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Deutschland ist ein Einwanderungsland ? Preisträger widerlegt zähe Vorurteile

22.11.2003 - (idw) Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V.

Leibniz-Gemeinschaft verleiht Nachwuchspreis an den Volkswirt Dr. Michael Fertig


Dr. Michael Fertig Nürnberg/Essen. Der Nachwuchspreisträger 2003 der Leibniz-Gemeinschaft heißt Dr. Michael Fertig. Der am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen tätige Volkswirt überzeugte das Präsidium der Leibniz-Gemeinschaft durch eine Forschungsarbeit, die nicht nur mit der Bestnote "summa cum laude" ausgezeichnet wurde, sondern auch in der politischen Debatte um die Zuwanderung mutig Position bezieht. Fertig nahm die mit 3000 Euro dotierte Auszeichnung am Abend des 20. November in Nürnberg entgegen.

Fertigs Untersuchung trägt den Titel "Germany as an Immigration Country - Empirical Evidence" und räumt gleich eine ganze Reihe von gebräuchlichen Vorurteilen aus, die die deutsche Zuwanderungsdebatte prägen. Eines der hartnäckigsten Vorurteile gegenüber Ausländern in Deutschland besagt, dass Zuwanderer häufiger als Einheimische dem Staat auf der Tasche liegen und das "soziale Netz" belasten. Fertig hat sich das genau angesehen, Daten aus der kleinen Volkszählung ("Mikrozensus") von 1995 analysiert und kann das Vorurteil widerlegen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein typischer Zuwanderer der ersten oder zweiten Generation auf Sozialhilfe angewiesen ist, ist deutlich kleiner als bei einem Einheimischen in vergleichbaren Lebensumständen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass man einen ungelernten türkischen Arbeiter eher auf den Fluren des Sozialamtes antreffen wird als einen deutschen Arzt oder Anwalt. Aber wenn Ausländer im Mittel häufiger Sozialhilfe beziehen als Deutsche, dann muss man darin auch ein Ergebnis verfehlter Zuwanderungspolitik sehen.

Für die überfällige Gestaltung der Zuwanderungspolitik gibt Fertig im Schlusskapitel seiner Untersuchung wichtige Hinweise. Er legt dar, wie sich die Folgen einer bestimmten Zuwanderungspolitik wissenschaftlich solide prognostizieren lassen und wo die Grenzen der Vorausschau liegen. Fertig gibt damit der Politik erstmals ein Instrument an die Hand, in der Migrationspolitik das eigene Handeln und dessen Folgen zu bewerten.

Erstmals wurde der Nachwuchspreis in diesem Jahr auf eine Weise vergeben, wie sie bei großen Medienpreisen üblich ist. Der Wissenschaftliche Vizepräsident Ekkehard Nuissl von Rein präsentierte den Gästen des Festaktes anlässlich der Jahrestagung alle fünf von den Sektionen nominierten Kandidaten und gab erst danach den Preisträger bekannt. Das Leibniz-Präsidium hatte nach hartem Ringen seine Entscheidung getroffen und den Namen des Preisträgers bis zur Jahrestagung geheim gehalten. "Die Sektionen haben ganz hervorragende Kandidatinnen und Kandidaten für den Nachwuchspreis nominiert. Jeder Einzelne wäre ein würdiger Preisträger", kommentierte Leibniz-Präsident Hans-Olaf Henkel die Auswahl, "ich bin überzeugt, dass die fünf jungen Wissenschaftler alle erfolgreich ihren Weg gehen werden."

Zur Person:
Dr. Michael Fertig (Jahrgang 1970) begann im Herbst 1991 ein politikwissenschaftliches Studium an der Universität Köln, wechselte aber schon nach einem Semester Fach und Stadt. Das Volkswirtschaftsstudium an der Universität Heidelberg schloss Fertig im Juli 1997 mit dem Diplom ab. Fertig blieb bis Herbst 2002 in der Stadt am Neckar und nahm eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ökonometrie von Prof. Dr. Christoph M. Schmidt an. In dieser Zeit entstand seine nun ausgezeichnete Doktorarbeit, für die Fertig bereits zuvor den Südwestmetall-Förderpreis 2002 erhalten hatte. Im Oktober 2002 folgte Fertig seinem Doktorvater nach Essen. Schmidt hatte dort die Leitung des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) übernommen, das zu den sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstituten Deutschlands in der Leibniz-Gemeinschaft gehört.

Die Kandidaten:
Die 14 Leibniz-Instituten der Sektion Geisteswissenschaften und Bildungsforschung nominierten Dr. Stefanie Hartz für den Nachwuchspreis. Sie fertigte eine Fallstudie über die Einführung von Gruppenarbeit in einem traditionellen Stahlbetrieb an. Seit Mai 2002 arbeitet Hartz beim Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn.

Die Institute der lebenswissenschaftlichen Sektion der Leibniz-Gemeinschaft schickten Dr. Mario Schubert aus dem Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) ins Rennen. Der Chemiker arbeitete an der Aufklärung der räumlichen Gestalt von Eiweißmolekülen mit Hilfe der Nuklearmagnetischen Resonanzspektroskopie (NMR-Spektroskopie). Die im März 2002 mit Bestnote abgeschlossene Doktorarbeit führte bereits zu einem Patent und einer Veröffentlichung in der Wissenschaftszeitschrift Nature.

Dr. Felix Braun legte am Dresdner Institut für Polymerforschung (IPF) neue Grundlagen für den Bau kleinster Mikroreaktoren. Die Chefs der 21 natur- und ingenieurwissenschaftlichen Leibniz-Institute waren von Brauns im Oktober 2002 abgeschlossener Doktorarbeit über "UV-sensitive ultradünne funktionelle Filme" so angetan, dass sie den Chemiker für den Nachwuchspreis nominierten. IPF-Direktorin Brigitte Voit lobte den "außerordentlich überzeugenden Mehrwert der interdisziplinär angesetzten Forschungsarbeit".

Die neun umweltwissenschaftlichen Institute der Leibniz-Gemeinschaft wählten Dr. Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) als Kandidatin aus. Die Geografin hat in ihrer Dissertation "Fire disturbance and vegetation dynamics - analysis and models" den Einfluss von Bränden auf die Klimaentwicklung untersucht. Ihre Ergebnisse haben bereits erste Anwendungen: Das Deutsche Forschungsnetz Naturkatastrophen nutzt Thonickes Resultate für die vorbeugende Waldbrandbekämpfung.

Rückfragen:

Dr. Frank Stäudner
Telefon 0174/318 90 36Fax 030/20 60 49 55
E-Mail: staudner@wgl.de
www.leibniz-gemeinschaft.de

Direkter Kontakt zum Preisträger:
Dr. Michael Fertig
Telefon 0201 8149-201
Fax 0201 8149-236
E-Mail: fertig@rwi-essen.de
www.rwi-essen.de
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