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Geographie im Zeitgeist - über politische Didaktik

02.06.1998 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Über die Bildungsziele des Geographieunterrichts entscheidet nicht das Fach allein. Vielmehr richten sich die curricularen Vorgaben in hohem Maße nach gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Zeitgeist. Wie dies in den letzten Hundert Jahren gewesen ist, darüber gibt Auskunft die Dissertation "Von der Völkerversöhnung und Völkerverständigung zur interkulturellen Erziehung. Eine historisch-hermeneutische Untersuchung geographiedidaktischer Konzepte" von Dr. Monika Haas (Betreuung: Prof. Dr. Eberhard Kroß, Lehrstuhl für Geographiedidaktik, Geographisches Institut der RUB).

Bochum, 02.06.1998
Nr. 113

Geographie im Zeitgeist
Von der Völkerversöhnung zur interkulturellen Erziehung
RUB-Untersuchung über geographiedidaktische Konzepte


Über die Bildungsziele des Geographieunterrichts entscheidet nicht das Fach allein. Vielmehr richten sich die curricularen Vorgaben in hohem Maße nach gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Zeitgeist. Die aktuelle politische Position der interkulturellen Erziehung im Geographieunterricht ist noch sehr jung und daher in ihrer Umsetzung nicht vollständig ausgereift. Nach wie vor stehen ihr nationalstaatliche Strömungen entgegen, wie die Brandanschläge in Solingen und anderen Städten in jüngster Vergangenheit zeigen. Dies ist ein zentrales Ergebnis der Dissertation "Von der Völkerversöhnung und Völkerverständigung zur interkulturellen Erziehung. Eine historisch-hermeneutische Untersuchung geographiedidaktischer Konzepte" von Dr. Monika Haas (Betreuung: Prof. Dr. Eberhard Kroß, Lehrstuhl für Geographiedidaktik, Geographisches Institut der RUB).

Einhundert Jahre nationalstaatliches Denken

Mit dem deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik, der Zeit des Nationalsozialismus sowie der Bundesrepublik Deutschland bis zur Gegenwart untersucht Dr. Haas vier Epochen der Geographiedidaktik. Sie arbeitet heraus, wie von 1871 bis etwa 1970 mehr oder weniger stark nationalstaatliches Denken den Unterricht bestimmte. Auch wenn er sich vornehmlich als Fachunterricht verstand, waren seine Intentionen immer auch politisch, z.B. in der Vaterländischen Erdkunde, der Kolonialgeographie, der Geopolitik oder der Heimatkunde. Der völkische Nationalismus war auch nach dem Ersten Weltkrieg einflußreich genug, den ausdrücklichen Willen zur Völkerverständigung der Weimarer Verfassung zu untergraben. Die Geographie gehörte nicht zu den progressiven Kräften der Weimarer Republik, vielmehr ebneten ab 1926 rassistische Argumentationen in der Fachdidaktik den Weg zur "völkischen Lebensraumkunde" des Nationalsozialismus. Mit der Gründung der BRD stellte sich die Geographiedidaktik explizit in den Dienst der Völkerversöhnung und -verständigung. Sie blieb jedoch mit der Orientierung an traditioneller Länderkunde einer stereotypen geographisch-politischen Identitätsbildung verhaftet.

Der Demokratie und dem Frieden dienen

Erst die Akzeptanz gesellschaftspolitischer Ansprüche auf Völkerverständigung führten seit etwa 1970 zu neuen Ansätzen in der Geographiedidaktik: Die Bereitschaft wuchs, das eigene nationale Selbstverständnis kritisch zu hinterfragen und Ethnozentrismus aufzubrechen. Damit wurde der entscheidende Schritt zu einer über sich selbst aufgeklärten Heimat- und Länderkunde möglich, die offen ist für die Ziele der interkulturellen Erziehung. Dies erweist sich als Chance für die Geographiedidaktik, gesellschaftliche Moder-nisierungsprozesse zu begleiten, den Bildungsauftrag nach den Leitlinien von Demokratie und Menschenrechten zu erfüllen und somit dem Frieden zu dienen. Dr. Haas versteht ihre historisch-hermeneutische Untersuchung als wichtige Ergänzung zur empirischen Forschung der Fachdidaktik.

Weitere Informationen

Dr. Monika Haas, Am Hermannsbrunnen 2a, 58239 Schwerte, Tel.: 02304/43823;

Prof. Dr. Eberhard Kroß, Fakultät für Geowissenschaften, Geographisches Institut, Tel.: 0234/700-4848

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