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Suche nach den Ursprüngen der chinesischen Kultur

15.12.1998 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Der "Erste Erhabene Gottkaiser von Qin" stirbt im Jahre 210 vor Christus in China. Mit all seiner Machtfülle hatte er nach einem Lebenselixier suchen lassen. Auf welche Weise er schließlich doch noch "unsterblich" werden soll, erfährt er nicht mehr - erst 2.000 Jahre später werden Archäologen seine Tonkriegerarmee rekonstruieren und sie zu einem Teil des Weltkulturerbes machen.

Wer nach den Quellen sucht, aus denen der Erste Kaiser von China seine Kultur schöpfte, muß in die Jahrtausende vor ihm schauen, die die Archäologen Bronzezeit (2. Jahrtausend v. Chr.) und Jungsteinzeit (6. bis 3. Jahrtausend v. Chr.) nennen. Diese Epoche untersuchen am Institut für Sinologie der Universität Würzburg Prof. Dr. Dieter Kuhn und Dr. Mayke Wagner, die durch ein Habilitationsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird.

Die chinesische Geschichtsschreibung liefert eine exakte Chronologie der Ereignisse bis zum Jahr 841 v. Chr. Den Beginn der Zivilisation verlegte der erste chinesische Historiker, Sima Qian (etwa 145 - 80 v. Chr.), mit der Xia-Dynastie auf das Jahr 2205 v. Chr. Doch die Existenz dieser Dynastie muß durch die Archäologie noch bewiesen werden.

Weil dieses Problem nicht zuletzt wegen des erstarkenden Nationalbewußtseins der Chinesen heute mehr denn je von Bedeutung ist, wurde das "Projekt zur Datierung der Xia-, Shang- und Zhou-Dynastie" 1996 als "nationales Forschungsprojekt von außerordentlichem Rang" in den 9. Fünfjahresplan der Volksrepublik China aufgenommen.

Bekannt ist, daß ein Teil der chinesischen Zivilisation auf den fruchtbaren Lößterrassen am Gelben Fluß entstanden ist. Eine weitere Ursprungslandschaft befand sich am Jangtsekiang im Süden Chinas. Die Weiten im Norden, so nahm man bis vor kurzem an, seien zu trocken für den Ackerbau gewesen und hätten sich nur für eine nomadisierende Weidewirtschaft geeignet.

Die Ergebnisse von Feldforschungen der vergangenen Jahre erlauben jedoch neue Schlüsse: Einige der heute schwer begehbaren Wüsten waren noch zu Lebzeiten des Ersten Kaisers Feldbaugebiete. Sie haben von 6000 v. Chr. an Zivilisationen ernährt, die gelegentlich Waren und Gedanken mit den Nachbarn am Gelben Fluß tauschten - wie sie es auch mit denen in Sibirien und anderswo hielten - sonst aber eigene Wege gingen.

Wohl ab der Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend v. Chr. begannen sich die "Nordländer" und "Kernländer" zu durchdringen, ohne ineinander aufzugehen. Während der beiden ersten Zentralstaaten Shang und Zhou mit Machtzentrum am unteren Gelben Fluß und dem Wei He (um 1600 bis etwa 500 v. Chr.) blieben die "Nordländer" weiterhin Impulsgeber und -empfänger an der Peripherie. Die Bestimmung der Kulturen der "Nordländer", ihre Beziehungen untereinander und zum chinesischen Kulturherd anhand von Bodenfunden ist Zielsetzung des Forschungsprojektes von Dr. Wagner.

Das Studiengebiet liegt geographisch am Rande und größtenteils außerhalb des Blickfeldes der frühen Geschichtsschreiber. Die Region am oberen Gelben Fluß war das Westtor der chinesischen Ökumene: Dort stieß zentralasiatisches Kulturgut auf ostchinesisches, ging darin auf oder überlagerte es. Die dort gefundenen Bronzegeräte datieren nach heutigem Wissenstand mit 2000 v. Chr. einige Jahrhunderte vor denen im Osten. Das wirft erneut die Frage auf, ob die Bronzetechnologie aus dem Westen nach China übernommen wurde.

Im zentralen Teil der heutigen Autonomen Region Innere Mongolei wurden ausgedehnte Siedlungen schon in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausend v. Chr. massiv befestigt, also mehr als ein halbes Jahrtausend, bevor man am unteren Gelben Fluß damit begann. Dr. Wagner: "Es liegt nahe, in diesen Siedlungen die ältesten Stadtgründungen zu sehen." Dem will die Würzburger Wissenschaftlerin nachgehen - auch wenn ihre Vermutung der orthodoxen Lehrmeinung vom frühesten Städtebau in China widerspricht.

Auch im Einzugsbereich des West-Liao Flusses im Nordosten Chinas blühte im 4. Jahrtausend v. Chr. eine Zivilisation, die sich in fast allen Aspekten ihrer materiellen und geistigen Kultur von denen am Gelben Fluß unterschied: Sie bestellte die Felder mit Pflugscharen aus Stein, bestattete ihre Toten unter mächtigen Steinpackungen und hinterließ lebensgroße Tonskulpturen von Frauen mit Pupillen aus grünlicher Jade.

Das erste chinesische Imperium hat diese multikulturelle Vielfalt erfolgreich vernetzt. Die einzelnen Elemente zu erkennen setzt voraus, ihre Datierung und Abfolge in ihren Ursprungsgebieten zu ermitteln. Das Ergebnis des Forschungsprojekts von Dr. Wagner soll ein Chronologiesystem sein, das gleichzeitig eine neue Bezugsebene für die Archäologie in Sibirien, Korea und Japan bietet.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Dieter Kuhn, T (0931) 888-5570, Fax (0931) 888-4617, E-Mail: dieter.kuhn@mail.uni-wuerzburg.de

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