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Berlin: "Hauptstadt" der deutschen Rheumatologie

10.07.2002 - (idw) Deutsches Rheuma-Forschungszentrum

Kompetenznetz Rheuma: Die sechs Gründungsmitglieder stellen sich vor
Folge 6: Das Kompetenzzentrum Berlin

Sechs rheumatologische Universitätskliniken stellten 1998 beim BMBF den Antrag auf Förderung eines Kompetenznetzes Rheuma. Fünf dieser sechs Gründungszentren des Verbundes aus Forschung und Patientenversorgung haben wir Ihnen bereits vorgestellt (Hannover, Freiburg, Lübeck/Bad Bramstedt, Düsseldorf und Erlangen). Das sechste und letzte Portrait dieser Serie betrifft Berlin. Zusammengenommen bilden die rheumatologischen Institutionen der Hauptstadt das größte rheumatologische Kompetenzzentrum Deutschlands.

Hätte die deutsche Rheumatologie eine Hauptstadt, so hieße sie Berlin. Nirgends sonst gibt es so viel rheumatologische Kompetenz auf engem Raum. Hier arbeiten zwei Universitätskliniken, drei Rheumakliniken und das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum (DRFZ) als führende Institution der rheumatologischen Grundlagenforschung intensiv zusammen:

- An der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité unter der Leitung von Professor Dr. Gerd-Rüdiger Burmester werden pro Jahr knapp 1000 Patienten stationär und ca. 3000 ambulant behandelt. Neben 26 Klinikbetten stehen 18 Tagesklinikbetten zur Verfügung. Die Klinik verfügt über ein Speziallabor, das im Jahr ca. 30.000 Bestimmungen durchführt. Prof. Burmester ist derzeit auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie.

- Im Bereich Rheumatologie der Medizinischen Klinik I am Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) unter der Leitung von Professor Dr. Jochen Sieper stehen 12 akutrheumatologische Betten zur Verfügung. Stationär werden hier pro Jahr 300-400 Patienten behandelt, ca. 3700 suchen die Ambulanz auf. Prof. Sieper ist gleichzeitig Sprecher des Regionalen Rheumazentrums Berlin (RRZB). Das RRZB ist ein Verbund aus allen rheumatologischen Kliniken Berlins (einschließlich der orthopädischen und kinderrheumatologischen Kliniken in Berlin-Buch und dem Campus Virchow Klinikum der Charité) und den niedergelassenen Rheumatologen.

Obwohl beide Universitätskliniken das gesamte Spektum der Rheumatologie abdecken, sind die Schwerpunkte unterschiedlich: Während sich die Rheumatologen der Charité vor allem auf entzündlich-rheumatische Systemerkrankungen wie rheumatoide Arthritis und Kollagenosen konzentrieren, beschäftigen sich die Kollegen am UKBF stärker mit der Gruppe der so genannten Spondylarthropathien (Krankheiten, die mit entzündlichem Rückenschmerz einhergehen).

- Die größte Klinik der rheumatologischen Akutversorgung in Berlin ist die Rheumaklinik Berlin-Buch unter der Leitung von Frau Professor Dr. Erika Gromnica-Ihle. Die Klinik besteht seit über 50 Jahren und verfügt über 80 Betten. Pro Jahr werden hier ca. 1000 Patienten stationär und weitere 5000-6000 ambulant behandelt. Die Rheumaklinik Berlin-Buch bringt als Einzelzentrum die meisten Patienten in die bundesweite rheumatologische Kerndokumentation (s. u.) ein: pro Jahr knapp 4000 Patienten. Wichtige Beiträge zum Kompetenznetz Rheuma leisten aber auch die beiden anderen der insgesamt drei rheumatologischen Akutkliniken Berlins: die Immanuel-Klinik Wannsee unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Krause und die Schlossparkklinik unter der Leitung von Frau Dr. Rieke Alten.

- Im Deutschen Rheuma-Forschungszentrum (DRFZ) arbeiten mehr als 80 Biologen, Mediziner, Chemiker und Sozialwissenschaftler eng zusammen. Der Direktor Professor Dr. rer. nat. Andreas Radbruch ist Inhaber eines Lehrstuhls für Experimentelle Rheumatologie an der Charité. Das bundesweit wichtigste rheumatologisch-immunologische Forschungsinstitut hat auch im Kompetenznetz Rheuma eine zentrale Stellung. Im Arbeitsbereich Experimentelle Rheumatologie ist es das wissenschaftliche Leitinstitut eines Netzwerks von 40 Projekten aus 26 Forschungszentren, die die Ursachen der entzündlich-rheumatischen Erkrankungen erforschen. Außerdem ist das DRFZ Sitz der Geschäftsstelle des Kompetenznetzes Rheuma unter der Leitung von Dr. Michael Apel.

Berliner Projekte im Kompetenznetz Rheuma

Am Kompetenznetz Rheuma sind alle rheumatologischen Institutionen Berlins beteiligt. Die Kliniken und die niedergelassenen Rheumatologen rekrutieren Patienten für gemeinsame Studienprojekte und liefern den Grundlagenforschern das Material für immunologische und genetische Untersuchungen. Darüber hinaus bringt Berlin 4 Querschnittsaufgaben und 7 Studienprojekte in das Netzwerk ein:

Querschnittsaufgabe 1: Rheumatologische Kerndokumentation:
Unter der Leitung von Frau Privatdozentin Dr. Angela Zink wird hier der größte Datenschatz der deutschen Rheumatologie, die bundesweite Kerndokumentation, verwaltet und evaluiert. Pro Jahr werden die Daten von ca. 30.000 Patienten mit entzündlichem Rheuma aus über 100 Kliniken und Praxen in ganz Deutschland dokumentiert. Die Kerndokumentation ist eine weltweit einzigartige Datenbasis, die Patienten eines ganzen Fachgebiets nahezu vollständig abbildet. Sie ist die Basis für Längsschnittuntersuchungen und die Grundlage zur Beurteilung der Versorgungsqualität.

Querschnittsaufgabe 2: Kinderkerndokumentation:
Analog zur Kerndokumentation wird seit 1997 auch eine Kinderkerndokumentation geführt, die Frau Dr. Kirsten Minden am DRFZ betreut. Derzeit werden die Daten von jährlich ca. 3500 Kindern aus 35 kinderrheumatologischen Einrichtungen erfasst. Aus der Kinderkerndokumentation sind inzwischen weitere wichtige Untersuchungsinstrumente hervorgegangen, z. B. das Deutsche Etanercept-Register, in dem prospektiv die Daten möglichst aller Kinder dokumentiert werden, die mit dem TNF-alpha-Blocker Etanercept (Enbrel®) behandelt werden.

Querschnittsaufgabe 3: Ausbau, Pflege und Auswertung klinischer Kohortenstudien:
Der Biometriker des DRFZ, Dr. Joachim Listing, stellt einheitliche Messinstrumente und die biometrische Begleitung für alle multizentrischen Studien im Kompetenznetz Rheuma zur Verfügung. Auf diese Weise sind Therapiestudien unabhängig von der Pharmaindustrie möglich, deren Ergebnisse in den Händen der Untersucher bleiben.

Querschnittsaufgabe 4: Einrichtung einer Referenzstelle "Evidence based Medicine":
Um die Methoden der "Evidence based Medicine" (EbM) in die Projekte des Kompetenznetzes Rheuma zu integrieren, wurde am Deutschen Cochrane Zentrum in Freiburg eine EBM-Referenzstelle unter der Leitung von Frau Dr. Regina Kunz eingerichtet. Wichtigste Aufgabe dieser Referenzstelle ist die Entwicklung einer EBM-basierten Leitlinie "Management der frühen rheumatoiden Arthritis" und parallel dazu einer Patienten-Leitlinie.

Studie 1: Aufbau einer Kohorte neu erkrankter Patienten mit Spondylarthropathien (Projektleiter: Dr. Martin Rudwaleit, Prof. Dr. Jochen Sieper, Prof. Dr. Jürgen Braun):
Ziel ist die langfristige Beobachtung und engmaschige Untersuchung einer Kohorte von neu erkrankten Patienten mit Krankheiten aus der Gruppe der so genannten Spondylarthropathien, zu denen z. B. der Morbus Bechterew zählt. Die Studie soll Aussagen über die Krankheitsverläufe ermöglichen und als Basis für immunologische, genetische, diagnostische und therapeutische Studien genutzt werden. Geplant ist die Rekrutierung von 500 erkrankten Erwachsenen, 100 Kindern und 100 Kontrollen (Gesunde oder Patienten mit anderen Erkrankungen).

Studie 2: Untersuchungen zur Zytokinexpression bei Spondylarthropathien
(Projektleiter: Prof. Dr. Jochen Sieper, Prof. Dr. Jürgen Braun, Prof. Dr. Andreas Radbruch):
Zytokine sind körpereigene Botenstoffe, die unter anderem für die Abwehr bakterieller Infektionen wichtig sind. Ein Ungleichgewicht im Zytokinmuster spielt wahrscheinlich bei der Entstehung von Spondylarthropathien eine wichtige Rolle. Basierend auf der in Studie 1 wird in dieser Studie das Zytokinmuster der Erkrankten bestimmt und initial und im Krankheitsverlauf mit den klinischen Befunden verglichen.

Studie 3: Analyse der B-Zell-Aktivierung im Frühstadium von rheumatoider Arthritis
(Projektleiterin: Privatdozentin Dr.Claudia Berek):
B-Lymphozyten, T-Lymphozyten und Antigen-präsentierende Zellen sind die Beteiligten der gestörten Immunantwort bei Patienten mit rheumatoider Arthritis. In dieser Studie wird die Aktivierung von B-Lymphozyten durch T-Lymphozyten zu Beginn einer Erkrankung und im zeitlichen Verlauf näher untersucht.

Studie 4: "Immunomics" bei Patienten mit rheumatoider Arthritis
(Projektleiter: Prof. Dr. Gerd-Rüdiger Burmester):
"Immunomics" sind die Techniken zur Charakterisierung der Immunreaktionen eines Organismus. Aufgeschlüsselt wird das komplizierte Muster der Faktoren, die letztlich zur Fehlreaktion des Immunsystems gegen körpereigene Bestandteile führen. Da dieses Muster bei jeder Autoimmunerkrankung anders aussieht, könnte dieses Projekt einen Test liefern, der bereits im Frühstadium eine klare Diagnose der rheumatoiden Arthritis und Abgrenzung von anderen Krankheiten erlaubt.

Studie 5: Analyse autoreaktiver T-Zellen
(Projektleiter: Dr. Andreas Thiel):
Komplementär zu Frau Dr. Berek widmet sich Dr. Thiel den T-Lymphozyten. Ziel seiner Arbeit ist die Identifizierung der Antigene (bzw. der für diese Antigene codierenden Gene), welche die T-Zellen zur Produktion von entzündungsfördernden Botenstoffen stimulieren. Diese Arbeit soll neue Wege zur Entwicklung spezifischer Therapien eröffnen.

Studie 6: Risikoparameter bei systemischem Lupus erythematodes und neonatalem Lupus
(Projektleiter: Prof. Dr. Falk Hiepe, Dr. Thomas Dörner):
In dieser Studie werden Faktoren gesucht, die einen bevorstehenden Krankheitsschub bei Patienten mit der Autoimmunerkrankung SLE (systemischer Lupus erythematodes) anzeigen. Solche Faktoren könnten helfen, durch frühzeitige therapeutische Interventionen bleibende Organschäden zu vermeiden. Darüber hinaus will Prof. Hiepe mit einer eigens angelegten Datenbank Risikofaktoren für die Entstehung eines angeborenen Herzblocks bei Kindern von SLE-kranken Müttern identifizieren.

Studie 7: Einfluss der Betreuungsintensität auf die Prognose der frühen rheumatoiden Arthritis
(Projektleiterinnen: Dr. Gisela Westhoff, Privatdozentin Dr. Angela Zink):
Bisher gibt es keine verlässlichen Daten zu Behandlungsergebnissen und -kosten bei Patienten mit rheumatoider Arthritis in Abhängigkeit von der Intensität der Betreuung. In der prospektiven Studie soll geklärt werden, inwiefern eine kontinuierliche internistisch-rheumatologische Mitbetreuung zu besseren Ergebnissen hinsichtlich der Funktion und der radiologischen Krankheitsprogression beiträgt als eine rein hausärztliche Versorgung.

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Für weitere Auskünfte wenden Sie sich bitte an:

Dr. Michael Apel

Leiter der Geschäftsstelle Kompetenznetz Rheuma
am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum
Schumannstr. 21/22
10117 Berlin
Tel.: 030 450 513 372
Fax: 030 450 513 988
e-Mail: kn.rheuma@drfz.de
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