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Auf Schliemanns Spuren

18.08.1998 - (idw) Technische Universität Bergakademie Freiberg

Einmaliger Studiengang im deutschsprachigen Raum
Ausbildung in Archäometrie (Ingenieurarchäologie) an der TU Bergakademie Freiberg verknüpft Natur- und Geisteswissenschaften

Als Schliemann vor über 100 Jahren in Troia Metallgefäße fand, ließ er diese - untypisch für einen Archäologen seiner Zeit - auf ihre chemische Zusammensetzung untersuchen. Die Gefäße waren aus Bronze gefertigt, enthielten also Zinn. Für Schliemann ergab sich aus dieser Untersuchung eine Frage, an deren Beantwortung die Archäologen noch heute arbeiten: Woher kam das Zinn zur Herstellung der Bronze, denn in keiner Lagerstätte der erreichbaren Umgebung hatte es den Troianern zur Verfügung gestanden.

Aus dieser und ähnlichen Fragen entwickelte sich vor allem in den letzten Jahren eine Spezialisierung innerhalb der Archäologie - die Archäometrie, ein Forschungszweig, der zur Lösung archäologischer Probleme natur- und ingenieurwissenschaftliche Methoden nutzt. Dabei gab es bisher allerdings zwischen Archäologen und Naturwissenschaftlern oft Verständigungsschwierigkeiten. Die Archäologen wollen die naturwissenschaftlichen Methoden nutzen, verstehen aber oft deren Ergebnisse nicht. Andersherum können die Naturwissenschaftler ohne den archäologischen Hintergrund meist nicht das Maximum an Ergebnissen aus ihren Untersuchungen herausholen.

Ein neuer, im deutschsprachigen Raum einmaliger Studiengang an der TU Bergakademie Freiberg soll nun ab Wintersemester 1998/99 Archäologen in die Lage versetzen, die modernen Methoden in ihre Arbeit zu integrieren. Der Diplom-Studiengang richtet sich an historisch interessierte, naturwissenschaftlich engagierte Studierende und schließt nach neun Semestern mit dem akademischen Grad eines Diplom-Archäologen ab.

Schwerpunkte der Ausbildung werden neben der Ur- und Frühgeschichte u. a. Grundlagen der Physik/Chemie, Methoden der Archäometrie, Prähistorische Werkstoffe, Angewandte Geowissenschaften oder Industriearchäologie sein. Vorgesehen sind außerdem Praktika auf archäologischen Ausgrabungen und der Austausch von Studenten und Hochschullehrern vor allem mit Universitäten in Großbritannien und den USA. Für die archäologischen Ausbildungsinhalte werden die Freiberger eng mit der Universität Leipzig (Prof. Sabine Rieckhoff, Professorin für Ur- und Frühgeschichte am Historischen Seminar) und dem Landesamt für Archäologie Dresden (Dr. Judith Oexle) zusammenarbeiten.

Für die Ausbildung und Forschung steht in Freiberg ein Gerätepark zur Verfügung, für den es weltweit nur wenige vergleichbare Beispiele gibt. Dazu gehört ein neuentwickeltes Plasmamassenspektrometer, mit dem es möglich ist, den "geochemischen Fingerabdruck" eines Fundstückes herzustellen. "Von großem Vorteil für den neuen Studiengang, der die Natur-, Ingenieur- und Geisteswissenschaften auf besondere Weise verknüpft", so Prof. Gerhard Tomandl, Dekan der Fakultät für Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechnologie, "wird sein, daß die Ausbildung auf natur- und ingenieurwissenschaftlichem Gebiet auf die reichen Erfahrungen im Studiengang Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechnologie zurückgreifen kann. In der Stahl-, Keramik oder auch der Glasindustrie ist die Nachfrage nach unseren Absolventen weit größer als unsere Absolventenzahlen."

Die Einsatzmöglichkeiten für die Ingenieurarchäologen sieht Prof. Ernst Pernicka optimistisch: "Bisher gab es zwischen Archäologen und Naturwissenschaftlern oft Verständigungsschwierigkeiten. Die Archäologen wollen die naturwissenschaftlichen Methoden nutzen, verstehen aber oft deren Ergebnisse nicht. Andersherum können die Naturwissenschaftler ohne den archäologischen Hintergrund meist nicht das Maximum an Ergebnissen aus ihren Untersuchungen herausholen. Unser Studiengang soll deshalb Archäologen in die Lage versetzen, die modernen Methoden in ihre Arbeit zu integrieren. Archäologische Funde sind zu sichern, zu bewahren, zu katalogisieren, mit natur- und ingenieurwissenschaftlichen Methoden zu analysieren, historisch und technikgeschichtlich einzuordnen und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Berufschancen für die Absolventen bieten sich deshalb in allen Bereichen archäologischer Forschung, namentlich an Universitätsinstituten, Ämtern für archäologische Denkmalpflege und Museen mit archäologischen Sammlungen und nicht zuletzt im Wissenschaftsjournalismus und in der wissenschaftlichen Bildungsarbeit."

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