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Schweden vorn

08.09.1998 - (idw) Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH


8. September 1998

Schweden an der Spitze der kulturellen Entwicklung

Wertesysteme in einer globalisierten Welt

Berlin (wbs) Schweden - und nicht die U.S.A. - ist die fortschrittlichste Nation der Welt. Das skandinavische Land liegt vom gesellschaftlichen Wohlstand her wie auch vom hohen Grad säkular-rationaler Wertorientierungen und einem stark ausgeprägten Bedürfnis nach Lebensqualität und subjektivem Wohlbefinden an der Spitze, wie aus weltweiten Umfragen hervorgeht, an denen das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) wesentlich beteiligt war.

In den Jahren von 1990 bis 1997 erfolgten in insgesamt 61 Staaten aus allen Kontinenten Umfragen im Rahmen des World Values Survey, womit 73 Prozent der Weltbevölkerung erfaßt wurden. Auf diese Weise können die Wertorientierungen der Bürgerinnen und Bürger in diesen Ländern miteinander verglichen werden, so daß erkennbar wird, ob mit zunehmender Globalisierung die Unterschiede zwischen den Kulturen der Welt sich angleichen oder nicht.

Die Wertorientierungen - so die Annahme bei der Untersuchung, die zu großen Teilen von der Abteilung "Institutionen und sozialer Wandel" des WZB mit Förderung der Volkswagen-Stiftung durchgeführt wurde - hängen stark mit dem Entwicklungsstand der Gesellschaft zusammen. Besonders wichtig ist dabei ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Die Wertorientierungen beeinflussen das Verhalten der Bürger, wodurch wiederum der Entwicklungsprozeß der Gesellschaft mit gesteuert wird.

Herrscht in einem Land gesellschaftlicher Wohlstand, so tritt auch ein hoher Grad säkular-rationaler Wertorientierungen und ein stark ausgeprägtes Bedürfnis nach Lebensqualität und subjektivem Wohlbefinden auf. Staaten in einer Modernisierungsphase wandeln sich von religiös-traditionellen hin zu säkular-rationalen Anschauungen; treibende Kraft wird die Leistungsmotivation.

Hochentwickelte Gesellschaften befinden sich im Übergang von der Modernisierung in eine Phase der Postmodernisierung. Die alten säkular-rationalen Werte verlieren an Bedeutung, wirtschaftliches Wachstum und Leistungsmotivation sind nicht mehr das Maß aller Dinge. Im Vordergrund stehen Lebensqualität und das Wohlbefinden des einzelnen.

Ü 2

Sind auf diese Weise die einzelnen Länder "vermessen", so ergibt sich ein "Atlas" der Kulturen der Welt. Die Lage auf dem gleichen Kontinent, koloniale Tradition, die Sprachgemeinschaft, vor allem aber die Zugehörigkeit zum Einflußbereich der großen Weltreligionen spielen eine wichtige Rolle. Es entstehen "kulturelle Kontinente": etwa das protestantische und das katholische Europa, der englische Sprachraum, das islamische Südasien, der orthodoxe Staatenkreis. Einen Sonderfall bilden jene Staaten, die im Machtbereich der Sowjetunion vom Kommunismus beeinflußt waren und gewissermaßen einen eigenen "Kontinent" ausmachen.

Deutschland ist bei dieser Betrachtungsweise zweigeteilt. Der Osten - von einem atheistischen, staatssozialistischen Regime über 40 Jahre geprägt - liegt näher bei den ehemals kommunistischen Ländern, der Westen Deutschlands bei den reichen, demokratischen Nationen mit an der Spitze der Entwicklung zu einem postmodernen Staat.

Verblüffend hingegen ist, daß die U.S.A. nicht die Speerspitze der kulturellen Entwicklung bilden. Sie besitzen traditionellere Wertorientierungen, als man das von einer der reichsten Nationen der Welt erwarten würde. So gab es etwa in Nordeuropa - insbesondere in Schweden - eher den Wandel der Geschlechterrollen, Toleranz gegenüber Homosexuellen und eine positive Einstellung zum Umweltschutz. Die nordischen Staaten - wie auch die Niederlande - sind also zugleich moderner und postmoderner als die U.S.A. Die Welt wird somit wohl in Zukunft nicht "amerikanisiert", sondern eher "schwedenisiert".

Anlage: Graphik "Atlas der Kulturen der Welt"


"'Schwedenisierung' der Welt - Wertesysteme in globaler Perspektive", in: WZB-Mitteilungen, Heft 81,
September 1998, S. 5 - 8

Ronald Inglehart, Modernisierung und Postmodernisierung, Frankfurt am Main: Campus Verlag 1998, 514 S.

Weitere Informationen:
Professor Dr. Hans-Dieter Klingemann (WZB, Direktor der Abteilung "Institutionen und sozialer Wandel")
Tel.: 030-25 49 13 20


Diese Pressemitteilung gibt es auch in elektronischer Form über den "informationsdienst wissen-schaft" (idw):

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