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Die Alpen werden durchleuchtet

15.09.1998 - (idw) GeoForschungsZentrum Potsdam

Beginn des TRANSALP-Projektes, einer seismischen Traverse durch die Ostalpen

Die Alpen werden durchleuchtet
Afrikas Kollision mit Europa

Vor rund 100 Millionen Jahren stieß der afrikanische Kontinent mit Europa zusammen. Ein Resultat dieses immer noch andauernden Kollisionsprozesses sind die Alpen. Die Vorgänge, die zu dieser Gebirgsbildung geführt haben, sind in groben Zügen, nicht aber in ihren Details bekannt. Es ist anzunehmen, daß sich im Untergrund der Alpen die Spuren des Zusammenstoßes finden lassen. Seit der vorigen Woche untersuchen Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz im Forschungsprojekt TRANSALP den Aufbau, die Tiefenstruktur und die Entstehungsgeschichte der Ostalpen. Auf einer 320 Kilometer langen Nord-Süd-Trasse zwischen München und Venedig wird der Untergrund mit seismischen Verfahren durchleuchtet, um in den Ostalpen Hinweise auf die Gebirgs-bildung und die verursachenden Prozesse zu finden. Zugleich ergeben sich damit Erkenntnisse über die Entstehung von Rohstoff-Lagerstätten und über die Gefahren für Mensch und Bauwerk, die durch Erdbeben im tektonisch immer noch aktiven Alpenraum entstehen.
Die Tomographie des Gebirgskörpers
Die Analyse von Erdbebenwellen hilft den Geowissenschaftlern bei der Durchleuchtung der Erde. Finden keine Beben statt, so kann man solche Wellen selbst erzeugen, indem man entweder kleine Sprengladungen zündet oder mit auf LKW montierten Vibratoren Schallwellen in den Untergrund schickt. Diese werden dort reflektiert. Das Echo ergibt ein exaktes Abbild der geologischen Struktu-ren. Aufgefangen werden die Echos mit Geophonen, die wie Mikrophone die reflektierten Wellen registrieren und zur Speicherung in Computer schicken. Vier bis fünf solcher Vibratoren reichen aus, um diese Schallwellen bis in Entfernungen von 50 bis 100 km durch die Erdkruste zu senden. Die Vibrationen dieser seismischen Energiequellen machen sich selbst in der Nähe der Fahrzeuge nicht stärker als normaler Straßenverkehr bemerkbar. Zusätzlich zur Anregung mit Vibrationen werden an ausgewählten Punkten noch kleine Sprengungen in Bohrlöchern gezündet. Erzeugung und Registrie-rung solcher seismischer Wellen sind völlig ungefährlich für Mensch und Tier, Gebäude und Einrichtungen aller Art.
Dieses Verfahren der sog. Reflexionsseismik soll auf der TRANSALP-Traverse bis zu 70 Kilo-meter tief in die Erde hineinleuchten, wobei die Geophon-Auslegung horizontal bis zu 20 Kilometer lang sein wird. Die Beobachtungen werden durch ein Netz von z.Zt. 63 mobilen Erdbebenstationen ergänzt, welche die natürlichen Erdbeben aufzeichnen. Während die Reflexionsseismik mit ihren künstlich angeregten Wellen den Blick in die Alpenwurzel "von oben" gestattet, erlaubt die Aufzeich-nung der natürlichen Erdbeben einen Blick "von unten", da sie als Quelle die natürlich vorkommen-den, tiefer liegenden Erdbeben nutzt.
Die Daten und Ergebnisse der Seismik werden gemeinsam mit Geologen und Mineralogen analy-siert und durch deren begleitende Untersuchungen ergänzt und untermauert, um die Interpretation zu verfeinern und zu überprüfen.
Raupenartig von Nord nach Süd
Die Meßanordnung der Reflexionsseismik bewegt sich kontinuierlich mit etwa 5 bis 7 Kilometern pro Tag von Norden nach Süden, wobei die jeweils am Ende liegenden Meßgeräte ständig abgebaut und an das vordere Ende der Meßstrecke gebracht werden. Die ganze Meßanordnung bewegt sich daher wie eine Raupe vorwärts. Das erste 110 km lange Teilstück der Traverse beginnt im Norden bei Erding und erstreckt sich bis kurz vor das Inntal. Das Profil überschreitet die deutsch-österreichische Grenze südlich des Spitzingsees bei Valepp und läuft in Richtung Kramsach. Auf diesem Teilstück werden die Messungen im September 1998 ausgeführt, teilweise per Auftrag durch die Firmen THOR Geophysikalische Prospektion GmbH, Kiel und Deutsche Montantechnologie (DMT), Essen. Die italienischen Partner beginnen in gleicher Weise mit einem ca. 80 km langen Teilstück bei Treviso im Süden der Traverse. Der zentrale Teil des TRANSALP-Profils (Zillertal, Ahrntal, Marmolada) soll im September und Oktober 1999 mit gleicher Technik von den internationalen Partnern vollendet werden. Die wissenschaftliche Ergebnisse werden im Jahr 2000 vorliegen.
Organisation und Finanzierung
Das TRANSALP-Konsortium, zu dem sich Universitäts- und Forschungsinstitute aus Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz zusammengeschlossen haben, besteht aus Wissenschaftlern des GeoForschungsZentrums Potsdam (GFZ), der Universität München, der Montanuniversität Leoben (Österreich), des JOANNEUM RESEARCH (Institut für Angewandte Geophysik, Leoben), der italienischen CROP-Forschungsgruppe (CROsta Profonda, Universitäten Mailand und Genua, ENI-AGIP) und der ETH Zürich.
Das TRANSALP-Projekt wird auf deutscher Seite vom Bundesministerium für Bildung, Wissen-schaft, Forschung und Technologie (BMBF, Bonn) ähnlich wie das 1997 erfolgreich beendete DEKORP-Projekt gefördert, auf österreichischer Seite durch das Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr (BMWV), sowie auf italienischer Seite vom Consiglio Nazionale delle Ricerche (CNR, Rom) und durch das Unternehmen ENI-AGIP (Mailand). Der schweizer Nationalfonds unterstützt die Arbeiten der ETH Zürich.
Eine Abbildung der Vibrator-LKW in druckfähiger Auflösung liegt zum Herunterladen unter:
http://www.gfz-potsdam.de/news/foto/

GEOFORSCHUNGSZENTRUM POTSDAM (GFZ)

Nachdruck, auch auszugsweise, frei. Belegexemplar erbeten an:
GeoForschungsZentrum, Öffentlichkeitsarbeit, Telegrafenberg, D- 14473 Potsdam
Telefon 0331 - 288 - 1040,
Fax: 0331 - 288 - 1044,
e-mail: ossing@gfz-potsdam.de
Ansprechpartner: Franz J. Ossing
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