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RUB-Studie erschienen: Die Ostsiedlungspolitik und die Rolle der Kirchen

09.07.2002 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Einen bislang unbeachteten Gegenstand der kirchlichen Zeitgeschichte hat der RUB-Historiker Tillmann Bendikowski erforscht: In seiner jetzt erschienenen Studie "Lebensraum für Volk und Kirche" (Verlag W. Kohlhammer) über die Ostsiedlungspolitik während der Weimarer Republik und des Dritten Reichs schildert er die ideologischen, politischen und praktischen Anstrengungen der katholischen und protestantischen Kirche, Menschen aus dem Westen des Deutschen Reiches in den deutschen Osten zu siedeln - unter anderem als "Damm gegen die slawische Flut".

Bochum, 09.07.2002
Nr. 194


Ein "Damm gegen die slawische Flut"
Ostsiedlungspolitik vor und während des Dritten Reichs
RUB-Historiker erforscht die Rolle der Kirchen


Einen bislang unbeachteten Gegenstand der kirchlichen Zeitgeschichte hat der RUB-Historiker Dr. Tillmann Bendikowski erforscht: In seiner jetzt erschienenen Studie "Lebensraum für Volk und Kirche" über die Ostsiedlungspolitik während der Weimarer Republik und des Dritten Reichs schildert er die ideologischen, politischen und praktischen Anstrengungen der katholischen und protestantischen Kirche, Menschen aus dem Westen des Deutschen Reiches in den deutschen Osten zu siedeln - unter anderem als "Damm gegen die slawische Flut".

Stärkung gegen das Polentum

Die Untersuchung wirft ein bezeichnendes Licht auf die Zivilisationskritik, Großstadtfeindschaft und die Idealisierung des Landlebens in der Zwischenkriegszeit. Im Zuge dieser weitverbreiteten Mentalität unterstützten nach 1918 auch Amtskirchen und kirchliche Vereine (wie etwa der Caritas-Verband auf katholischer Seite) zunehmend die Weimarer Ostsiedlungsbewegung, in der sich nationalistische, antiurbanistische und spezifisch kirchlich-religiöse Motive verbanden. Das Wohl des Volkes (nationale Stärkung der Ostgebiete gegen das "Polentum") wurde mit dem Wohl des Einzelnen (Errettung vor Arbeitslosigkeit, Hinführung zu einem "natürlichen Leben" in Einklang mit Natur und Gott) verknüpft. Ziele der praktischen Ostsiedlung waren neben Mecklenburg vor allem Schlesien und Ostpreußen.

Besiedeln ja - aber welche Konfession?

Bendikowski behandelt die Anstrengungen auf evangelischer wie katholischer Seite parallel. Dabei zeigt er, wie sehr das alltägliche Leben zwischen den Konfessionen durch unzählige große und kleine Konflikte belastet war. Obwohl Katholizismus und Protestantismus in ihrer ideologischen Begründung für die Ostsiedlung weithin einig waren, traten sie in der Siedlungspraxis häufig als erbitterte Gegner auf, die darum stritten, ob das jeweilige Siedlungsland im Osten nun evangelisch oder katholisch besiedelt werden sollte.

Wegbereitung für die Machtübernahme 1933

Ihre Überzeugungskraft erhielt die Idee einer ländlichen Ostsiedlung dadurch, dass sie eine eigenständige kirchliche Zukunftshoffnung hervorbrachte: Sie bot eine visionäre Flucht aus der Realität der Weimarer Gesellschaft, die vermehrt durch soziale, ökonomische und geistige Enttäuschungen geprägt war. Angesichts dieser politisch-psychologischen Atmosphäre der letzten Jahre der Weimarer Republik wird verständlich, warum auf kirchlicher Seite die Parole von der Überwindung des "materialistischen" und "liberalistischen" 19. Jahrhunderts zunehmend Verbreitung fand und wie der Anerkennung der nationalsozialistischen "Machtergreifung" von 1933 der Weg bereitet wurde. Doch trotz einer gewissen ideologischen Affinität zur nationalsozialitischen "Blut und Boden"-Politik verlor die kirchliche Siedlungsarbeit im "Dritten Reich" zunehmend an Boden, ihre Siedlungsdienste wurden schließlich aufgelöst. Zugleich wurde die traditionelle Ostsiedlungsidee von den neuen Machthabern pervertiert und mündete schließlich - das haben jüngste zeithistorische Studien belegt - in der Planungs- und Vernichtungspolitik eines "Großgermanischen Reiches".

Titelaufnahme

Tillmann Bendikowski: "Lebensraum für Volk und Kirche". Kirchliche Ostsiedlung in der Weimarer Republik und im "Dritten Reich", Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2002, ISBN3-17-016966-1

Weitere Informationen

Dr. Tillmann Bendikowski, Kortenpfad 2, 44787 Bochum, Tel. 0234/262467, Email: tillmann.bendikowski@ruhr-uni-bochum.de.

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