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Wie Erben Familien verändern ...

29.08.1997 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Bochum, 29.08.1997 Nr. 152

Wenns' ans Erbe geht... Töchter noch immer benachteiligt Soziologische Arbeit über Erben im Wandel

Wenn ein Elternteil oder der Erbonkel das Zeitliche gesegnet haben, geht es richtig los: das Ringen ums Erbe. Und obwohl heutzutage zwischen Söhnen und Töchtern keine so großen Unterschiede mehr gemacht werden wie etwa in den 50ern oder 60ern, werden Töchter noch immer benachteiligt: 1985 bekamen haupterbende Söhne fast anderthalb mal soviel Geld wie haupterbende Töchter. `Die Familie am Ende ihres Zyklus' steht im Zentrum der Studie ,Erben-Geschlecht-Gesellschaft. Erben und Vererben im sozialen Wandel unter besonderer Berücksichtigung familialer Geschlechterverhältnisse" der Bochumer Soziologin Dr. Marianne Kosmann. Die von Prof. Dr. Ilse Lenz (Soziologie, Frauen- und Sozialstrukturforschung, Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB) betreute Dissertation verdeutlicht, daß Familien in diesen schwierigen Phasen Prozesse durchlaufen, durch die sie völlig umorganisiert werden können. Die Studie erscheint Anfang 1998 als Buch im Leske und Budrich-Verlag (Opladen).

Methoden der Untersuchung

In zwei Teiluntersuchungen trägt die Studie von Dr. Kosmann zur empirischen Ungleichheitsforschung bei; außerdem führt sie die Aktenanalyse als fruchtbares Instrument für die Familienforschung ein. Anhand etwa 300 untersuchten testamentarischen Verfügungen - Nachlaßakten aus dem Nachlaßgerichtsbezirk Dortmund - erfaßte sie den Wandel von Erbvorgängen aus den Jahren 1960 und 1985. Diese Zeitspanne markiert eine Epoche mit einem rapiden sozialen Wandel in der Familie. In einer zweiten Untersuchung interviewte die Soziologin 19 Frauen aus dem Großraum Dortmund darüber, wie das Erbe in ihrer Familie aufgeteilt worden ist und welche Probleme es dabei gegeben hat. Sie erfaßte damit individuell wahrgenommene Entwicklungen des Erbgeschehens in der Einzelfamilie, auf welchem Hintergrund vererbt wurde und wie die Kommunikation über die Erbverteilung verlief. Außerdem analysierte sie Haltungen und Handlungsorientierungen von erbenden Frauen.

Mehr Partnerschaft zwischen Eheleuten

1960 vererbten verheiratete Männer noch ihr Vermögen sowohl an ihre Ehefrauen als auch an ihre Kinder. 1985 verfügten Eheleute gemeinsam über ihr Vermögen im Testament und setzten sich gegenseitig als Alleinerben ein. Nach Dr. Kosmann zeigt sich hier eine ökonomisch verbesserte Stellung der Frau wie ein insgesamt partnerschaftlicheres Verhältnis zwischen Eheleuten. Die Folge: Kinder kommen erst in zweiter Linie ans Erbe. Z

Söhne haben noch die besseren Erbchancen

war haben Söhne 1985 immer noch bessere Erbchancen als Töchter, deren Chancen sind seit 1960 aber deutlich gestiegen. Die Bochumer Wissenschaftlerin deutet dies aus dem sinkenden Prozentsatz der vom Erbvorgang ausgeschlossenen Kinder. Während Söhne 1960 mehr als dreimal so viel erbten wie Töchter, verringerte sich dieser Abstand 1985 auf das Anderthalbfache. Soziale und ökonomische Ursachen dieser Entwicklung: Man denkt nicht mehr in Kategorien ,Stammhalter", es gab auch weniger Familienbetriebe zu vererben, und das Vermögen in privater Hand ist deutlich gestiegen.

Positionsverhandlungen rufen Konflikte hervor

Aus den Interviews ging hervor, daß vor dem Tod des ersten Elternteils kaum darüber verhandelt wurde, wie das Erbe aufgeteilt werden soll. Einig waren sich Eltern wie Kinder zumeist über die Kontinuität des ehelichen Besitzes und legten- wenn notwendig - nur die Geschäftsnachfolge von Söhnen fest. Dennoch: Der Tod der Eltern setzt Emotionen frei. Geschwister kämpfen bei der Verteilung des elterlichen Erbes auch um Positionen, häufig aktiv von Schwägern oder Schwägerinnen unterstützt. Diese Verhandlungen, in denen es um Besitz und Geld und damit um soziale Chancen geht, rufen neue Familienkonflikte hervor.

Sicherheit und Anerkennung durch das Erbe

Mit Geld und Besitz verbanden die meisten Interviewten Sicherheit, Anerkennung und Freiheit, aber auch Verpflichtung und Abhängigkeit. Drei Ausformungen in den Motiven lassen sich hier unterscheiden: Während einige Frauen das Erbe als Geschenk bewerteten, sah die Mehrheit darin einen Leistungsausgleich: Wer etwas für die Eltern oder für das Erbe getan hat, besitzt Erbansprüche. Geringer wurde der gesetzlich fundierte Erbanspruch ins Feld geführt. ,Verhandlungen und Auseinandersetzungen finden eine Grenze da, wo sie die familiären Beziehungen ernsthaft zerstören würden", so Dr. Kosmann.

Moderner Forschungsansatz

Die Ergebnisse der Untersuchung sind für die sozialwissenschaftliche Forschung relevant. Auf einer methodischen Ebene hat Dr. Kosmann die Aktenanalyse als ein ertragreiches Instrument der Familien- und Ungleichheitsforschung demonstriert. Darüber hinaus bieten ihre empirischen Befunde ein Fundament für die Bedeutung von Erbschaften und Vererbungsmustern im sozialen Wandel. Angesichts immer komplexerer Lebensformen ist die Familienforschung mit diesem Ansatz ein spannendes Forschungsfeld.

Weitere Informationen

Dr. Marianne Kosmann, Tel.: 0231/ 121806


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