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Spieglein, Spieglein an der Wand

16.06.1998 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Die Technische Universität im Spiegel von Hochschulranglisten

Spieglein, Spieglein an der Wand ...
Konr@d, Start, test, Spiegel: Hochschultranglisten und kein Ende

Die einen fürchten sie - und bezeichnen sie als unseriös, bestenfalls als oberflächlich. Seltsam nur: Es sind meist die, die schlecht abschneiden. Die anderen befürworten sie. Bundespräsident Roman Herzog etwa, früher selbst Hochschullehrer. Kürzlich sprach er gar davon, daß wir sie "den Studenten schuldig" seien. In anderen Ländern, in den USA etwa, sind sie längst etabliert und institutionalisiert, und in England macht man gar die Vergabe öffentlicher Gelder von ihnen abhängig: die Hochschulranglisten.
Mittlerweile vergeht auch in Deutschland kaum ein Monat, in dem nicht irgendwo eine neue Rangliste veröffentlicht wird. Jüngste Beispiele: das Computermagazin Konr@d, die Karriere-Illustrierte Start, die Verbraucherzeitschrift test und, last not least, der Spiegel. Und wie schon im vergangenen Jahr beim Hochschultest von Focus landete die Chemnitzer Uni durchweg auf den vorderen Rängen - mit einer Ausnahme: Im Spiegel kommt sie überhaupt nicht vor.
Bei allen Mängeln, die solche Listen nicht selten haben, geben sie doch Studienanfängern oder -wechslern eine erste Orientierungshilfe. Die nämlich haben oft gar nicht das Vorwissen und die Möglichkeiten, sich bis ins Kleinste über die deutsche Hochschullandschaft zu informieren. Und vor allem räumen sie mit einem gängigen Vorurteil auf: Mit dem Vorurteil nämlich, alle deutschen Unis seien gleich gut. Wenn eine Uni wie die Chemnitzer immer wieder vorn auftaucht, oft sogar auf dem ersten Platz, dann muß hier etwas anders, genauer: besser, sein - auch wenn das andernorts noch nicht alle bemerkt haben.

Konr@d Zuse hätte wohl in Chemnitz studiert

Die Konr@d-Fachjournalisten - das Magazin ist nach dem deutschen Computer-Pionier Konrad Zuse benannt - untersuchten, wie die 100 größten deutschen Unis und Fachhochschulen ihre Studenten auf das Informationszeitalter vorbereiten. Dazu zählten sie die PCs und die ISDN/Modem-Anschlüsse, ermittelten die Öffnungszeiten der Rechnerpools und die Zahl der Internetanschlüsse der Studenten. Schon beim Surfen durch die Internetseiten der verschiedenen Unis wurde den Fachleuten klar: Chemnitz würde ganz vorne liegen. Also schickte die Redaktion eigens einen Reporter hierher, der sich die Sache genauer ansah - und der war begeistert von Internetstudium und Studentennetz, vom Großrechner "Parsytec" und seinem kleinen, aber dafür in Chemnitz entwickelten Bruder OSCAR. Und da eine gute Geschichte nicht ohne gute Fotos auskommt, rückte kurz darauf noch eine Fotografin an.
Resultat: Die Chemnitzer Uni, so ermittelte das Magazin, ist von allen deutschen Unis am besten mit Computern ausgestattet - während sich an den deutschen Hochschulen im Schnitt 39 Studenten einen Rechner teilen müssen, an der Uni Bochum 132 und an der Uni Göttingen gar 150 Studenten, sind es in Chemnitz nur zehn. Mit bereits deutlichem Abstand folgen Magdeburg (16 Studenten pro PC), Karlsruhe (17), Rostock (18) und Greifswald (19). Generell, so Konr@d, sind die ostdeutschen Unis besser ausgestattet als die westdeutschen.
Auch bei der Zahl der Modems und ISDN-Anschlüsse liegt Chemnitz in der Spitzengruppe. Die Studenten sind hier aber ohnehin nicht auf ein Modem angewiesen - die Studentenwohnheime sind nämlich direkt ans Uninetz und von dort ans Internet angeschlossen. Die Chemnitzer Uni erreicht damit schon jetzt - als einzige deutsche Uni - die Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Ausstattung mit Computern.

Fehl-Start mit Westerwelle

Ähnliche Ziele hatte sich Start gesetzt: Die Illustrierte ermittelte, welche deutschen Hochschulen sich am besten im Internet präsentieren. Diesmal landete Chemnitz mit 41 Punkten auf Platz 4 - auch nicht schlecht. Auf Platz 1 (46 Punkte) kam die TU Berlin.
Doch beim näheren Betrachten des Ergebnisses fallen sofort einige Ungereimtheiten auf: Gewertet wurde nämlich unter anderem, ob es Suchmöglichkeiten nach den e-Mail-Adressen von Studenten und Mitarbeitern und nach den Homepages von Mitarbeitern gab. Dafür gab's jeweils einen, zusammen also drei Punkte. Laut Start gibt es diese Suchmöglichkeiten in Chemnitz nicht - obwohl sich jeder seit Jahren im Internet vom Gegenteil überzeugen kann. Auch einige andere Punkte lassen Fragen offen. Mithin hätte Chemnitz mindestens 44, wahrscheinlich sogar mehr, Punkte bekommen müssen. Das wäre wenigstens Platz 2 gewesen.
Und noch etwas macht stutzig: Die Chemnitzer Uni wird als "TU Chemnitz-Zwickau" bezeichnet, obwohl sie diesen Namen - auch auf den Internetseiten - bereits im Juli des vergangenen Jahres geändert hat. Das hätte einem Untersucher zur Jahreswende 97/98 (als angeblich die Daten erhoben wurden) eigentlich auffallen müssen.
Die Start-Redaktion hatte ihre Daten freilich nicht selbst erhoben, sondern die Consultant-Firma Westerwelle & Partner in Hamburg damit beauftragt. Dort bedauerte man zwar die Fehler, aber die Rangfolge im Internet wurde trotz Zusage noch immer nicht geändert. Das spricht nicht gerade für Westerwelle - und ist geeignet, Zweifel an der Seriosität der Consulter aufkommen zu lassen. Westerwelle berät nämlich auch viele potentielle Arbeitgeber - und die verlassen sich dann auf derart unzureichende Daten, haben auch gar keine Zeit, sie nachzuprüfen. Drei Minuspunkte also für Westerwelle.

Test-er mit Erfahrung

Absolute Seriosität kann hingegen die gemeinsame Studie - eine Rangliste ist es nämlich eigentlich nicht - der Stiftung Warentest und des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) beanspruchen. Untersucht wurden allerdings nur die Fächer Chemie und Wirtschaftswissenschaften. Gefragt wurde ausschließlich nach objektiven, nachprüfbaren Daten: PC- und Laborplätze, Ausstattung der Bibliotheken, Studiendauer, Betreuungsrelationen, Notenschnitte, Durchfallquoten, Drittmittelaufkommen, Anzahl der Veröffentlichungen. "Es gibt keine beste Hochschule, sondern nur eine, die zu den individuellen Vorstellungen eines Studenten paßt. Die soll er mit unserem vergleichenden Studienführer finden", so das Credo der Macher.
Folgerichtig werden für jede ermittelte Kennzahl (die allerdings angegeben wird) lediglich grüne, gelbe und rote Punkte verteilt, je nachdem ob die Hochschule im oberen Viertel (25 Prozent), im breiten Mittelfeld (50 Prozent) oder im unteren Viertel (ebenfalls 25 Prozent) liegt. Doch schon auf den ersten Blick wird klar: Chemnitz hat vergleichsweise viele grüne Punkte vorzuweisen. Immerhin hat man jedoch zu einigen einzelnen Kriterien, etwa der Studentenzufriedenheit oder der Betreuungsrelation, Ranglisten gebildet. Und siehe da, Chemnitz liegt wieder ganz vorn: bei der Studiendauer in Chemie beispielsweise auf Platz 3, beim Betreuungsverhältnis sowohl in Chemie als auch in Betriebswirtschaft auf Platz 4. Schwächen zeigen die Chemiker freilich bei der Zahl ihrer Veröffentlichungen - hier liegen sie weit unter dem Durchschnitt. Bei der Zufriedenheit mit dem Studium liegen die Chemnitzer Betriebswirtschaftler zwar nur auf Platz 8 - aber gegen welche Konkurrenz: auf den Rängen 1 bis 4 tummeln sich allein die teuren privaten Wirtschaftshochschulen. In einem Punkt liegen die BWL-StudentInnen allerdings bundesweit an der Spitze: Hier gibt es mit 60 Prozent Anteil die meisten Frauen.

Kein Spiegel-Bild von Chemnitz

Der Spiegel gab sich diesmal nicht mit einer deutschen Hochschulrangliste zufrieden - es mußte schon Europa sein. Die Chemnitzer Uni taucht in dem zweiteiligen Artikel erst gar nicht auf. Nun, immerhin wissen wir es jetzt - zu den besten europäischen Unis darf sie sich noch nicht zählen.
Der Spiegel untersuchte allerdings, in seinen Worten, nur "die Qualität" der Lehre, und auch das nur in Jura, den Wirtschafts-, den Ingenieur- und den Sprachwissenschaften.
Studenten, so die Begründung, würden ohnehin kaum von der Forschung profitieren. Doch das kann man auch anders sehen - in Chemnitz zum Beispiel ist es die Regel, daß Studenten von Anfang an in die Forschung einbezogen werden. Außerdem: So wichtig die Lehre auch sein mag, alle großen Unis haben ihr Ansehen allein ihren überragenden Forschungsleistungen zu verdanken, auch die vom Spiegel hochgelobte englische Uni Cambridge (78 Nobelpreisträger).
Warum Chemnitz, wie auch andere sächsische Hochschulen, nicht in der Europa-Liste auftaucht, hat einen einfachen Grund: Einbezogen wurden nur solche Unis, die die Professoren ihren eigenen Söhnen und Töchtern empfehlen würden - Chemnitzer Profs ziehen also anscheinend andere Unis vor. Daran, daß diese Professorenkinder Biologie, Jura oder Medizin studieren wollen, also Fächer, die in Chemnitz nicht angeboten werden, kann es nicht liegen: es wurde ausdrücklich nur nach dem Fach gefragt, daß die Professoren selbst lehren.
Ob Profs - nicht nur die Chemnitzer - überhaupt wissen, wie gut andernorts gelehrt wird, sei dahingestellt. Aber es geht um Grundsätzliches: Wie überhaupt bewertet man die Qualität der Lehre? Ob eine Uni in der Forschung gut ist, läßt sich dagegen leicht ermitteln, anhand der Zahl der Veröffentlichungen in angesehen Fachzeitschriften und der Häufigkeit, mit der man von anderen zitiert wird. Aber für die Qualität der Lehre gibt es nur eine Instanz: Die Studenten selbst, und niemand sonst. Die hätte man fragen sollen. Und die, das sagen übereinstimmend alle Umfragen, fühlen sich in Chemnitz wohl. Das genau ist denn auch die Schwäche der Spiegel-Untersuchung: daß nur Studenten von solchen Unis befragt wurden, die den Professoren gefielen.

(Autor: Hubert J. Gieß)

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