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Bremer Ökonom: Deutsche Wirtschaft ist fit für EUROland

17.06.1998 - (idw) Universität Bremen


Portrait von Rudolf Hickel mit Auflösung 200 dpi erhältlich bei kbohn@presse.uni-bremen.de Bremer Ökonom: Deutsche Wirtschaft ist fit für EUROland

---> Bremer Ökonom widerlegt die internationale Konkurrenzschwäche der Bundesrepublik

---> Internationalisierung heißt vorrangig Europäisierung und erfordert die politische Gestaltung Europas

---> Globalisierung zwingt die Industrie zu Kapitalinvestitionen im Ausland


Die Einführung des EURO wird nicht zum Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft führen. Das ist die Kernaussage einer Studie, die der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel vorgelegt hat. Hickel untersuchte die ökonomische Rolle Deutschlands im Prozeß der Internationalisierung der Produktion und der Finanzmärkte. Seine Hauptthesen:

1. Die Lohnstückkosten in Deutschland sind nach wie vor sehr günstig im internationalen Vergleich.
2. Deutschland ist faktisch kein Hochsteuerland.
3. Direktinvestitionen im Ausland sind nicht Ausdruck der Kapitalflucht.
4. Die Binnenwirtschaft sollte auch durch erhöhte Kaufkraft gestärkt werden.
5. Kürzere Arbeitszeit ist der Schlüssel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

1) In Deutschland sind die Arbeitskosten im internationalen Vergleich hoch. Deutschland ist gleichzeitig aber immer noch
ein Hochproduktivitätsland. Garanten dafür sind die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft und die 'Pflege' der Ressource Humankapital. Das zur Bewertung der Internationalen Wettbewerbsfähigkeit einzig relevante Kriterium sind deshalb, so Hickel, die Lohnstückkosten. Er weist nach, daß gegenüber der stark gestiegenen Leistungsfähigkeit einer Arbeitsstunde (Produktivität) die Arbeitskosten in den vergangenen Jahren deutlich langsamer zugenommen haben. Dieser Vorteil führt innerhalb der Konkurrenz kurzfristig zum Exportboom. Mittelfristig werden jedoch die Preisvorteile durch die Aufwertung der Mark wieder verringert.

2) Ausführlich wird belegt, daß Deutschland kein Hochsteuerland ist. Die (Grenz-)Steuersätze sind zwar hoch, das deutsche Steuerrecht bietet jedoch gegenüber dem Ausland eine Fülle an Instrumenten, die es erlauben, massiv Steuern
zu sparen. Die mit dem Spitzensteuersatz über 53% gewollte Einkommensbesteuerung wird im Durchschnitt der Millionäre
schon lange nicht mehr erreicht.

3) Die gigantische Zunahme der deutschen Direktinvestitionen im Ausland darf nicht als Kapitalflucht aus dem deutschen
Standort mißdeutet werden. Die Engagements im Ausland sind vielmehr Ausdruck wachsender Wettbewerbsfähigkeit - auch der "global players" aus Deutschland. Extrem hohe Warenexporte ziehen Kapitalexporte nach sich, um an der Wachstums- und Marktexpansion in anderen Regionen der Welt teilzuhaben. Daß nach Deutschland vergleichsweise wenig ausländisches Kapital fließt, zeigt den hohen Grad der Industrialisierung durch starke deutsche Unternehmen.

4) Der Preis für die Politik zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ist jedoch die Stagnation der Binnenwirtschaft. Hier ist politische Gestaltung erforderlich. Hickel schlägt eine Politik der internen Kaufkraftstärkung vor, weil mehr Geld in den Händen der Bevölkerung auch den kleinen und mittleren Unternehmen mit regionalem Aktionsradius zugute kommt.

5) Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, hält der Bremer Ökonom folgende Maßnahmen für erforderlich:

- Produkt- und Prozeßinnovationen stärken, auch durch ökologischen Umbau der Wirtschaft und die Ausweitung der Massenkaufkraft;
- Arbeitsmarktpolitik muß auf die Überbrückung des Strukturwandels abzielen, bis neue Arbeitsplätze in der
Wirtschaft geschaffen werden;
- um den Produktivitätsfortschritt zu bewältigen und die technologiebedingte Arbeitslosigkeit zu überwinden, sollte
die Arbeitszeit auf vielfältige Weise verkürzt werden.

Die Hickel'sche Untersuchung beschäftigt sich ausführlich mit den Voraussetzungen und Folgen der Europäischen Währungsunion. In einem historischen Abriß wird an die Schaffung des Europäischen Währungssystems (EWS) sowie des ECU als erfolgreiches Vorläuferprojekt auf dem Eurogipfel 1978 in Bremen erinnert. Damit wurden vor zwanzig
Jahren die Fundamente für den EURO im Bremer Rathaus gelegt. Der Bremer Wirtschaftsexperte kommt in seiner Studie

zu dem Schluß, daß der EURO auch in der Konkurrenz mit dem US-Dollar eine stabile Währung werden wird. Der EURO schafft jedoch kein Jobwunder. Ausführlich wird daher ein Konzept harmonisierter Beschäftigungspolitik in der Europäischen Union entwickelt. Um einen mörderischen Lohnsenkungswettbewerb im EUROland zu vermeiden, wird die
Lohnformel begründet: Lohnzuwächse im Ausmaß der Produktivität und der Zielinflationsrate von ca. 2%.

Die Untersuchungsergebnisse liegen auch als Buch vor:

Rudolf Hickel, Standort-Wahn und Euro-Angst: Die sieben Irrtümer der deutschen Wirtschaftspolitik.
Reihe rororo-aktuell Nr. 22237, Reinbek, Frühjahr 1998
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