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Werkstoffe - Bausteine der Zukunft

19.06.1998 - (idw) Technische Universität Clausthal

Neue Verfahrensentwicklungen und Entwicklungstrends in den Werkstoffklassen Stahl, Aluminium- und Titanlegierungen und Polymeren standen im Mittelpunkt des Kolloquiums des Corps Montania Clausthal.

Anläßlich seines 130. Stiftungsfestes lud das Corps Montania am 11. Juni in den Horst-Luther-Hörsaal der Technischen Universität Clausthal zu einem Akademischen Forum ein. Der Rektor der Universität, Professor Dr.-Ing. Peter Dietz begrüßte die Gäste und erläuterte die Entwicklung der Hochschule. Wie alle Technischen Universitäten seit 1992 vom Rückgang der Erstsemesterzahlen betroffen, zeichnet sich seit dem letzten Wintersemester eine Trendumkehr ab. Die Umstrukturierung des Studienangebotes mit neuen Studiengängen, wie dem Wirtschaftsingenieurwesen, der Wirtschaftsmathematik und der Wirtschaftsinformatik und den Studiengängen, die den Umweltschutz integrierten, mache sich positiv bemerkbar, berichtete Professor Dietz. Intensiv agiert die Hochschule auf internationalem Parkett. Besondere Ausbildungsprogramme für Studenten aus Südamerika sind in Sicht und das Stipendienprogramm des Vereins von Freunden gemeinsam mit der Universität für ausländische Studienbewerber findet Anklang. Dies skizzierend, wünschte Professor Dietz den Gästen ein anregendes Kolloquium. Und so wurde es. Werkstoffe - als Bausteine der Zukunft, als Herausforderung am Beginn des 21. Jahrhunderts lautete das Thema. Angesichts des Zugunglücks in Eschede war die Zielrichtung des Kolloquiums hochaktuell: Neue, leistungsstärkere Bauteile kann es nur bei leistungsstärkeren Werkstoffen und modernen Verfahrenstechniken geben geben.

Dr.-Ing. M.Sc.I.A. Jürgen Großmann, Clausthaler Absolvent und heute Vorsitzender der Geschäftsführung der Georgsmarienhütte stellte die unverändert hohe Bedeutung des Werkstoffes Stahl vor. Weltweit steige die Stahlproduktion an. In Deutschland bleibe sie stabil. Und dies obwohl der spezifische Verbrauch pro Bauwerk deutlich gesunken sei - "Für den 320 Meter hohen, im Jahre 1889 mit 7.000 Tonnen Stahl erbauten Eiffelturm würden bei den heutigen Güten nur 2.000 Tonnen benötigt", berichtete Dr. Großmann. Stahl ist ein innovativer Werkstoff. Er besitzt, so Dr. Großmann, die größte Variationsmöglichkeit, ein individuelles Anforderungsspektrum zu erfüllen". Und er sei in ökologischer Werkstoff, denn er ist zu 100 Prozent recyclebar, ohne Qualitätsverlust, wie dies bei den Polymeren - vom Joghurtbecher zur Schallschutzwand (Wie viele brauchen wir?) - unvermeidbar ist.

Dr.-Ing. Christian Liesner, auch er in den sechziger Jahren Student in Clausthal und heute Geschäftsführer der Titan-Aluminium Feinguß GmbH, Soest, stellte Anwendungen von Feinguß aus Aluminium- und Titan-Werkstoffen in der Luft- und Raumfahrt, Elektronik, Optik und Medizintechnik vor. Gerade in diesen Anwendungsbereichen - als Beispiel führte er die Landeklappen des Fahrwerks eines Airbus an - ist höchste Sicherheit geboten. Kompliziert geformte Feingußteile aus Aluminium- und Titan-Legierungen nach dem Wachsausschmelzverfahren mit verlorenen Modellen können diese Ansprüche erfüllen.

Professor Dr.-Ing. Klaus Schwerdtfeger, Geschäftsführender Leiter des Instituts für Allgemeine Metallurgie stellte das Single-Belt-Verfahren vor, eine neue Technologie für die Stahlherstellung, an welcher in seinem Institut seit 12 Jahren geforscht wird, und welche eines Tages zu einem bis zu 90 prozentigen Einsparpotential des Einergieeinsatzes führen könnte. Dabei werden nicht mehr, wie bislang in der Warmbanderzeugung 250-300 Millimeter dicke Brammen vergossen, die anschließend in mehreren Walzvorgängen nach einem Abkühlungs- und Wiedererwärmungsprozeß auf die endgültige Dicke eines Stahlbleches von drei Millimeter mit hohem Energieaufwand heruntergewalzt werden müssen, sondern es wird direkt ein zehn Millimeter dicker Stahlfilm vergossen.

Professor Dr.-Ing. Dr.h.c. Gottfried W. Ehrenstein von der Universität Erlangen setzte den sachlichen Kontrapunkt zu den Metallen und stelle das Einsatzpotential der Kunststoffe vor. Es gibt sie erst seit fast 25 Jahren. Und sie haben ein stürmisches Wachstum in diesem Vierteljahrhundert erfahren, weil mittels neuer Verfahren wie dem Mehrkomponentenspritzguß Produkte mit haftenden und beweglichen Kontaktflächen möglich werden, die in einem Fertigungsgang ohne zusätzliche Montageschritte hergestellt werden können. Solches ist aber mit Metallen kaum vorstellbar. Kunststoffe werden also ganz neue Anwendungen erschließen. Heute werden zweieinhalb Mal mehr Polymere eingesetzt als noch vor 25 Jahren. In der Diskussion befragt, was er vom getrennten Müllsammeln halte, äußerte Professor Ehrenstein sich drastisch:"Gar nichts". Dies sei hochgradig "irrationaler Umweltaktionismus". Das unter "fachlichen Gesichtspunkten unsinnige Yoghurtbecherwaschen" koste cirka 600 Millionen DM. Allein der Einsatz von Kunststoffen im Auto habe zu einer Minderung des Kraftstoffverbrauches beigetragen, der in etwa der Menge des Erdöls entspricht, das insgesamt weltweit in Kunststoffe verwandelt wird. Moderiert von Dr.-Ing. Klaus Kottmann, Abteilungsdirektor der Thyssen Krupp Stahl AG, gelang dem Kolloquium ein erster "Aussichtspunkt" - welche Möglichkeiten die verschiedenen Werkstoffklassen dank intensiver auch Clausthaler Forschung und Entwicklung in Zukunft noch erschließen können.

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