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Fluorchemie - ein "großes Abenteuer"

06.08.1998 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Nach einer Tagung über Fluorchemie in Königstein im Jahre 1986 kam es zu den ersten Begegnungen, zwei Jahre später bei einem Fluor-Symposion in Novosibirsk wurden die ersten Kontakte geknüpft. Inzwischen gibt es sowohl auf der fachlichen wie auch auf der menschlichen Ebene enge Kontakte zwischen zwei chemischen Arbeitsgruppen der Universität Münster und ihren beiden Partnergruppen von der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk. Dank einer zweijährigen Förderung durch die Volkswagen-Stiftung kann die Kooperation seit April vergangenen Jahres intensiv vorangetrieben und vertieft werden. Zur Zeit sind Professorin Luba S. Kobrina und Prof. Vitalij D. Shteingarts zu Besuch bei ihren münsterschen Kollegen Prof. Joseph Grobe und Prof. Günter Haufe. Prof. Grobe vom Anorganisch-Chemischen Institut ist gerade erst von einem Aufenthalt in Novosibirsk zurückgekehrt, wo er eine Hochvakuum- Apparatur installiert hat.

Die Fluorchemie, der das gemeinsame wissenschaftliche Interesse der Deutschen und der Russen gilt, bezeichnet Shteingarts als "großes Abenteuer". Dem Normalbürger begegnen Produkte dieser Fachrichtung als hochtemperaturbeständige Kunststoffe in der Teflon- Beschichtung von Bratpfannen oder als atmungsaktive Gore-Tex-Regenbekleidung. Es gibt auf diesem Gebiet noch große Entwicklungsmöglichkeiten und viel Arbeit für Forscher aus der anorganischen, der organischen und der Biochemie. Die vier an der Kooperation zwischen Münster und Novosibirsk beteiligten Arbeitsgruppen selbst betreiben Grundlagenforschung, interessieren sich also für Methoden, wie neue fluorierte Verbindungen hergestellt werden können. Sie verlieren dabei aber nicht die späteren Anwendungsmöglichkeiten aus dem Auge: Ein Ziel der Kooperation ist zum Beispiel die Erzeugung neuer Materialien, die eventuell als Flüssigkristalle für elektronische Anzeigen in LCD-Uhren und Kleinrechnern oder als Medikamente beziehungsweise Pestizide in Medizin und Landwirtschaft von Nutzen sein können.

Die von der Volkswagen-Stiftung bereitgestellten Gelder sind Teil eines Programms zur Förderung von Partnerschaften, mit dem osteuropäischen Ländern unter die Arme gegriffen werden soll. Gerade in Rußland sind die Finanzprobleme wissenschaftlicher Einrichtungen zur Zeit sehr groß. Kobrina und Shteingarts äußern sich sehr dankbar über die Gelder der VW- Stiftung, mit denen neben Chemikalien, Laborgeräten und Fachliteratur vor allem die Reisen und Aufenthalte der am Austausch beteiligten Wissenschaftler bezahlt werden. Wenn Mitarbeiter aus Novosibirsk nach Münster kommen, um hier in den Labors drei Monate lang zu experimentieren, bringen sie nicht nur ihr Know-how und jahrzehntelange Erfahrung besonders im Bereich der Fluoraromaten mit. Oft haben sie auch kleine Mengen vorbereiteter Substanzen im Gepäck, sofern der Transport im Flugzeug erlaubt ist und die Substanzen lange genug stabil bleiben. Dank der guten Laborausstattung und des Know-hows der münsterschen Arbeitskreise können dann gezielt neue Substanzen hergestellt, ihre Eigenschaften untersucht und spezielle Reaktivitäten eingestellt werden.

Neben den Fachdiskussionen, die in Englisch ablaufen, bleibt auch Zeit für die touristische Erkundung von Münster. Für Prof. Kobrina, die bereits 1992 für drei Monate als Gastprofessorin in Münster war, ist die Stadt die schönste der zehn deutschen Städte, die sie inzwischen kennengelernt hat. Ihr gefallen die sauberen Straßen, die kleinen Häuser und die interessante Geschichte der Stadt. Sie und ihr Kollege Shteingarts, der von Fluorchemikern in aller Welt scherzhaft "Mr. Octafluoronaphthalene" genannt wird, machen ausgiebig von den unverzichtbaren Fahrrädern Gebrauch, die ihnen ihre Gastgeber zur Verfügung gestellt haben. Auf dem Programm stehen der Besuch von Friedenssaal, Wasserschlössern, Orgelkonzerten und Museen.

Während ihres zweiwöchigen Besuchs sind die russischen Gäste im Lettischen Zentrum untergebracht. Vor der Rückkehr in ihr Institut in Akademgorodok, das zur Russischen Akademie der Wissenschaften gehört, werden sie noch an einem Symposion in Berlin teilnehmen. In Akademgorodok, dem "Wissenschaftsstädtchen" nahe Novosibirsk, leben und arbeiten viele Wissenschaftler und Techniker mit ihren Familien, insgesamt über 100.000 Menschen.

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