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1. Monographie zu Canettis "Masse und Macht"

16.01.1997 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Bochum, 16.01.1997 Nr. 12

Von der Einsamkeit des Maechtigen ...

... und der Verfuehrbarkeit der Massen

Erste Monographie zu Canettis Lebenswerk ,Masse und Macht"

Obwohl ,Masse und Macht" von Canetti selbst als Lebenswerk bezeichnet wurde, ist der Text bislang nicht Gegenstand einer substantiellen wissenschaftlichen Auseinandersetzung geworden. 36 Jahre nach dem Erscheinen des philosophischen Hauptwerks des Literaturnobelpreistraegers von 1981 schliesst nun die Bochumer Wissenschaftlerin Dr. Petra Kuhnau mit ihrer im Dezember 1996 erschienenen Untersuchung ,Masse und Macht in der Geschichte. Zur Konzeption anthropologischer Konstanten in Elias Canettis Werk Masse und Macht" diese Forschungsluecke. Die von Prof. Dr. Martin Bollacher (Neugermanistik, Germanistisches Institut der Ruhr-Universitaet Bochum) betreute Dissertation von Dr. Petra Kuhnau ist die erste Monographie zu Canettis ,Masse und Macht".

Werk zwischen Dichtung und Wissenschaft

Als Massenpsychologie ebenso wie als Anthropologie, als ethnologische und soziologische oder philosophische Betrachtung lesbar, integriert ,Masse und Macht" auch naturwissenschaftliche Diskurse. Dass eine Situierung im Kontext dieser Wissenschaften bisher lediglich ansatzweise erfolgte, ist auch auf den Umstand zurueckzufuehren, dass ,Masse und Macht" ein Werk ohne eindeutigen Standort zwischen Dichtung und Wissenschaft ist.

,Masse" - zwischen anthropologischer Konstante und Ethik

Ausgehend von Ansaetzen der neueren Forschung, die ,Masse und Macht" als Erkenntnisinstrument und Ethikentwurf ausweisen, untersucht Dr. Kuhnau Canettis Werk im uebergeordneten Kontext der Anthropologie und ihrer Wechselwirkungen mit den Bereichen von Erkenntnistheorie, Geschichtsphilosophie und Ethik. Die Arbeit zeigt die verschiedenen epistemologischen Formen in ,Masse und Macht" in ihren Funktionen und Wirkungen fuer die Konzeptionen von Masse, Macht und Verwandlung als anthropologischen Konstanten auf und betrachtet die sich daraus ergebenden Moeglichkeiten fuer Entwuerfe von Geschichtsphilosophie und Ethik. Die Folie dieser Problematik stellt der aus dem Rekurs der Anthropologie auf die Natur hervorgehende Konflikt der Anthropologie mit der Geschichtsphilosophie und der Ethik, die auf Handlungs- und Entwicklungsspielraeumen basieren, dar.

Canetti zwischen Chemie und ,Dialektik der Aufklaerung"

Dass Canettis Chemie-Studium (1924-29) sowohl auf inhaltlicher als auch methodischer Ebene nicht nur sichtbare Spuren im Werk hinterlassen hat, sondern dessen Fundament bildet, zeigt die Bochumer Wissenschaftlerin in der Rueckfuehrung der Masse auf chemisch-physikalische und der Macht auf physiologische Modelle und Theorien auf. Das Verhaeltnis dieser beiden naturwissenschaftlich gepraegten Konzeptionen zur Konzeption der Verwandlung als dritter anthropologischer Konstante, die auf mythischen Elementen beruht, bestimmt sie als Problem von Geist und Natur, Wissenschaft und Mythos vor dem Hintergrund von Horkheimer/Adornos ,Dialektik der Aufklaerung".

Massenstrukturen deutscher Geschichte zwischen 1871-1945

Dem Anspruch Canettis, mit ,Masse und Macht" eine 'Untersuchung der Wurzeln des Faschismus' vorzulegen, geht die Arbeit nach, indem sie die Konzeptionen von Masse und Macht auf Canettis Darstellung der deutschen Geschichte von 1871 bis 1945 bezieht. Den Schwerpunkt der Darstellung bildet neben der Untersuchung der spezifischen Massensymbolik und 'Massenstruktur' Deutschlands die Analyse der Verbindung der Inflation in der Weimarer Republik mit dem Massenmord an den Juden im Nationalsozialismus als zwei miteinander verknuepften Massenvorgaengen. Die Rolle des Machthabers wird dabei im Rahmen der Verbindung von Paranoia und Macht - Schreber und Hitler - untersucht, wobei die allgemeine Formulierung der Paranoia als 'Modell der politischen Macht' in ,Masse und Macht" ihre Konkretisierung in Canettis Essay ,Hitler, nach Speer" findet.

Hintergrund: NS-Forschung und der Massenmord an Juden

Canettis Darstellung der deutschen Geschichte verortet Dr. Kuhnau im geschichtswissenschaftlichen Kontext der NS-Forschung und betrachtet sie u.a. vor dem Hintergrund der Diskussion um die Einordnung des Nationalsozialismus und des Massenmordes an den Juden in die Geschichte, d.h. um die Historizitaet bzw. Metahistorizitaet des 'Holocaust'. Abschliessend bezieht die Arbeit Canettis Konzeption von 'Geschichte' auf Paradigmen der Geschichtswissenschaft zwischen Historismus und Strukturalismus/Strukturgeschichte.

Biographisches

Die Autorin studierte Geschichte und Germanistik an der Ruhr-Universitaet Bochum, wo sie 1995 mit der vorliegenden Arbeit promoviert wurde. Seit Dezember 1996 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universitaet Berlin taetig.

Titelaufnahme

Petra Kuhnau, ,Masse und Macht in der Geschichte. Zur Konzeption anthropologischer Konstanten in Elias Canettis Werk Masse und Macht", Verlag Koenigshausen & Neumann, Wuerzburg 1996, DM 86,- (ISBN 3-8260-1235-6)

Weitere Informationen

Petra Kuhnau, Frei Universitaet Berlin, Fachbereich Germanistik, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin, Tel. 030/8384420, (privat: Dortmund, Tel. 0231/422955)


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