail: morawetz@rz.uni-leipzig.de
und
Matthias Schwieger
Tel.: 0341 - 97 36850
E-Mail: schwieger@rz.uni-leipzig.de
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