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Neue Methoden der Bildgebung und der molekularen Medizin bringen entscheidende Durchbrüche

20.11.2003 - (idw) Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

Depressionen gehören zu den häufigsten und die Lebensqualität am schwersten beeinträchtigenden Erkrankungen in den westlichen Industrienationen. "Allein in Deutschland sind zu jedem beliebigen Zeitpunkt mehr als drei Millionen Erwachsene von dem psychischen Leiden betroffen", erklärte Prof. Dr. Dr. Frank Schneider aus Düsseldorf beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Oft werden Depressionen jedoch nicht oder zu spät erkannt und behandelt. Schneider forderte deshalb ein besseres Versorgungskonzept für die Patienten und stellte innovative Modelle für eine vernetzte Behandlung vor, in die ambulante und stationäre Einrichtungen eingebunden sind.

Depressionen sind durch Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Freud- und Antriebslosigkeit gekennzeichnet. Wirksame Behandlungsmethoden, wie bestimmte Psychotherapieverfahren oder medikamentöse Ansätze mit Antidepressiva, werden häufig nicht oder nur unzureichend eingesetzt, weil die Depressionen etwa wegen gleichzeitig vorhandener körperlicher Beschwerden übersehen oder in ihrer Schwere unterschätzt werden. Diese Defizite tragen zu den erschreckend hohen Selbstmordraten bei. Prof. Schneider: "Die Suizidwahrscheinlichkeit schwerer, stationär behandelter Fälle liegt bei etwa 15 Prozent. Jährlich nehmen sich etwa 12.000 Menschen mit Depressionen das Leben, wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich noch höher liegt."

Depressionen verursachen hohe Kosten
Depressionen verursachen neben dem oft erheblichen menschlichen Leid hohe Kosten. So sind depressive Störungen für etwa ein Prozent aller Krankenhausaufenthalte (entspricht rund 160.000 stationären Aufnahmen) verantwortlich; die Kosten hierfür werden auf etwa eine Milliarde Euro pro Jahr in Deutschland geschätzt. Hinzu kommen und noch wesentlich teurer sind ambulante Behandlungen (etwa 3.850 Euro pro Patient und Jahr) und die Ausfälle am Arbeitsmarkt: Jährlich gehen elf Millionen Tage Arbeitsunfähigkeit und 15.000 Frühberentungen auf das Konto von depressiven Erkrankungen. Ein erheblicher Teil dieser Kosten, so Prof. Schneider beim DGPPN-Kongress, ließe sich vermeiden, wenn die Betroffenen entsprechend den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften behandelt werden würden. Dies ist oft jedoch nicht der Fall. "So weisen Studien auf eine vielfach unzureichende und zu späte Erkennung der Depression sowie auf eine unzureichende Therapie hin. Wesentliche Defizite bestehen weiterhin in der leitliniengerechten Kooperation von Haus- und Facharzt, beispielsweise in Form rechtzeitiger Überweisung schwer depressiv Erkrankter zur fachärztlichen Behandlung und zurück."

Vernetzung ambulanter und stationärer Behandlung
Im bundesweit tätigen und mit BMBF-Mitteln unterstützten "Kompetenznetz Depression, Suizidalität" haben sich Projektgruppen etabliert, deren Ziel es ist, die Versorgungsdefizite zu überwinden - "insbesondere auch durch Entwicklung und praxisnahe Erprobung neuer Modelle der Vernetzung in der ambulanten und stationären Behandlung depressiver Patienten", wie Prof. Schneider betont. Neben ihm und Prof. Dr. Wolfgang Gaebel von der Düsseldorfer Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie waren Prof. Dr. Mathias Berger und Priv.-Doz. Dr. Dr. Martin Härter aus der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Freiburg mit der Leitung der vorgestellten Projekte betraut. Die einzelnen Projekte, in denen sowohl professions- als auch institutionsübergreifende Vernetzungen zwischen Allgemein- und Fachärzten sowie psychiatrischen Fachkliniken erprobt wurden und werden, verfolgen unterschiedliche Schwerpunkte:

- Ambulantes Qualitätsmanagement: Die meisten Patienten mit depressiven Störungen sind in allgemeinärztlicher Behandlung; dennoch wird etwa die Hälfte der Depressionen nicht erkannt. Die Hauptdefizite liegen in Diagnose und Therapie sowie in der Kooperation mit Fachärzten. In dem Projekt wurden Behandlungsempfehlungen sowie ein interaktives Interventionskonzept entwickelt und bei Haus- und Nervenärzten in Südbaden, München und im Rheinland erprobt.
- Qualitätssicherung stationäre Behandlung: In zehn psychiatrischen Kliniken wurde der Krankheitsverlauf von 1.216 depressiven Patienten dokumentiert. Untersucht wurde vor allem, welche Behandlungsmaßnahmen angewandt wurden und wie sich diese auf den Zustand der Patienten auswirkte. Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass in Allgemeinkrankenhäusern häufiger von den Leitlinien abgewichen wurde, z.B. bei der Dosierung von Antidepressiva oder der Wahl des Psychotherapieverfahrens. Durch Qualitätsrückmeldungen, Leitlinienfortbildungen und Qualitätszirkel soll die Behandlungsqualität in den einzelnen Kliniken gezielt verbessert werden.
- Wirtschaftlichkeitsanalyse: Bei 80 Allgemein- und Fachärzten sowie in zehn Kliniken wurden die Behandlungskosten depressiver Erkrankungen analysiert. Ziel des Projekts ist es, qualitätsorientierte und leitlinienbasierte Vergütungssysteme für die ambulante Behandlung sowie für ambulant-stationäre Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Info Depressionen: Unzureichende Behandlung - fatale Folgen

Depressionen beeinträchtigen wie keine andere Erkrankung in fundamentaler Weise die Lebensqualität der Betroffenen. Ausgehend von dem zentralen Indikator YLD (years lived with disability), bei dem Häufigkeit, Dauer und aus der Erkrankung resultierende Beeinträchtigungen gemessen werden, kommen Depressionen in den Industrienationen die größte Bedeutung zu - mit weitem Abstand vor allen anderen körperlichen und psychischen Volkskrankheiten. Mindestens 30 Prozent aller Patienten sind auch nach einem Jahr noch bzw. erneut von der Erkrankung betroffen; etwa 15 Prozent der schwer depressiven, stationär behandelten Patienten nehmen sich das Leben. Obwohl heute mehr als 80 Prozent der depressiven Patienten schnell und erfolgreich behandelbar sind, werden viele Patienten nicht als Depressive diagnostiziert oder erhalten keine ausreichend wirksamen Pharmakotherapien und Psychotherapien.

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