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RUB-Wissenschaftler erhält Märchen-Preis

01.09.1998 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Den mit DM 5.000,- dotierten Lutz-Röhrich-Preis 1998 der Märchen-Stiftung Walter Kahn erhält am 4. Oktober 11 Uhr im Palais Bellevue in Kassel der Bochumer Skandinavist Dr. Harald Müller für seine Dissertation "Mündliche Tradition norwegischer Volksmärchen und ihre Verschriftlichung durch Asbjørnsen und Moe". Die Stiftung wertete diese Untersuchung als "die beste studienabschließende Arbeit auf dem Gebiet der Erzählforschung einschließlich Märchenkunde aus der europäischen Überlieferung".

Bochum, 01.09.1998
Nr. 180

Skandinavische Schöne und bäriges Biest
Dissertation über Prinzen, Trolle und weiße Wäsche
RUB-Wissenschaftler erhält Märchen-Preis


Eines Abends klopft ein weißer Bär an die Tür eines armen Häuslers, und nach einigen Verhandlungen nimmt der Bär die Tochter des Mannes mit. Er bringt sie zu einem Schloß und lebt dort mit ihr in Saus und Braus. Doch nachts, so stellt sie fest, liegt in ihrem Bett ein Mann. Auf den Rat ihrer Mutter hin zündet sie eines nachts eine Kerze an um sicherzugehen, daß da nicht ein Troll in ihrem Bett liegt. Dabei fallen drei Talgtropfen auf die Kleider des Mannes. Dieser ist nun verloren, denn eine Trollkönigin hat ihn verzaubert, noch eine Nacht unerkannt bei dem Mädchen, und er wäre erlöst gewesen; doch nun muß er zum Schloß östlich der Sonne und westlich des Mondes, um die Tochter der Trollkönigin zu heiraten ... Dies ist nur eines der vielen Märchen, die Dr. Harald Müller in seiner Dissertation "Mündliche Tradition norwegischer Volksmärchen und ihre Verschriftlichung durch Asbjørnsen und Moe" untersucht hat. Für diese von Priv.-Doz. Dr. Else Ebel (Skandi-navistik, Fakultät für Philologie der RUB) betreute Arbeit bekommt Dr. Müller am 4. Oktober von der Märchen-Stiftung Walter Kahn den mit DM 5.000,- dotierten Lutz-Röhrich-Preis 1998 verliehen.

Märchen zwischen Unterhaltung und Gesellschaftskritik

Müller untersucht in seiner Arbeit neben den Gegebenheiten und Funktionen der mündlichen Erzählung auch die Veränderungen, die die Märchen durch die Verschriftlichung erfahren haben. Erzählt wurden die Märchen hauptsächlich in den unteren sozialen Schichten, die Zuhörer konnten sich mit den zumeist armen Protagonisten - wie der Häuslerfamilie - identifizieren. Die Erzählungen enthalten unterhaltende Elemente und Gesellschaftskritik, sie dienten als Ausdrucksmittel der unteren Schicht. Asbjørn-sen und Moe veröffentlichten die Märchen aber nicht in ihren ursprünglichen Fassungen. Sie verknüpften Elemente mehrerer Erzählungen miteinander oder formulierten die Geschichten um; die ursprüngliche Struktur wurde jedoch beibehalten. Durch die Verschriftlichung erhielten die Märchen eine neue Funktion, die Geschichten wurden in ihrem Kontext von Mythe, Folklore und Natur besonders für die romantische Bewegung interessant. Doch durch die Niederschrift der alten Erzählungen trugen Asbjørnsen und Moe auch zum Ende der mündlichen Überlieferungen und damit zum Ende einer Tradition bei.

"Beste Arbeit zur Erzählforschung"

Die Märchen-Stiftung hat sich der Pflege und Förderung des europäischen Märchengutes verschrieben. Junge Wissenschaftler aus ganz Deutschland haben sich um den Lutz-Röhrich-Preis beworben, der für "die beste studienabschließende Arbeit auf dem Gebiet der Erzählforschung einschließlich Märchenkunde aus der europäischen Überlieferung" verliehen wird. Die Jury entschied sich einstimmig für die Arbeit von Harald Müller und honoriert damit seine fundierten Quellenkenntnisse und seine "gute Orientierung der geschichtlichen und gesellschaftlichen Situation der norwegischen Märchen um 1850". Die Preisverleihung findet am 4. Oktober um 11 Uhr im Palais Bellevue in Kassel statt. Dann ist auch die Dissertation unter dem Titel "Stimme und Feder - mündliche Tradition norwegischer Volksmärchen und ihre Verschriftlichung durch Asbjørnsen und Moe" im Meysenburg-Verlag (Essen) erhältlich.

... und wenn sie nicht gestorben sind ...

Übrigens, was die Häuslerstochter und ihren Prinzen betrifft: Auf der Suche nach ihrem Liebsten gelangt das Mädchen, getragen durch die vier Winde, zum Schloß östlich der Sonne und westlich des Mondes. Bei einem Wett-Wäsche-weiß-waschen gelingt es ihr, im Gegensatz zur Trollprinzessin, die Talgflecken aus dem Hemd des Prinzen zu entfernen. Daraufhin platzen die Trollprinzessin und ihre Mutter, das Häuslermädchen kann endlich ihren Prinzen heiraten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Weitere Informationen

Dr. Harald Müller, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Philologie, Skandinavistik, 44780 Bochum, Tel. 0234/700-5111, Fax: 0234/7094-666

Walter Kahn, Märchen-Stiftung Walter Kahn, Walter-Kahn-Weg 1, 82435 Bad Bayersoien, Tel. 08845/1859, Fax: 08845/7194

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