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Psychotherapiemethoden auf dem Prüfstand

22.11.2003 - (idw) Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

Überprüfung der Wirksamkeit von Psychotherapien für optimalen Therapieerfolg notwendig

In den letzten Jahren sind die etablierten Psychotherapiemethoden in die Kritik geraten. So wird bemängelt, dass Leiden wie Depressionen, Angsterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen, die auf sehr unterschiedlichen Ursachen beruhen, oft mit ähnlichen Ansätzen behandelt werden. Dadurch werden die Patienten teilweise unzureichend behandelt. In einigen Fällen können sich Störungen sogar verschlimmern, wie Experten auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin betonen. Die evidenzbasierte und störungsorientierte Psychotherapie hingegen fordert Therapieformen, die genau auf die konkret vorliegende Störung zugeschnitten sind.

"Das problematische an den etablierten Psychotherapieschulen ist, dass die Therapieformen häufig nicht auf die konkreten Anforderungen des spezifischen Krankheitsbildes ausgerichtet sind", erläutert Prof. Dr. Fritz Hohagen, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Unterschiedliche Störungen werden oft mit ein und derselben Therapie behandelt; die klinische Wirksamkeit einer Therapie im Hinblick auf die zu behandelnde Erkrankung ist dabei nicht immer wissenschaftlich erwiesen. Psychische Erkrankungen werden in Folge dessen teilweise nicht ausreichend behandelt. In einigen Fällen kann sich das Leiden sogar verschlimmern.

Posttraumatische Belastungen können sogar verstärkt werden
Ein Beispiel hierfür ist das "Critical Incident Stress Debriefing (CISD)" nach Mitchell, das nach traumatischen Ereignissen wie schweren Verkehrsunfällen, Flugzeugabstürzen oder Erdbeben angewendet wird, um der posttraumatischen Belastungsstörung vorzubeugen. Bei dem CISD handelt es sich um eine spezielle Technik, die Opfern von Katastrophen dabei helfen soll, die physischen oder psychischen Symptome zu verarbeiten, die nach einem solchen Ereignis auftreten können. Es konnte jedoch nachwiesen werden, dass CISD die Patienten nicht vor einer späteren Erkrankung schützt. Im Gegenteil: Unter Umständen kann das Critical Incident Stress Debriefing traumatische Symptome wie zum Beispiel Unruhe, Albträume oder Flashbacks zusätzlich verstärken.

Effektiver und kostengünstiger behandeln
"Eine klinisch unwirksame Psychotherapiemethode anzuwenden ist zum einen unethisch, und zum anderen gegenüber den Kostenträgern nicht zu verantworten", verdeutlicht Prof. Hohagen. "Schulorientierte Psychotherapien sollten sich daher einer wissenschaftlichen Prüfung unterziehen, um einen optimalen Therapieerfolg zu erreichen." Darüber hinaus sei es wichtig, störungsorientierte Psychotherapien anzuerkennen, deren Wirksamkeit für einzelne Indikationsbereiche nachgewiesen ist. Ein Beispiel hierfür ist die interpersonelle Psychotherapie zur Behandlung von Depressionen und Esstörungen. Bei der interpersonellen Psychotherapie (IPT) handelt es sich um eine Kurzzeittherapie mit etwa 12-20 Einzelsitzungen, bei der als effektiv bekannte psychotherapeutische Techniken und Strategien kombiniert und teilweise durch eine gleichzeitige Pharmakotherapie ergänzt werden. Die Wirksamkeit von IPT bei der Akutbehandlung von Depressionen ist in mehreren Studien belegt worden.

Anerkannte Therapien - evidenzbasiert und wirksam
Die kognitive und Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sowie die Gesprächspsychotherapie sind bereits nach eingehender wissenschaftlicher Prüfung durch den wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer als wissenschaftliche Verfahren mit empirisch erbrachten klinischen Wirknachweis anerkannt. Alle anderen Psychotherapiemethoden beziehungsweise Psychotherapieschulen gelten somit noch nicht als evidenzbasierte Methoden. Ihre klinische Wirksamkeit muss erst noch in kontrollierten Studien nachgewiesen werden.

In Zukunft: Klinik- und Therapieschwerpunkte
"Es muß langfristig dazu kommen, dass Therapien indikationsspezifisch beziehungsweise störungsorientiert für bestimmte Diagnosegruppen zugelassen werden und die anerkannten Psychiatrierichtlinienverfahren, die zur Zeit Behandlungsmethoden für das gesamte Spektrum psychischer Erkrankungen zulassen, ablösen", fordert Prof. Hohagen. Ein solcher Paradigmenwechsel würde langfristig auch Auswirkungen auf die Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Psychologen haben. Wesentliche Bestandteile der Ausbildung wären dann "allgemeine Psychotherapielehre" und "evidenzbasierte, störungsorientierte Psychotherapieverfahren" und nicht mehr wie bisher die Psychotherapieschulen. "Damit einhergehend wäre die Bildung von Klinik- und Therapeutenschwerpunkten sowie der Aufbau regionaler Therapienetze für ambulante und stationäre Psychotherapien notwendig", so Prof. Hohagen, "da ein Therapeut oder eine Klinik nicht das gesamte Spektrum aller Diagnosen kompetent und auf hohem Niveau behandeln kann. Letzten Endes könnte dieser Ansatz auf Dauer gesehen, zu vergleichbaren Qualitätsstandards bei der Zulassung von Psychotherapieverfahren führen, wie sie bereits für die Zulassung von Psychopharmaka gelten."

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