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März 1848: Auch Juden auf den Barrikaden

18.03.1998 - (idw) Gerhard-Mercator-Universität Duisburg (bis 31.12.2002)

18.3.1998 ko

Maerz 1848: Auch Juden auf den Barrikaden

Entdeckung auf dem juedischen Friedhof in Berlin

Projekt des Steinheim-Instituts an der Uni Duisburg

Erstmals laesst sich jetzt eindeutig nachweisen, dass mehr juedische Barrikadenkaempfer der Maerzrevolution von 1848 ihre Ruhestaette auf dem juedischen Friedhof Schoenhauser Allee in Berlin haben, als bisher angenommen.

Dies ist ein wichtiges Zwischenergebnis eines Forschungsprojekts zur Dokumentation der Grabsteine des Friedhofes, das vom Salomon Ludwig Steinheim-Institut fuer deutsch-juedische Geschichte an der Universitaet Duisburg und dem Prenzlauer Berg Museum mit der Berliner Juedischen Gemeinde und dem Centrum Judaicum getragen wird.

Ausserdem ist es den Forschern gelungen, einen weiteren Namen der bislang nicht naeher bekannten Freiheitskaempfer zu identifizieren. Eine bisher unentdeckte Akte vom 21. Maerz 1848 nennt unter den juedischen Maerzgefallenen auch den Handlungsdiener Moritz Cohn aus Schoenlanke. Auch er ist auf dem Friedhof an der Schoenhauser Allee begraben.

Blutige Barrikadenkaempfe in Berlin am 18. und 19. Maerz 1848

Wer an die Maerzrevolution 1848 erinnert, gedenkt auch der juedischen Barrikadenkaempfer, die am 18./19. Maerz 1848 in Berlin der Reaktion des Militaers auf die oeffentlichen Forderungen nach demokratischen Freiheiten und politisch-rechtlicher Gleichheit zum Opfer fielen.

Die Teilnahme juedischer Buerger an den Unruhen spiegelte die Hoffnung auf einen Durchbruch zur Gleichberechtigung und Integration der juedischen Minderheit in einem liberalen, demokratischen Deutschland wider. Juedische Interessen und deutsche Freiheitsbestrebungen schienen nun so miteinander verbunden, dass die juedische Zeitschrift "Orient" dazu aufrief, fuer die Revolution einzutreten:

"Israel sei taetig! Schlafe und schlummere nicht! Indem Du fuer die freieren Institutionen Germaniens heiss mitringst und mitkaempfst, indem Du mit deinem Herzblut in hinreissender Begeisterung fuer freie Gestaltung Deutschlands taetig bist, vergiss auch nicht der Ghetti Deiner Glaubensbrueder, welche mehr unser deutsches Vaterland als Israel entehren; vergiss nicht auf gesetzlichem Wege gegen die Sklavengesetze anzukaempfen ..."

Dass juedische Revolutionaere fuer die Sache der deutschen Freiheit ihr Leben hingaben, schien die religioesen und gesellschaftlichen Schranken tatsaechlich aufzuheben. Symbolisch wurde dies darin sichtbar, dass die offiziellen Gefallenenlisten die Religionszugehoerigkeit der ueber 270 in Berlin getoeteten Barrikadenkaempfer nicht auffuehrten. Damit ist jedoch die Zahl der juedischen Opfer schwer festzustellen.

Schon 1848 schwankten die Angaben ueber die Zahl der umgekommenen Juden - Leopold Zunz sprach von "etwa acht", andere von bis zu 21 Gefallenen. Namentlich identifiziert waren bisher jedoch nur fuenf juedische Maerzgefallene: neben Simon Barthold und Alexander Goldmann, an die ein Ehrengrabstein auf dem alten juedischen Friedhof an der Schoenhauser Allee erinnert, sind dies der Buchdruckergehilfe Magnus Bernstein, der Handlungsdiener Moritz Goldmann und Levin Weiss, ein Student aus Danzig.

Ausserdem ist es gelungen, einen weiteren Namen der bislang nicht naeher bekannte Freiheitskaempfer zu identifizieren. Eine bisher unbekannte Akte vom 21. Maerz 1848 nennt unter den juedischen Maerzgefallenen auch den Handlungsdiener Moritz Cohn aus Schoenlanke. Auch er ist auf dem Friedhof an der Schoenhauser Allee begraben.

Bitterer Rueckschlag fuer die juedische Minderheit

Diese sechs Namen stehen stellvertretend fuer die juedischen Maerzgefallenen und fuer die Hoffnung auf eine gleichberechtigte Stellung der Juden in einer liberalen Gesellschaft. Als auf der offiziellen Trauerfeier am 22. Maerz 1848 neben Christen auch Rabbiner Michael Sachs sprach, verstaerkte sich der Eindruck, die Emanzipation der Juden sei nun endgueltig vollzogen - das Volk habe sie im gemeinsamen revolutionaeren Kampf emanzipiert.

Das Scheitern der Revolution von 1848 bedeutete zwar letztlich eine Niederlage fuer die buergerlich-liberale Bewegung und einen bitteren Rueckschlag fuer die juedische Minderheit. Aber die politische Vision, fuer die junge Juden wie Moritz Cohn oder Levin Weiss und die anderen juedischen wie nichtjuedischen Maerzgefallenen ihr Leben verloren, blieb ebenso lebendig wie die Entschlossenheit der juedischen Gemeinschaft, soziale Entrechtung und Judenfeindschaft nicht laenger widerspruchslos hinzunehmen.

Der Historiker Heinrich Graetz schrieb im Rueckblick auf 1848: "In allen zivilisierten Laendern ... haben die Juden ihre Knechtsgestalt abgestreift, tragen das Haupt hoch und lassen sich nicht mehr von dem "Hep-Hep-Geschrei" der Wichte einschuechtern."


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