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Existenzgründung in Baden-Württemberg braucht neuen Schub

04.07.2002 - (idw) Universität Mannheim

Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim nimmt zur Situation von Existenzgründung in Baden-Württemberg Stellung

Die Förderung von Existenzgründungen ist eines der Rezepte, mit denen die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission zur Arbeitsmarktreform um den VW-Manager Peter Hartz die Arbeitslosigkeit eindämmen will. Während andere Vorschläge (etwa die Leiharbeits-Agenturen) der Arbeitsgruppe zu teils kontroversen politischen Diskussionen Anlass geben, scheint eine verstärkte Gründungs-Förderung, die in den Reform-Vorschlägen durch die so genannten "Ich-AG" und "Familien-AG" erfolgen soll, eine breitere Zustimmung zu finden.
Dass den vielfachen Rufen nach stärkerer Entlastung von Existenzgründern auch endlich Taten folgen müssten, darauf verwies die Geschäftsführerin des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim (ifm), Dr. Birgit Buschmann. Die Mittelstands-Expertin rief in Erinnerung, dass die Enquête-Kommission "Mittelständische Unternehmen" des Landtags Baden-Württemberg bereits im Jahr 2000 unter anderem spezielle Mikrodarlehen gefordert habe, um die wachsende Zahl von Kleingründungen besser zu unterstützen. Nun plant der Bundeswirtschaftminister endlich die Umsetzung im Rahmen eines neuen Förderprodukts der Deutschen Ausgleichsbank (DtA): Darlehens-Beträge bis zu 25.000 Euro sollen Gründer und Firmen mit höchstens 10 Mitarbeitern damit schnell, ohne Sicherheiten und mit einem einzigen Antragsformular erhalten können. Für Banken soll die Vermittlung durch eine 80prozentige Haftungsfreistellung attraktiv werden.
In Baden-Württemberg ist die Zahl der Selbständigen im Verlauf der letzten 10 Jahre um 55.000 auf 482.000 (2001) angestiegen. Allerdings hat sich nach aktuellen ifm-Untersuchungen der Selbständigenbestand in den letzten fünf Jahren kaum noch vergrößert. Im bundesweiten Vergleich (alte Bundesländer) lag der Zuwachs an Selbständigen zwischen 1990 und 2000 mit 13 % deutlich unter dem Durchschnittswert von 20 %. Mit der abnehmenden Bereitschaft zur Selbständigkeit setzt sich eine Entwicklung der vergangenen Jahre fort: "Es wurden nicht nur weniger neue Betriebe gegründet, auch die Übernahme von Firmen wurde seltener", so ifm-Geschäftsführerin Dr. Birgit Buschmann. Dabei macht sich nicht nur das derzeit schwache Börsenumfeld für Technologieunternehmen bemerkbar. Rückgänge gab es vor allem auch in Handwerk und Handel. Mit einer Selbständigenquote von 9,8 % nimmt Baden-Württemberg im Ranking der alten Bundesländer nur einen Platz in der hinteren Hälfte ein.
Steigende Gründungszahlen wurden insbesondere im Bereich der unternehmensorientierten Dienstleistungen registriert, die 30 % der Existenzgründungen (Handel ebenfalls 30 %, allerdings mit rückläufiger Tendenz) ausmachen. Im Verarbeitenden Gewerbe hat Baden-Württemberg nach wie vor einen stabilen, überdurchschnittlichen Anteil an Gründungen zu verzeichnen (in 2000: 14,5 %). In den Jahren 1996-2000 lag der Anteil der Existenzgründungen im Verarbeitenden Gewerbe (bei abnehmender Tendenz) um 30 % höher als im Bundesdurchschnitt.
Strukturwandel und wachsende Bedeutung moderner Dienstleistungen sowie eine stärkere Dezentralisierung in der Unternehmensorganisation (z.B. durch Outsourcing) haben zur Folge, dass immer mehr kleinere Betriebseinheiten entstehen. "Der Anstieg beruflicher Selbständigkeit beruht auch in Baden-Württemberg auf einer überproportionalen Zunahme an Ein-Personen-Unternehmen (seit 1990 um 36 %). Mehr noch: Per saldo stieg seit 1997 nur noch die Zahl der Solo-Selbständigen (bis 2001 um 6.000), während diejenige der Selbständigen mit Beschäftigten um 9.000 abnahm", so Buschmann. "Diese Entwicklung zeigt deutlich den Trend zum kleinbetrieblichen Expertentum der wissensbasierten Wirtschaft."
Der Anteil an Existenzgründerinnen in Baden-Württemberg liegt mit 26,6 % zwar noch leicht unter dem Bundesdurchschnitt von 27,4 % (Zahlen aus 2000). Seit Anfang der 90er Jahre hat die Zahl der Gründerinnen mit 29 % jedoch weitaus stärker zugenommen wie die der Gründer (8 %). Dies weist auf veränderte Lebens- und Berufsmuster von Frauen hin. Wachsende Bedeutung haben auch Gründungen ausländischer Mitbürger, insbesondere für Handel, Nahversorgung und Gastgewerbe. In Baden-Württemberg arbeiten etwa 36.000 ausländische Selbständige, die 127.000 Arbeitsplätze stellen. In den 90er Jahren sind rund 12.000 Selbständige mit ausländischem Pass hinzugekommen.
Im Global Entrepreneurship Monitor (GEM)-Länderbericht Deutschland für 2001 belegt Deutschland im Gründungsgeschehen einen Platz im hinteren Mittelfeld, während die Gründungsförderung im internationalen Vergleich auf den vorderen Rängen liegt. Daraus ergibt sich, dass die Existenzgründungszahlen in Deutschland insbesondere durch optimierte Rahmenbedingungen, ein verbessertes Gründungsklima und eine nachhaltigere Ausschöpfung des Potenzials von Existenzgründerinnen erhöht werden können.
Neben den Hauptproblemen Qualifikation und Kapitalbeschaffung liegt ein besonderes Hemmnis bei Existenzgründungen in den Bürokratielasten. Eine Vereinfachung und Straffung von Verwaltungsverfahren erscheint hier ebenso notwendig, wie eine verbesserte Koordinierung der unterschiedlichen Angebote und Zuständigkeiten, etwa durch regionale one-stop-shops und Informations-Netzwerke, um so Angebote und Informationen aus einer Hand, Verfahrensbeschleunigung und -erleichterung zu erreichen. Nachdem jetzt auch die Hartz-Kommission eine stärkere Entlastung von Existenzgründern gefordert habe, müssten endlich Taten folgen, so ifm-Geschäftsführerin Buschmann: "Es darf nicht sein, dass Gründer hierzulande durchschnittlich 90 Tage auf die Gewerbe-Anmeldung warten müssen, während dies in anderen Staaten in 3 Tagen geht. Das Land sollte sein Vorschriften-Moratorium für Existenzgründer wieder aufgreifen."
Betriebsübernehmer sind für die dynamische Wirtschaftsentwicklung des Landes ebenso wichtig wie Existenzgründer. Eine Betriebsübergabe birgt jedoch ein hohes Konfliktpotential: Auch bei professioneller Betreuung bleiben bis zu 40 % der Übergabeversuche ohne Erfolg. Rund 11.000 Familienunternehmen stehen derzeit nach Schätzungen jährlich zur Übernahme an. Das Institut für Mittelstandsforschung führt nach Angaben von Geschäftsführerin Buschmann derzeit für die Landesbank eine Studie zur Potenzialabschätzung übergabewilliger und -fähiger Betriebe in Baden-Württemberg und zu notwendigen Un-terstützungskonzepten durch. "Erste Ergebnisse werden im Herbst vorliegen", kündigt die ifm-Geschäftsführerin an.


Ansprechpartner für die Presse:
Name : Christian Erlewein
Telefon: 0621 / 181-2886
E-Mail: erlewein@mail.ifm.uni-mannheim.de
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