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Betriebliche Gesundheitsförderung

15.12.1997 - (idw) Universität Ulm

Pm/Mp - 15.12.1997

Vorgebeugt wird nur mechanisch Betriebliche Gesundheitsfoerderung - gut gemeint, doch maengelbehaftet

Vorbeugung tut not. Chronisch-degenerative Erkrankungen, unter ihnen vorwiegend solche des Stuetz- und Bewegungsapparates und unter diesen wiederum speziell Rueckenerkrankungen (mit besonderer Neigung zur Chronifizierung), verursachen in den westlichen Industrielaendern fast 40% aller Arbeitsunfaehigkeitsfaelle und kosten jaehrlich schaetzungsweise 60 Milliarden Mark. Derartige Leiden sind meist nicht Schicksal, sondern Verhaltensfolge: Bewegungsmangel, Rauchen, Alkoholkonsum, Stress und Fehlernaehrung werden von den Epidemiologen als verhaltensbezogene Faktoren der Pathogenese namhaft gemacht, den Arbeitgebern Vorbeugungsprogramme empfohlen.

Die Unternehmen greifen dies auf: zwei von drei bieten hierzulande (in den USA waren es 1992 laut US Department of Health and Human Sciences sogar vier von fuenf) betriebliche Gesundheitserziehung, typischerweise mit den Hauptfaechern Stuetz- und Bewegungsapparat, Ernaehrung, Stress, Suchtentwoehnung, Gewichtsreduktion sowie verschiedenen Massnahmen zur Verhuetung der sogenannten Zivilisationskrankheiten. Was aber wird da geboten, und mit welchem Erfolg?

Dr. Stephan Hartmann, Stationsarzt an der Neurologischen Klinik des Bezirkskrankenhauses Guenzburg, und Prof. Dr. Harald C. Traue, Abteilung Medizinische Psychologie der Universitaet Ulm, haben die "Aktionsfelder der betrieblichen Gesundheitsfoerderung und Krankheitspraevention allgemein und im Detail fuer die Praevention von Erkrankungen des Stuetz- und Bewegungsapparates" untersucht. Fuer die Praesentation ihrer Abschlussergebnisse unter dem Titel "Standard der betrieblichen Rueckenschmerzpraevention in Deutschland" erhielten die beiden Wissenschaftler im Oktober 1997 anlaesslich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes in Bielefeld den 1. Posterpreis.

Gymnastik und Rueckenschule

Einbezogen wurden 116 Betriebe mit Betriebskrankenkasse (BKK), per Zufallsverfahren als repraesentative Stichprobe nach Bundesland und Branche aus dem Gesamtverzeichnis der

Betriebe gezogen. Als einheitliches Befragungsprotokoll diente ein Interviewbogen. Die Ruecklaufquote betrug mehr als 90%.

Quer durch alle Branchen und weitgehend unabhaengig von Beschaeftigtenzahl, Arbeitszeitmodell und Betriebsstandort folgt die rueckenseitige Weiterbildung einem weitgehend homogenen Standardmuster. In neun von zehn Betrieben, die sich in der Gesundheitsvorsorge engagieren, laufen Programme fuer die Vorbeugung von Erkrankungen des Stuetz- und Bewegungsapparates. Muskelo-skelettale Stoerungen wie Kopfschmerzen, Schmerzen in den Schultern und Beschwerden in den Extremitaeten, epiodemiologisch keineswegs selten, kommen in den Praeventionsangeboten allerdings kaum vor. Die Methodik der Kurse, orientiert am klassisch-biomechanischen Verstaendnis der Krankheitsentstehung, muendet demzufolge meist in Funktions- und Wirbelsaeulengymnastik plus Rueckenschule. In Entspannungstechiken unterweisen 70% der Betriebe. Der Renner ist die Methode der progressiven Muskelentspannung nach Jacobsen, gefolgt von autogenem Training und Yoga. Fast ueberall (95,6%) wird zu rueckenschonender Arbeitsweise angehalten. Professionell angeleiteter Gesundheitssport oder Kraft- und Muskelaufbautraining finden nur in wenigen Betrieben statt, noch seltener Verhaltenstraining zur Stressbewaeltigung oder zum Umgang mit Konflikten.

Rueckenschmerz faengt in der Seele an

An diesem Status quo uebt Hartmann/Traues fast 200 Seiten starkes Buch "Betriebliche Gesundheitsfoerderung und Krankheitspraevention" (erschienen im Universitaetsverlag Ulm GmbH) manche Kritik. Abgesehen von der inhaltlichen Monotonie und der allgemeinen Abwesenheit mehrschichtig aufgebauter Konzepte moniert es das weitgehende Fehlen von wissenschaftlich untermauerter Erfolgskontrolle (nur sieben der befragten Betriebe untersuchen systematisch die Effektivitaet ihrer Programme) und die kuemmerliche Zusammenarbeit zwischen Betriebskrankenkassen und -aerzten. Letztere spielen in der praktischen Umsetzung der Gesundheitsprogramme eher eine Statistenrolle; der Loewenantieil von 60% wird externen, vorwiegend kommerziellen Anbietern ueberlassen.

Aus psychologischer Sicht besonders unbefriedigend erscheint die Fixierung der Vorsorge auf die rein mechanische Komponente. An "Verhaeltnispraevention", also die Veraenderung von Einstellungen zur Umwelt, an Techniken zur Stressbewaeltigung und das Einueben der Faehigkeit, Konflikten anders gegenueberzutreten als mit krampfhaft eingezogenen Schulterblaettern, wird kaum ein Gedanke verschwendet. Dabei ist bekannt, dass seelische Belastungen (Krankheitsaengste, Überforderung, Konflikte mit Kollegen oder in der betrieblichen Hackordnung) oft mehr zur Pathogenese des Rueckenschmerzes beitragen als koerperliche.


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