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Bilanz der Transformation Ostdeutschlands nach der Vereinigung

26.05.1998 - (idw) Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung

MPIfG Presseinformation / 26. Mai 1998


Wie ersetzt man ein komplexes gesellschaftliches System durch ein anderes?

Eine Bilanz der Transformation Ostdeutschlands nach der Vereinigung

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Analysen der deutschen Vereinigungspolitik vermitteln oft den Eindruck, als sei das westdeutsche Vorbild einfach in die neuen Bundesländer übertragen worden. Aus ostdeutscher Perspektive erscheint dies leicht als "Kolonisierung"; in Westdeutschland erweckt es den Anschein, es gebe im Osten nicht Neues. Diese gegensätzlichen Bewertungen gehen beide von der Annahme aus, daß sich in Ostdeutschland weder Elemente eines "Erbes" der untergegangenen DDR in nennenswertem Maße erhalten haben, noch neue Entwicklungen sichtbar werden, die womöglich auf Westdeutschland zurückwirken könnten.

Der von Roland Czada und Gerhard Lehmbruch in der Schriftenreihe des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung herausgegebene Band "Transformationspfade in Ostdeutschland: Beiträge zur sektoralen Vereinigungspolitik" korrigiert diese Vorstellung. Die Herausgeber wollen anhand eines breiten Querschnitts die Vielfalt der Transformationspfade ausloten und zeigen, daß die deutsche Vereinigung mit der Übertragung liberal-demokratischer und marktwirtschaftlicher "Basisinstitutionen" der alten Bundesrepublik auf die neuen Bundesländer noch keineswegs bewerkstelligt war. Die weitaus komplexere Aufgabe bestand in der Neuordnung sektoraler Funktionsbereiche - zum Beispiel der Staatsverwaltung, des Rundfunkwesens, der Bildungs- und Forschungsinfrastruktur, der sozialen Sicherungssysteme, der Landwirtschaft oder jedes einzelnen Wirtschaftszweiges.

Zwischen der Übertragung von Basisinstitutionen und dem Aufbau einer sektoral gegliederten gesellschaftlichen Ordnung besteht ein erheblicher Unterschied; vor allem dann, wenn es - wie in der Vereinigungspolitik - darum geht, eine komplexe Ordnung durch eine andere zu ersetzen. Die Abgrenzung gesellschaftlicher Sektoren in der DDR und ihre spezifischen Lenkungsmechanismen unterschieden sich zum Teil beträchtlich von denen der "alten" Bundesrepublik. Das Staatsfernsehen, die Akademieforschung, der Agrarsektor oder die Kombinatsindustrie waren so strukturiert, daß ihre Neuordnung oft nicht ohne zerstörerische Eingriffe vorankam. Andere Sektoren wie die Post oder die Telekommunikation ließen sich im Vergleich dazu problemloser zusammenführen.

Vergleicht man nun aber Transformationsprozesse in großtechnischen Infrastruktursektoren, staatsnahen Dienstleistungssektoren, marktnahen Dienstleistungssektoren sowie im Agrarsektor und der verarbeitenden Industrie miteinander, so zeigen sich ganz unterschiedliche Verläufe. Dabei sind teilweise neue sektorale Ordnungsformen entstanden, die sich von denen in Westdeutschland abheben und in die gelegentlich auch das "Erbe" der DDR einfloß. Ein ausgeprägtes Beispiel dafür ist die Landwirtschaft, während etwa das Gesundheitswesen ans westliche Modell angeglichen wurde. Diese Variationen erklären sich teilweise aus Unterschieden im sozialpolitischen Problemdruck, aber auch aus unterschiedlichen politischen Interventionsbedingungen und ökonomischen Steuerungschancen. Die Eingriffsmöglichkeiten des Staates zur Reorganisation von Eigentumsrechten, wie sie in einigen "staatsnahen" Sektoren und im Bereich der Treuhandanstalt gegeben waren, fanden ihre Schranken sowohl an Marktkräften als auch an Strukturentscheidungen, die schon die ausgehende DDR vor der Vereinigung getroffen hatte.

Der Band besteht aus Fallstudien und vergleichenden Analysen sektoraler Transformationspfade. Die Mehrzahl der Beiträge wurde erstmals auf einer Arbeitstagung am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIfG) präsentiert.

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Roland Czada, Gerhard Lehmbruch (Hg.), 1998

Transformationspfade in Ostdeutschland:
Beiträge zur sektoralen Vereinigungspolitik
421 Seiten - Frankfurt a.M.: Campus - ISBN 3-593-35868-9
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Informationen:
Christel Schommertz, MPIfG
Tel. 0221/33605-19
E-Mail schommertz@mpi-fg-koeln.mpg.de
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