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Augsburger Wissenschaftspreis 2004 geht an Berliner Dissertation über illegale Migration

20.02.2004 - (idw) Universität Augsburg

Auf umfangreiches Erfahrungsmaterial zurückgreifende Studie von P. Dr. Jörg Alt SJ verschafft Einblick in die Lebenssituation "Illegaler" ---

Der von Helmut und Marianne Hartmann gestiftete "Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien", der seit 1998 jährlich bundesweit ausgeschrieben und an wissenschaftliche Arbeiten vergeben wird, die einen substantiellen Beitrag zum Generalthema "Interkulturelle Wirklichkeit in Deutschland: Fragen und Antworten auf dem Weg zur offenen Gesellschaft" leisten, geht 2004 an die Berliner Dissertation von P. Dr. Jörg Alt SJ. Sie trägt den Titel "Leben in der Schattenwelt. Problemkomplex illegale Migration. Neue Erkenntnisse zur Lebenssituation 'Illegaler' aus München und anderen Orten Deutschlands". Die Verleihung des Preises wird am 10. Mai 2004 im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses stattfinden.

DIE PREISGEKRÖNTE STUDIE ...

... würdigt Prof. em. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang Frühwald, der Vorsitzende der Jury des vom "Forum Interkulturelles leben und Lernen (FILL) e. V." gemeinsam mit der Universität und der Stadt Augsburg verliehenen Augsburger Wissenschaftspreises, folgendermaßen:

"Warum wir im Fernsehen so viele Kriminalfilme sehen, fragen wir uns oft, warum uns Mord und Raub faszinieren, warum sich immer mehr dieser Filme mit illegaler Arbeit, mit der Not und der Ausbeutung von Schwarzarbeitern, mit dem Flüchtlingselend und der Schleuserkriminalität befassen? Weil wir in diesen Filmen sehen wollen, was wir von uns fernzuhalten versuchen, was uns nicht betreffen soll.

Die Arbeit von P. Dr. Jörg Alt SJ greift mitten hinein in einen Problemkomplex, den wir in der gesellschaftlichen Debatte verdrängen, den wir (in allen Staaten der Welt) bisher allein durch verschärfte Grenzkontrollen und durch Bekämpfung der Kriminalität zu bewältigen meinen. Illegale Migration, das heißt die Grenzüberschreitung und der Aufenthalt von Menschen ohne gültige Papiere in einem fremden Land, ist zu einem Massenphänomen geworden. Es steht heute auf der Kippe und kann sehr rasch der scheinbaren Kontrolle entgleiten. In den USA lebt etwa ein Viertel der außerhalb des Landes geborenen Immigranten illegal im Lande, das bedeutet eine Zahl von 8,4 Millionen Menschen, in Deutschland sind es nach einer vorsichtigen Schätzung bereits 1,5 Millionen.

Im Gegensatz zu unserem Sensationsgedächtnis stellt diese Arbeit am Beispiel eines reichen Erfahrungsmaterials aus München (und anderen deutschen Großstädten) fest, dass es sich bei den Menschen sans papier um eine große Menschengruppe handelt, deren Wanderung weitgehend von personalen Bekanntheitsnetzen bestimmt ist, zum geringsten Teil durch kriminelle Netzwerke. Beschäftigt sind diese Menschen in der Bauwirtschaft ebenso wie in privaten Haushalten, in der Kinder-, Kranken- und Altenpflege, als Putz- und Haushaltshilfen. Während die Ausbeutung der 'Illegalen' in der Baubranche nach wie vor enorm ist, dominieren im Privatsektor Vertrauensverhältnisse.

Wieder einmal zeigt sich, dass die Wirklichkeit der Fiktion an Vielfalt weit überlegen ist. Die Arbeit von Jörg Alt nimmt dem Phänomen der 'illegalen Migration' seine 'kriminelle Exotik' und ist gleichwohl spannender als ein Kriminalroman im gleichen Milieu zu lesen. Sie konstatiert eine Pendelmigration (zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsland), die Entstehung übernationaler Lebens-, Arbeits- und Sozialräume in einer globalisierten Netzwerkgesellschaft, sie berichtet von 'grenzübergreifenden Subgesellschaften', welche nationale Gesetze zwar brechen, aber trotzdem keine werte- und normenfreie Räume sind; sie erzählt von Migrationspfaden und Wanderungswegen, die von Freunden, Verwandten, Unterstützern gebahnt sind, freilich (zu etwa 20 %) auch von kriminellen Schleuserbanden genutzt werden.

Dass die (legale und die illegale Migration) von den Herkunftsländern gebilligt und strukturell sogar unterstützt wird, belegt diese Arbeit durch eindrucksvolle Zahlen: Wie sollte ein Land (z. B. Marokko) an einer Verringerung der Auswanderung interessiert sein, wenn durch die Arbeitsemigranten mehr als 2 Milliarden an Devisen ins Land zurückfließen, das Land aber nur insgesamt 419 Millionen US-Dollar an Entwicklungshilfe bekommt? Das Vertrauen in die (Milliardensummen verschlingende) Grenzsicherung der Nationalstaaten und der Kontinentalverbünde wird in dieser Arbeit lapidar als 'überoptimistisch oder weltfremd' gekennzeichnet. Wer die illegale Emigration als ein zentrales Element der in Bewegung geratenen Welt verstehen und ihre Ursachen beseitigen will, muss mit jahrhundertealten Denk- und Ordnungstraditionen brechen, die noch immer von Inseln sozialer Sicherheit in einer komplexen Welt träumen. Jörg Alt warnt vor einer Situation 'fünf vor zwölf'. Seine erfahrungsgesättigte Arbeit richtet sich nicht nur an die Politik, sondern an die Gesellschaft, welche aufgerufen ist, nach den Prinzipien der Menschenwürde die Ursachen illegaler Wanderungen stärker als ihre Symptome zu bekämpfen.

Auch Jörg Alt hat keine Patentlösung für ein Problem, das in einer Reihe steht mit Friedens-, Umwelt-, Klima-, Armutsproblemen und der Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Aber sein Verdienst ist, dass er dieses Problem plastisch und verständlich herausgearbeitet hat. Er hat es als ein Problem unseres Alltags verständlich gemacht und zeigt innerhalb einer sich entwickelnden 'polyzentrischen Weltpolitik' Alternativen zu alternativ- und einfallslosen und daher vergeblichen Unterdrückungsmechanismen."

ZUR PERSON DES PREISTRÄGERS

Jörg Alt wurde 1961 in Saarbrücken geboren. Mit 20 Jahren trat er in die Societas Jesu ein und wurde 1993 zum Priester geweiht. Er studierte in München und in London Theologie und Philosophie und schloss dieses Studium 2001 mit der Magisterprüfung ab. Bereits 1999 erschien seine Studie "Illegal in Deutschland - Forschungsprojekt zur Lebenssituation 'illegaler' Migranten in Leipzig", die im Unterschied zu der 2003 an der Philosophischen Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach Soziologie eingereichten Dissertation eine Stadt mit einem Ausländeranteil von knapp 5 % untersucht. Der Dissertation liegen vor allem Münchner Daten zugrunde, das heißt Daten einer Stadt mit einem Ausländeranteil von 22,6 %. Schon in den achtziger Jahren war Jörg Alt als Mitarbeiter bei der Caritas-Beratungsstelle für Asylbewerber in Würzburg tätig. 1992 bis 1995 arbeitete er als Kaplan in einer Leipziger Großstadtpfarrei und daneben als Vorstandsmitglied des Sächsischen Flüchtlingsrates. 1995 bis 1997 koordinierte er den bundesdeutschen Initiativkreis für das Verbot von Landminen, seit 2002 ist er Mitarbeiter beim Büro des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Berlin. "Das Thema seiner Dissertation", so Frühwald, ist für Jörg Alt also nicht nur ein interessanter Objektbereich für die Erprobung wissenschaftlicher Theorien, sondern in der täglichen Arbeit seit 1986 erlebte Wirklichkeit."

28 BEWERBUNGEN AUS 17 UNIVERSITÄTEN

Um den Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2004 haben sich in diesem Jahr 28 Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler der Humboldt-Universität zu Berlin (4) sowie der Universitäten Augsburg (1), Bochum (1), Dortmund (1), Duisburg-Essen (1), Frankfurt/Main (1), Frankfurt/Oder (1), Hagen (1), Heidelberg (3), Kiel (2), Köln (1), Mainz (2), München (2), Münster (2), Oldenburg (1), Tübingen (2) und der TU Chemnitz (2) beworben. Neben sieben Magister- und fünf Diplomarbeiten wurden zwölf Dissertationen und vier Habilitationsschriften eingereicht.

DIE BISHERIGEN PREISTRÄGERINNEN UND PREISTRÄGER

P. Dr. Jörg Alt SJ ist der siebte Träger des Augsburger Wissenschaftspreises für Interkulturelle Studien. 1998 ging die Auszeichnung an den Bamberger Politikwissenschaftler Alfredo Märker für seine Diplomarbeit zum Thema "Zuwanderung in die Bundesrepublik: Universalistische und Partikularistische Gerechtigkeitsaspekte", 1999 an die Frankfurter Soziologin Dr. Encarnación Gutiérrez Rodriguez für ihre Dissertation mit dem Titel "Jongleurinnen und Seiltänzerinnen - Dekonstruktive Analyse von Ethnisierung und Vergeschlechtlichung" und 2000 an die Essener Erziehungswissenschaftlerin Dr. Yasemin Karakasoglu-Aydin für ihre Dissertation über "Religiöse Orientierungen und Erziehungsvorstellungen. Eine empirische Untersuchung an türkischen Lehramts- und Pädagogik-Studentinnen im Ruhrgebiet". 2001 hat die Göttinger Juristin Prof. Dr. Christine Langenfeld den Augsburger Wissenschaftspreis für ihre Habilitationsschrift "Integration und kulturelle Identität zugewanderter Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland - eine Untersuchung am Beispiel des allgemeinbildenden Schulwesens" erhalten, 2002 ging er an die Osnabrücker Dissertation "Heiratsverhalten und Partnerwahl im Einwanderungskontext: Eheschließungen der zweiten Emigrantengeneration türkischer Herkunft" von Dr. Gaby Straßburger und im vorigen Jahr an die Dortmunder Dissertation "Das Gesundheitserleben von Frauen aus verschiedenen Kulturen. Frauen und Gesundheit: Eine empirische Untersuchung zum Gesundheitserleben ausländischer Frauen in Deutschland aus salutogenetischer Sicht" der Iranerin Dr. Azra Pourgholam-Ernst.

BEWERBUNGSFRIST FÜR 2005 ENDET AM 30. SEPTEMBER 2004

Die Bewerbungsfrist für den Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2005 läuft bis zum 30. September 2004. Eingereicht werden können wissenschaftliche Arbeiten, die sich im Rahmen des übergreifenden Themas "Interkulturelle Wirklichkeit in Deutschland: Fragen und Antworten auf dem Weg zur offenen Gesellschaft" bewegen. Der Preis richtet sich insbesondere an Magister-, Staatsexamens- und Diplomarbeiten sowie an Dissertationen und Habilitationsschriften, die nicht früher als zwei Jahre vor dem Bewerbungsschluss an einer deutschen Universität abgeschlossen und vorgelegt wurden. Bewerbungen sind mit zwei Exemplaren der Studie, einer ca. 10-seitigen Zusammenfassung der Studie, mindestens einem Gutachten eines Professors/einer Professorin und einem Lebenslauf über die jeweilige Universitätsleitung an das Rektoramt der Universität Augsburg, Universitätsstraße 2, 86159 Augsburg, zu richten.

KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:

Dr. Peter Kolb
Rektoramt der Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon 0821/598-5102, Telefax 0821/598-5116
e-mail: peter.kolb@rektorat.uni-augsburg.de

INFORMATIONEN ÜBER DAS "FORUM INTERKULTURELLES LEBEN UND LERNEN (FILL) E. V.":
http://www.fill.de
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