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Gefangene und ihre Gesundheit - Oldenburger Wissenschaftler legen Studie vor

24.02.2004 - (idw) Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Annähernd 50 Prozent der Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Oldenburg leiden bei Haftantritt an einer behandlungsbedürftigen Krankheit. Drogen- und Alkoholabhängigkeit sowie Infektionskrankheiten wie HIV/AIDS und Hepatitis treten um ein Vielfaches häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Mit einem Anteil von 68 Prozent machen die Suchtkrankheiten den weitaus größten Teil der bestehenden Krankheiten aus. Dies sind Ergebnisse der Studie "Entwicklung gesundheitsfördernder Angebote im Justizvollzug am Beispiel der Justizvollzugsanstalt Oldenburg", die jetzt von Wissenschaftlern der Arbeitsgruppe Devianz an der Universität Oldenburg vorgelegt wurde.

Mit Unterstützung der Oldenburger JVA hatten die Wissenschaftler untersucht, welche gesundheitlichen Belastungen bei den Gefangenen konkret vorhanden sind, und welche Chancen die Anstalt für eine gesundheitliche Stabilisierung bietet.

Die Befragung von rund 500 Gefangenen ergab, dass die Haftanstalt überproportional stark mit Menschen aus unteren sozialen Schichten mit geringem Bildungs- und Ausbildungsniveau belegt ist. 15 Prozent der Befragten haben keinen Schulabschluss, 56 Prozent verfügen lediglich über einen Hauptschulabschluss. Eine abgeschlossene Berufsausbildung können nur rund 50 Prozent nachweisen. Entsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit mit 68 Prozent. Darüber hinaus ist der Anteil ethnischer Minderheiten in der JVA hoch. Die medizinische Versorgung im Gefängnis ist zum überwiegenden Teil mit suchtbedingten Behandlungen beschäftigt.

"Gefangene sind Teil der Gesellschaft und kehren in der Regel nach Verbüßung ihrer Strafe in ihr Lebensumfeld zurück. Die Gesundheit der Gefangenen ist daher die Gesundheit aller. Die Zeit der Inhaftierung könnte und sollte zur sozialen Reintegration und gesundheitlichen Stabilisierung genutzt werden", erklärte der Leiter der Studie, Dr. Knut Tielking. Über die Gesundheit der Gefangenen und die Gesundheitsförderungsangebote der Haftanstalten sei in Deutschland jedoch noch viel zu wenig bekannt. Aufgrund der Untersuchungsergebnisse empfehlen die Wissenschaftler beispielsweise die Weiterentwicklung von Hilfen für Abhängige legaler und illegaler Drogen und die Implementierung einer "ambulanten Rehabilitation" während der Zeit im Vollzug.

Über die unmittelbare Fragestellung hinaus beschäftigten sich die Oldenburger Wissenschaftler auch mit einem übergeordneten Konzept von "Gesundheitsförderung": Antworten auf die großen gesundheitspolitischen Herausforderungen (vor allem Drogen-/Alkoholabhängigkeit und Infektionskrankheiten) zu finden, war dabei das Ziel. Erarbeitet wurden Vorschläge zur gefängnisinternen und -externen Vernetzung und der aktiveren Auseinandersetzung mit Sucht- und Infektionsrisiken. "Menschen in Haft sind zum Entzug ihrer Freiheit verurteilt und nicht zu einer schlechteren medizinischen Behandlung", fasste Vizepräsident der Universität Oldenburg und Leiter der AG Devianz, Prof. Dr. Wolf-Dieter Scholz, den gesundheitspolitischen Auftrag zusammen.

Kontakt: Dr. Knut Tielking und PD Dr. Heino Stöver, AG Devianz, Universität Oldenburg, Tel.: 0441/798-5156, E-Mail: saus@uni-oldenburg.de
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