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Historischer Grundriss in Köln bewahrt

16.07.1997 - (idw) Universität zu Köln

Historischer Grundriss in Koeln bewahrt

Die Neuordnung innerstaedtischen Bodens nach dem Zweiten Weltkrieg

Koeln und Giessen repraesentieren - zumindest in Teilbereichen - zwei gegensaetzliche Strategien im Umgang mit der Ordnung innerstaedtischen Bodens. Waehrend nach dem Zweiten Weltkrieg im Giessener Stadtzentrum umfassende Eingriffe in die Eigentumsverhaeltnisse erfolgten, beliess man es in der Koelner Geschaeftsstadt beim Vorkriegszustand. Was in den fuenfziger Jahren als "verpasste Chance" galt, das Fehlen einer durchgreifenden Bodenreform, gibt Koeln aus heutiger Sicht den unverwechselbaren Charakter. Zu diesem Ergebnis kommen Professor Dr. Josef Nipper, Dr. Manfred Nutz und Dorothea Wiktorin in einer Studie am Geographischen Institut der Universitaet zu Koeln.

Bis zu ihrer Zerstoerung im Zweiten Weltkrieg war der Grundriss der Koelner Innenstadt noch mittelalterlich gepraegt. Eine geringe Breite von nur acht Metern und die Kleinteiligkeit der Parzellen machte die Hohe Strasse zu einem Wahrzeichen der Domstadt. In den schmalen drei- bis viergeschossigen Haeusern konzentrierten sich Bekleidungsgeschaefte des gehobenen Bedarfs, bedeutende Kaufhaeuser, Gastronomiebetriebe und Kunsthandlungen.

Bereits im Fruehjahr 1940 wurde Koeln das Ziel alliierter Luftangriffe. In der Altstadt war das Ausmass der Zerstoerung besonders gross: Etwa neunzig Prozent des Wohnraumes zwischen Ringstrassen und Rhein war bis auf die Grundmauern niedergelegt oder voellig ausgebrannt. Auch in der Giessener Innenstadt blieben nur wenige Gebaeude unbeschaedigt. Vor allem wegen ihrer Bedeutung als Handelszentren wurde der Aufbau der Innenstaedte fuer Koeln und Giessen zur Existenzfrage.

Das Giessener Wiederaufbaukonzept sah umfassende Eingriffe in die Eigentumsverhaeltnisse vor. Groesse und Zuschnitt der Grundstuecke wurden veraendert und einzelne Strassen betraechtlich verbreitert. Bis 1960 ging die Zahl der Grundstuecke um 35 Prozent zurueck. Gegenueber dieser weitreichenden Baulandumlegung erscheint der Wiederaufbau der Koelner Innenstadt eher willkuerlich. Die Gestaltungskonzepte sollten sowohl den Eigentuemerinteressen als auch den Beduerfnissen der modernen Wirtschaft gerecht werden. Da die Entschaedigungsansprueche der Grundbesitzer bei einer bodenordnerischen Massnahme zu hoch gewesen waeren, sah sich die Stadtverwaltung nicht in der Lage, eine Umlegung durchzufuehren. Folglich bewahrte die "Koelner Loesung" die alten Baulinien der Hohe Strasse und deren Parzellenstruktur; lediglich im rueckwaertigen Bereich wurden Zulieferstrassen angelegt. Der eigentliche Wiederaufbau der Geschaefte hatte eher einen provisorischen Charakter, so dass mit den ein- bis zweigeschossigen Behelfsbauten trotz der erhaltenen Parzellenstruktur ein gaenzlich anderes Strassenbild entstand. Was als Provisorium gedacht war, etablierte sich jedoch bald und ist heute noch an vielen Stellen sichtbar.

Kurzfristig betrachtet zeigte das "koelsche Vorgehen" Erfolg. Ohne Verzoegerungen aufgrund von langwierigen Umlegungsverfahren konnte eine schnelle Wiederbelebung der Innenstadt erreicht werden. Mittelfristig jedoch sollten sich Parzellenzuschnitt und unzulaenglicher Wiederaufbau nachteilig auf die Entwicklung des Zentrums auswirken. Ganz anders in Giessen, wo man durch Neuregelungen der Eigentumsverhaeltnisse Verzoegerungen im Aufbau hinnahm, um eine tragfaehige Basis fuer eine guenstige oekonomische Entwicklung zu schaffen. Doch Neuordnungen bedeuten immer auch Verlust historischer Grundrisse und Bausubstanzen, so die Koelner Geographen: In Koeln wurde Mitte der achtziger Jahre die Kleinteiligkeit der innerstaedtischen Hauptgeschaeftsstrassen - als Vermaechtnis der Stadtgeschichte - per Gestaltungssatzung festgeschrieben.

Ganz anders in Giessen, wo man durch Neuregelungen der Eigentumsverhaeltnisse Verzoegerungen im Aufbau hinnahm, um eine tragfaehige Basis fuer eine zeitgemaesse oekonomische Entwicklung zu schaffen. Doch Neuordnung bedeutet immer auch Verlust historischer Massstaebe und Dimensionen, so die Koelner Geographen: In Koeln wurde Mitte der 80er Jahre die Kleinteiligkeit der Hauptgeschaeftsstrassen - als Vermaechtnis der Stadtgeschichte - per Gestaltungssatzung festgeschrieben. Die Stadt Giessen muss dagegen damit leben, durch erhebliche Eingriffe in den Grundriss der Vorkriegszeit den historischen Charakter verloren zu haben und heute ein anderes - neueres - Kapitel Stadtgeschichte zu dokumentieren. Die Auswirkungen, die ein zeit- oder unzeitgemaesses Stadtbild hat, sind nicht nur architektonisch-aesthetischer Art, sondern beeinflussen auch die Standortentscheidungen des Handels und der Dienstleistungsunternehmen.

Fuer Rueckfragen steht Ihnen Dr. Manfred Nutz unter der Telefonnummer 0221/470-2591, Fax-Nummer 0221/470-4917 und der Email-Adresse m.nutz@.uni-koeln.de zur Verfuegung.

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