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Energiewende und Klimawandel Erfahrungen zur Kulturlandschaftsgestaltung aus Berlin/Brandenburg

13.12.2013 - (idw) Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS)

Durch die Energiewende sind viele Regionen in Deutschland einem starken Wandel der Kulturlandschaft unterworfen, der aufgrund der ökonomischen Anreize des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine hohe Eigendynamik erreicht hat. Brandenburg ist durch den umfassenden Ausbau erneuerbarer Energien davon in besonderem Maße betroffen. Wie dieser oftmals konfliktbehaftete Prozess des Ausbaus erneuerbarer Energien und des Kulturlandschaftswandels im Rahmen von kulturlandschaftlichen Handlungsräumen von den Akteuren vor Ort beeinflusst und besser gestaltet werden kann, untersuchen IRS-Wissenschaftler. Die Energiewende betrifft vorwiegend ländliche Räume. Die Installation von Windrädern, Solarparks oder Biogasanlagen und der Anbau nachwachsender Rohstoffe beansprucht nicht nur Flächen sondern verändert auch das Landschaftsbild. Die Betroffenheit von und die Teilhabe an der Entwicklung erneuerbarer Energien fallen aber oft auseinander. Deshalb ist es erforderlich, ergänzend zu formellen Planungen im Rahmen informeller Ansätze und Kooperationsprozesse neue Handlungsmöglichkeiten zu erschließen.
Die Gemeinsame Landesplanungsabteilung Berlin-Brandenburg hat den Handlungsbedarf, der sich durch den Klimawandel und die Energiewende ergibt, erkannt und entwickelt ein Gemeinsames Raumordnungskonzept Energie und Klima für Berlin und Brandenburg (GRK) als informelles Planungsinstrument. Das IRS bearbeitet den dritten Teil des GRK und bringt Expertise aus der langjährigen Kulturlandschaftsforschung sowie aktuellen Projekten zur Energiewende und zur Anpassung an den Klimawandel ein. In zwei Beispielregionen, der Prignitz und dem Barnim, haben Andreas Röhring und Frank Sondershaus von der Abteilung Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter des IRS kulturlandschaftliche Besonderheiten, die räumliche Problemkonstellationen sowie bestehende Netzwerke und Kooperationsstrukturen untersucht.

In Zusammenarbeit mit dem Büro für Landschaftskommunikation wurden im Rahmen von Workshops regionale Dialogprozesse über spezifische Handlungsmöglichkeiten gegenüber Herausforderungen der Energiewende und des Klimawandels eingeleitet. Ziel ist es, durch eine kooperative Zusammenarbeit in kulturlandschaftlichen Handlungsräumen eine landschaftlich angepasste Entwicklung zu erreichen und die regionale Teilhabe zu verbessern.

Die Chancen dieser Vorgehensweise liegen im Integrationspotenzial der Kulturlandschaft. In der sehr vielfältigen Kulturlandschaft des Barnims, die sich von urbanen Stadträumen Berlins bis in den ländlichen Raum Brandenburgs erstreckt, ist dieses Integrationspotenzial allerdings noch entwicklungsfähig. Im Barnim wurde deutlich, dass der Lastenausgleich zwischen Räumen mit hoher und geringer Dichte von regenerativen Energieerzeugungsanlagen ein wichtiges Thema ist, berichtet Frank Sondershaus. Ausgleichsmaßnahmen könnten beispielsweise in Form von Investitionen in die Landschaftsinfrastruktur erfolgen, was positive Effekte für die Bereiche Tourismus und Erholung, Naturschutz oder Landwirtschaft mit sich bringen kann.

Um solche sektorenübergreifenden Maßnahmen zu verhandeln, sind Dialogprozesse in kulturlandschaftlichen Handlungsräumen ein geeignetes Instrument. Die Kooperation zwischen bestehenden Organisationen wie dem Regionalpark Barnimer Feldmark und dem Naturpark Barnim mit Schlüsselakteuren wie der Barnimer Energiegesellschaft kann neue Einflussmöglichkeiten eröffnen. Die Voraussetzungen sind im Barnim nicht schlecht, da es bereits funktionierende kulturlandschaftliche Handlungsräume und Schlüsselakteure gibt, die sich auch mit Klima- und Energieprojekten befassen, bilanziert Sondershaus. Was fehlt, ist die Überwindung administrativer Grenzen und die Entwicklung eines ganzheitlichen Barnim-Bewusstseins. Besonders der letzte Punkt sei von großer Bedeutung, da der Barnim als Landschaft zwischen Berlin und Brandenburg sehr heterogen wahrgenommen wird.

Anders sind die Erfahrungen in der Prignitz, berichtet Andreas Röhring. Die offene Agrarlandschaft hat sich zu einer durch Windkraft-, aber auch durch große Biogas- und Photovoltaikanlagen geprägten Energielandschaft entwickelt, die weit mehr Energie erzeugt als sie verbraucht. Allerdings sehen die Akteure in der Prignitz aufgrund von Defiziten wirtschaftlicher Teilhabe bisher weitgehend eine Installationslandschaft externer Investoren mit den daraus resultierenden Konflikten und Akzeptanzproblemen. Im Gegensatz zum Barnim haben wir in der Prignitz eine ausgeprägte historisch verwurzelte Identität vorgefunden, an der Handlungsräume der regionalwirtschaftlichen und ländlichen Entwicklung, des Naturschutzes und des Tourismus in unterschiedlicher Weise anknüpfen. Erneuerbare Energien wurden in den bestehenden Handlungsräumen bisher allerdings nur ansatzweise thematisiert, so Röhring. Deshalb besteht hier die Frage, wie künftig durch Vernetzung der bestehenden Handlungsräume und die Einbeziehung weiterer Akteure im Rahmen eines kulturlandschaftlichen Handlungsraums Energielandschaft Prignitz eine gemeinsame Interessenartikulation erfolgen und eine Entwicklung der Energielandschaft als Gestaltungslandschaft unter Verbesserung der regionalen Teilhabe erreicht werden kann.

Die Beispiele Prignitz und Barnim haben gezeigt, dass kulturlandschaftliche Handlungsräume aufgrund ihrer identitätsräumlichen Bindungen eine geeignete Ebene sind, um regionale Problemstellungen der Entwicklung erneuerbarer Energien und des Klimawandels zu thematisieren und ein gemeinsames Problembewusstsein zu entwickeln. Künftig liegen Chancen darin, Möglichkeiten der regionalen Teilhabe zu sichern, aber auch ein Energielandschaftsbewusstsein zu entwickeln und neue kulturlandschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten zu erschließen, um den Kulturlandschaftswandel intendiert zu beeinflussen und seine Akzeptanz zu verbessern. Allerdings benötigten regionale Akteure hierfür politische und institutionelle Unterstützung, schließen Röhring und Sondershaus. Ansatzpunkte bestehen hierfür mit den regionalen Energiekonzepten auf der Ebene der Planungsregionen, die im Rahmen ihres Umsetzungsmanagements durch handlungsräumliche Kooperationsprozesse mit Leben erfüllt werden könnten.

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