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Ein "sozialer Konvoi" für Neuorientierung und Wiederbeschäftigung der Betroffenen bei Stellenabbau

17.12.1998 - (idw) Institut Arbeit und Technik

Fachtagung am Institut Arbeit und Technik diskutierte "Übergänge in wirtschaftlichen Umbrüchen"

Wirtschaftliche Umbrüche und Stellenabbau führen bei den Betroffenen oft zu individuellen Katastrophen: Der Arbeitsplatzverlust verursacht psychosozialen Streß. Ökonomische Sicherheit, soziale Bindungen und Selbstwertgefühl gehen verloren, Alltagsprobleme wie finanzielle Sorgen, Zukunftsunsicherheit und soziale Stigmatisierung verstärken die Belastungen. Es fehlt an Orientierungen, eine Wiederbeschäftigung zu finden. Dabei geht der Trend weg vom "lebenslangen Arbeitsverhältnis" bei einem Arbeitgeber hin zu wechselnden Beschäftigungsverhältnissen, oft noch unterbrochen durch Phasen der Arbeitslosigkeit, der Qualifizierung oder "Freizeit".

Diese - künftig bei immer mehr Arbeitnehmern immer häufigeren - beruflichen Übergänge benötigen soziale Beratung und Begleitung. "Wir brauchen einen sozialen Konvoi, der auf der Basis legitimer Ansprüche hilft, berufliche Transitionsprozesse individuell zu bewältigen, sie zu "normalisieren" und zu entstigmatisieren", forderte Prof. Dr. Thomas Kieselbach vom Institut für Psychologie der Arbeit, Arbeitslosigkeit und Gesundheit der Universität Bremen auf einer Fachtagung, die das Institut Arbeit und Technik am 15. und 16. Dezember 1998 in Gelsenkirchen organisierte. 140 Teilnehmer aus Wirtschaft, Wissenschaft, Arbeitsverwaltung, Politik und Gewerkschaften diskutierten auf der Veranstaltung über "Übergänge in wirtschaftlichen Umbrüchen - Neuorientierung und Wiederbeschäftigung bei Stellenabbau".

Der "soziale Konvoi" soll Brücken aus der Arbeitstätigkeit heraus schlagen, in der Phase der Arbeitslosigkeit Qualifizierungs- und soziale Unterstützungsmaßnahmen anbieten sowie Reintegrationshilfen, die auch bis in die Phasen von Wiederbeschäftigung hineinreichen. Inzwischen gibt es in der Bundesrepublik einige Ansätze, mit denen das versucht wird, darunter auch Beschäftigungsgesellschaften von Großunternehmen, die auf diese Weise notwendigen Personalabbau sozial abfedern. Wie berufliche Neuorientierung und Wiedereingliederung in konkreten Projekten funktionieren können wurde auf der Tagung in mehreren Workshops diskutiert. Dabei ging es u.a. um Neuorientierung "von der Lebensstellung zur nachhaltigen Beschäftigungsfähigkeit", "Brücken in neue Beschäftigung", berufsorientierte Weiterbildung für die "Sorgenkinder des Strukturwandels", die Funktion intermediärer Organisationen bei der Unterstützung beruflicher Übergänge, neue Arbeitsplätze durch Existenzgründungen und Mitarbeitergesellschaften, "Auswege aus dem Erwerbssystem" und den Weg vom "goldenen Handschlag zum aktiven Sozialplan".

Welche Bedeutung der "soziale Konvoi" demnächst in der Bundesrepublik haben wird, machte der IAT-Arbeitsmarktforscher Dr. Matthias Knuth am Beispiel des Vorruhestands deutlich. Im Rekordjahr 1995 gab es bundesweit fast 300 000 vorzeitige Neuzugänge in Altersrente wegen Arbeitslosigkeit, fast 23 Prozent aller Neuzugänge. Diese "kalkulierte Altersarbeitslosigkeit" ist zwar oft attraktiv für die Betroffenen wie die Unternehmen, bedeutet aber gleichzeitig für die Gesellschaft eine immense Verschwendung von menschlichen Fähigkeiten. Mit dem inzwischen begonnenen Ausstieg aus der Vorruhestandspolitik werden die Betriebsparteien andere Wege finden müssen, mit Personalüberhängen umzugehen. "Die beschäftigungssichernde Flexibilisierung der Arbeitszeit über lange Zeiträume wird an Bedeutung gewinnen. Wo Personalabbau nicht zu umgehen ist, wird man ihn nicht mehr auf die Älteren konzentrieren können. Beschäftigte in jüngerem und mittlerem Alter werden dadurch häufiger als heute in die Situation kommen, Arbeitgeber und berufliche Tätigkeit wechseln zu müssen", so Knuth.

Prof. Dr. Bernd Reissert von der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (Berlin) verwies darauf, daß der deutsche Arbeitmarkt offenbar in den letzten Jahren immer weniger durchlässig für Übergänge aus der Arbeitslosigkeit in Wiederbeschäftigung ist. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen in anderen EU-Mitgliedsstaaten ist wesentlich geringer, weshalb Deutschland von anderen europäischen Ländern lernen sollte, wie sich die dauerhafte Ausgliederung von Arbeitnehmern aus dem Arbeitsmarkt zumindest teilweise vermeiden läßt.

Viele Beschäftigungsbrücken existieren in anderen EU-Ländern bereits: so ist etwa für Existenzgründungen die Kapitalisierung des Arbeitslosengeldes möglich (Frankreich), es gibt intensive Betreuung und Beratung für Langzeitarbeitslose, langfristigen Urlaub für Weiterbildung, wobei ein arbeitsloser Stellvertreter befristet eingesetzt wird (Dänemark), Langzeiturlaube (Sabbaticals), Teilzeitarbeit für Ältere. In solchen Arbeitsmarkt-Übergängen liegen erhebliche Potentiale für die Entlastung der Arbeitsmärkte. Nach Schätzung von Experten könnte mit der zunehmenden Nutzung derartiger Übergänge - nicht zuletzt nach ausländischen Vorbildern - der deutsche Arbeitsmarkt um etwa 1,5 Millionen Personen entlastet werden.


Für weitere Fragen steht
Ihnen zur Verfügung:
Dr. Matthias Knuth
Durchwahl: 1707-186
Pressereferentin
Claudia Braczko

Munscheidstraße 14
45886 Gelsenkirchen

Tel.: +49-209/1707-176
Fax: +49-209/1707-110
E-Mail: braczko@iatge.de
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