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Linguistik in der Öffentlichkeit

19.12.1997 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Rezeption und Rezeptionsverweigerung linguistischen Wissens durch die OEffentlichkeit am Beispiel von Sprachratgebern und Kommunikationstrainings

Sprach- und Kommunikationsfaehigkeiten gelten heute als zen-trale berufliche Schluesselqualifikationen. Entsprechend steigt - nicht nur im Rahmen der beruflichen Weiterbildung - das In-teresse an und die Nachfrage nach Sprachratgebern und Kommuni-kationstrainings. Trotzdem scheinen sprachwissenschaftliche Erkenntnisse ueber Sprache und Kommunikation kaum Eingang in oeffentliche Diskurse zu finden. Mehr noch: Alternativ zur universitaeren Linguistik hat sich in den letzten Jahren, insbesondere in Wirtschaft und Verwaltung, eine Art praxisorientierte "Ersatz-Linguistik" entwickelt, die Loesungen fuer jegliche Form praktischer Sprach- und Kommunikationsprobleme offeriert. Sie findet ihren Aus-druck in zahllosen Angeboten an sprachlicher Ratgeberliteratur und Kommunikationstrainings und erfreut sich wachsenden Zu-spruchs. Diese "Laien-Linguistik" bietet zwar eine Fuelle von prakti-schen Ratschlaegen, teilweise sogar in unterhaltender Form, dies aber weitgehend an der Sprachwissenschaft vorbei. Die Frage, die sich stellt: Inwieweit liegt das an der Linguistik selbst, an ihrer Theorielastigkeit oder an ihrer Unverstaend-lichkeit? Inwieweit wird sie von der OEffentlichkeit wahrgenom-men? Und: Inwieweit nimmt die Linguistik Beduerfnisse der OEf-fentlichkeit wahr?

Das Projekt "Linguistik in der OEffentlichkeit" untersucht den Einfluss (bzw. den Nicht-Einfluss) der Linguistik auf ausser-akademische Diskurse ueber Sprache und Kommunikation: Welche Gegenstaende, Modelle, Methoden und Forschungsergebnisse finden dort ueberhaupt ihren Eingang? In welchen Bereichen findet ein Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse statt? Welches lin-guistische Wissen bleibt aus welchen Gruenden ausgeblendet?

Drei Schwerpunkte stehen dabei im Mittelpunkt der Untersuchungen:

1. Das Verhaeltnis von Linguistik und Laien-Linguistik

Im Hinblick auf Schnittstellen zwischen der Laien-Linguistik und der Linguistik soll das DFG-Projekt zeigen, welchen Themen und Problemen sich die Laien-Linguistik mit welchen Zielstel-lungen zuwendet (Zweckorientierung und Erfolgsversprechen) und worauf Sie dabei Bezug nimmt (Traditionslinien und Rezeptions-weisen). Autoren von Sprachratgebern und Kommunikationstrainer formulieren ihre Angebote meist vor ihren jeweils spezifischen beruflichen Hinter-gruenden als Manager, Marketingexperten, Psychologen, Ausbilder usw. Buecher und Trainings zu Themen wie bspw. "Erfolgreich verhandeln", "UEberzeugend praesentieren" und "Verkaufsgespraeche erfolgreich fuehren" werden dementsprechend unter sehr verschiedenen Aspekten abgehandelt. Sie stellen oft ein Konglomerat aus alltagsweltlich gebrochenen beruflichen, oekonomischen, sozialen sowie psychologischen Erfahrungen und Wissensbestaenden dar. Dabei werden - meist als nicht gesondert gekennzeichnete Komponente - auch sprachliche Erfahrungen und Intuitionen formu-liert und somit auf die Ebene des Sprach- bewusstseins gehoben. Es ist daher (trotz immer wiederkehrender Modelle, Ratschlaege und "Rezepte") schwierig, eindeutige Bezue- ge zu linguistischen Begrifflichkeiten, Theorien und Erklae-rungsnsaetzen zu rekonstruieren.

2. Das Selbstbild und die Innensicht der Linguisten

Ein umfangreicher Fragebogen sollte Linguistinnen und Lin-guisten anregen, sich aus der Innenperspektive der Disziplin heraus ueber die oeffentliche Rezeption ihrer Arbeit zu aeussern. Die Fragen zielen u.a. auf Themen und Probleme, die die OEf-fentlichkeit ueberhaupt interessieren, auf linguistische Er-kenntnisse, die dazu herangezogen werden, sowie auf ausser-akademische Aktivitaeten der Kolleginnen und Kollegen. Von 1500 Befragten haben etwa 260 reagiert, wobei ein auffaellig grosser Teil sich animiert sah, sich ueber die formulierten Fragen hi-naus - durchaus kritisch und selbstkritisch - an der Diskus-sion um die Sinnhaftigkeit dieser Art von Fragestellung zu be-teiligen. Der Fragebogen befindet sich noch in der Phase der Auswertung.

3. Linguistik in den Medien

Ein dritter Teilaspekt des Projektes sieht vor, auf der Basis einer ausfuehrlichen Zeitungs- und Zeitschriftenrecherche (z.B. "FAZ", "Die Zeit", "Spiegel", "Bild der Wissenschaft","Spek-trum der Wissenschaft") Rezeptionsweisen der Printmedien in Bezug auf die Linguistik zu rekonstruieren und zu analysieren.

Ansprechpartner: Thomas Schubert, Martin-Luther-Universitaet Halle-Wittenberg, Institut fuer Germanistik Tel.: (0345) 55 236 03 oder 55 236 01 Fax: (0345) 55 27 107 e-mail: schubert@germanistik.uni-halle.de


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