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DFG richtet 15 neue Schwerpunktprogramme ein

30.04.1998 - (idw) Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

15 neue Schwerpunktprogramme wird die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Anfang 1999 einrichten. Das hat jetzt der Senat der DFG beschlossen. Die Projekte mit
einem Gesamtvolumen von 65,7 Millionen Mark wurden aus ursprünglich 69
Anträgen ausgewählt. Anfang 1999 werden von der DFG somit 116
Schwerpunktprogramme unterstützt. Ziel des Förderverfahrens ist die zumeist auf
sechs Jahre befristete, überregionale Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus
verschiedenen Forschungseinrichtungen und -disziplinen mit einem gemeinsamen
Oberthema.

Die neuen Programme im einzelnen:

Geisteswissenschaften

Als Akkulturation bezeichnet man den Prozeß der Übernahme einer fremden Kultur
durch eine Gesellschaft. Diesen Vorgang näher zu beleuchten, ist das Ziel des
Schwerpunktprogramms Formen und Wege der Akkulturation im östlichen
Mittelmeerraum und Schwarzmeergebiet in der Antike. Beobachtet werden die
Geschichte von Siedlungen und Städten und der Wandel von Verhaltensmustern, der
sich beispielsweise im politischen und gesellschaftlichen Leben und in der bildenden
Kunst, Architektur und Literatur zeigt.

Umstrittene Zentren: Konstruktion und Wandel sozio-kultureller Identitäten in der
indischen Region Orissa - Das neue Schwerpunktprogramm dieses Namens wird
Regionalstudien am Beispiel des indischen Bundesstaates Orissa anstellen und sich
mit einer der großen regionalen Kulturen Indiens beschäftigen. Dabei sollen
Indologen, Historiker, Ethnologen, Kulturgeographen und Politikwissenschaftler
interdisziplinär zusammenarbeiten.

Medizin/Biowissenschaften

Forschungsansätze, die sich mit dem als Angiogenese bezeichneten Wachstum von
Blutgefäßen beschäftigen, wird ein gleichnamiges Schwerpunktprogramm bündeln.
Dabei soll aufgeklärt werden, wie das Gefäßwachstum gesteuert wird. Das hier
gewonnene Wissen soll in der Medizin beispielsweise bei der Behandlung nicht
heilender Wunden und ischämischer Erkrankungen Anwendung finden. Zudem
werden neue Erkenntnisse für die Tumorforschung erwartet.

Daß Lebensprozesse in Pflanzen wesentlich von sogenannten Phytohormonen
gesteuert werden, ist seit langem bekannt. Weitgehend ungeklärt sind dagegen die
zugrundeliegenden Kontrollmechanismen. Aufgabe des Programms Molekulare
Analyse der Phytohormonwirkung wird es sein, der Wirkungsweise pflanzlicher
Hormone mit modernen Untersuchungsmethoden auf die Spur zu kommen.

Zwei Nobelpreise für Medizin (1990 und 1997) haben bereits Forschungsarbeiten auf
dem Gebiet der energiewandelnden Enzymkomplexe gewürdigt. Bisher konnte aber
nur die Struktur dieser für die Erzeugung und den Verbrauch von Energie
verantwortlichen Biomoleküle aufgeklärt werden. Wie diese zellulären
Energiewandler funktionieren, ist noch immer ungeklärt und soll nun in einem
Schwerpunktprogramm Strukturelle Grundlagen der Energiewandlung durch
mikrobielle Enzyme untersucht werden.

Um Enzyme, also Biomoleküle, die chemische Reaktionen beschleunigen, geht es in
dem Projekt Radikale in der enzymatischen Katalyse. Das Projekt zielt auf solche
Enzyme ab, in denen als sogenannte Radikale bekannte reaktive Zwischenstufen
auftreten. In interdisziplinärer Zusammenarbeit sollen die grundlegenden
Mechanismen der katalytischen Prozesse mit diesen Biomolekülen gefunden werden.
Dazu ist die Einbeziehung vielfältiger Methoden und Fachdisziplinen notwendig.

Sie bewegen Organellen und Vesikel durch die Zelle und wirken bei der Zellteilung mit
- molekulare Motoren, angetrieben durch ATP, sind die Eisenbahnen der Zellen. Eine
Reihe solcher Biomoleküle sind bereits bekannt und untersucht worden. Das
Programm Molekulare Motoren will weitere Vertreter dieser Klasse identifizieren und
ihre Funktionsweise erforschen.

Naturwissenschaften

Nanopartikel mit molekularen Anordnungen von wenigen milliardstel Metern
(Nanometern) werden üblicherweise mit physikalischen Methoden erzeugt, die vom
Großen zum Kleinen führen. Im Schwerpunktprogramm Halbleiter- und
Metallcluster als Bausteine für organisierte Strukturen soll durch die chemische
Synthese unter Nutzung einzelner Atome und Moleküle der umgekehrte Weg
beschritten werden. In Zusammenarbeit mit Physikern und Materialwissenschaftlern
sollen die besonderen Eigenschaften der so erzeugten Cluster untersucht werden, die
nicht mehr den Gesetzen der klassischen Physik, sondern den Regeln der
Quantenmechanik gehorchen.

Im Gebiet der Festkörperphysik ist das Schwerpunktprogramm Kollektive
Quantenzustände in elektronisch eindimensionalen Übergangsmetallverbindungen
angesiedelt. Experimentell und theoretisch sollen hier die physikalischen
Eigenschaften von solchen Übergangsmetallverbindungen, die in ihrer elektronischen
Struktur eindimensional sind, untersucht werden. Im wissenschaftlichen Austausch
wollen Festkörperchemiker mit theoretischen Physikern und Experimentalphysikern
zu einem umfassenden Verständnis dieser neuen, ungewöhnlichen Materialien
gelangen.

Im Schwerpunktprogramm Quanten-Informationsverarbeitung sollen neue
Erkenntnisse über sogenannte verschränkte Quantenzustände gewonnen werden.
Diese Disziplin der Quantenphysik verspricht zukünftige Anwendungen in der
abhörsicheren Informationsübertragung, in der Schaltungstechnik und für die
Entwicklung extrem schneller "Quantencomputer".

Ingenieurwissenschaften

Der Entwicklung immer schnellerer Computerchips setzt weniger die
Miniaturisierung als die Wärmeentwicklung in elektronischen Bauteilen Grenzen.
Mögliche Lösungen dieses vielschichtigen Problems durch neue Konzepte der
Chiparchitektur und Schaltungstechnik will darum das Schwerpunktprogramm
Grundlagen und Verfahren verlustarmer Informationsverarbeitung erarbeiten.
Angestrebt wird die Zusammenarbeit unterschiedlichster
ingenieurwissenschaftlicher Disziplinen von der Algorithmentechnik bis hin zur
Systemtheorie.

Die voranschreitende weltweite Vernetzung von Computersystemen erzeugt einen
immer größeren Bedarf, Daten vor dem Einblick von Unbefugten zu schützen und
Hackern den Griff in fremde elektronische Brieftaschen zu verwehren. Hier will das
Schwerpunktprogramm Sicherheit in der Informations- und
Kommunikationstechnik ansetzen und Methoden für sichere Endgeräte und
Infrastrukturen entwickeln.

Die Umformtechnik zählt heute zu den wichtigsten Produktionstechniken für
Produkte des täglichen Lebens - von mehrere hundert Tonnen schweren
Turbinenläufern bis zu medizinischen Mikroteilen. Das Schwerpunktprogramm
Erweiterung der Formgebungsgrenzen bei Umformprozessen soll die Grundlagen für
schnellere, billigere und umweltfreundlichere Produktionsprozesse schaffen. Es
beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung neuer Umformungsprinzipien und
neuen Meß- und Prüfverfahren, um die Grenzen des bislang Möglichen zu erweitern.

Leichte Materialien mit einem hochporösen, schaumartigen Inneren sind
interessante Werkstoffe zum Beispiel für den Flugzeug- und Automobilbau. Weil sie
Energie hervorragend absorbieren, sind sie auch als Seitenaufprallträger in
Kraftfahrzeugen geeignet. Solche zellulären Strukturen aus Metallen herzustellen, ist
erst seit wenigen Jahren möglich. Mit der Herstellung, den Eigenschaften und der
Verarbeitung zellulärer metallischer Werkstoffe zu Formteilen beschäftigt sich das
gleichnamige Schwerpunktprogramm.

Ähnlich wie in der Bionik biologische Körperfunktionen als Vorbild für neue

Techniken dienen, beschäftigt sich die Sozionik mit dem Transfer sozialen,
menschlichen Verhaltens auf technische Systeme. Computerprogramme, die
menschliches Sozialverhalten imitieren, wurden bereits entwickelt. Im
Schwerpunktprogramm Sozionik: Erforschung und Modellierung künstlicher
Sozialität werden Informatiker gemeinsam mit Soziologen solche Programme
untersuchen. Sie wollen dabei herausfinden, wie reale soziale Systeme auf künstliche
Systeme übertragen werden und ob die künstlichen Systeme als Modelle für die
Überprüfung soziologischer Theorien dienen können.
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