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Volkskundliche Aspekte der Wetterkunde

28.12.1998 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Wer jetzt schon wissen möchte, ob das kommende Jahr genauso regnerisch sein wird wie das zu Ende gehende, sollte in der Neujahrsnacht eine aufgeschnittene Zwiebel auf das Fensterbrett legen. Ist die Anzahl der Tränen, die die Zwiebel "ausschwitzt", hoch, wird auch 1999 ein recht feuchtes Jahr werden. Mit dieser und anderen volkstümlichen Methoden der Wetterprognose beschäftigte sich Prof. Dr. Andreas Hartmann, Hochschullehrer am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, in seiner Antrittsvorlesung zum Thema "Wetter und Wahrheit".

Besonders in Funk und Fernsehen erfreut sich die Vorausschau aufs Wetter wachsender Beliebtheit. Der erfahrene Radiohörer ist bereits geübt in der Unterscheidung zwischen realer und gefühlter Temperatur, und kein Fernsehabend vergeht ohne den Wetterflug über deutsche Landschaften, ohne lächelnde Sonnen oder dräuende Wolken. Die vielen Wettermeldungen sind, so Hartmann, "das Resultat einer professionell betriebenen Popularisierung der Meteorologie. Eine regelrechte Vorhersageindustrie stellt mit den Mitteln der Dramatisierung und Veranschaulichung gesunkenes Kulturgut her." Die sachliche Wetterinformation wird so zur Wettererzählung. Über den Umweg durch die Medien leben alte Formen des Denkens und Erlebens und die überlieferte Deutung der Wetterphänomene als "Zeichen" wieder auf. Mit der Personifizierung von Hoch- und Tiefdruckgebieten oder Wirbelstürmen feiern die alten Wetterdämonen sozusagen fröhliche Urständ. Die Landwirtschaft ist längst an den Rand des öffentlichen Wetterinteresses gerückt. Vielmehr stehen Freizeitplanung, persönliches Wohlbefinden und Unterhaltung im Mittelpunkt.

Im 16. und frühen 17. Jahrhundert herrschten noch theologische Vorstellungen sowie der Glaube an den Einfluß der Gestirne auf das Wetter vor. Die theologischen Wettertraktate dieser Zeit deuteten Gewitter als göttliches Strafzeichen an den sündhaften Menschen. Mit dem sogenannten Hundertjährigen Kalender verfaßte Moritz Knauer zwischen 1645 und 1652 eine Wettervorhersage, die Beobachtungswissen und astrometeorologische Vorstellungen miteinander vereinte. Mit der ersten vergleichenden Luftdruckmessung im Jahr 1648 durch Périer traten diese herkömmlichen Erklärungssysteme in einen Wettstreit mit der physikalisch exakten Wetterkunde.

Eine Befragung, die Prof. Hartmann bei 40 Bauern in Unterfranken durchführte, hatte zum Ergebnis, daß viele Landwirte neben den amtlichen Verlautbarungen der Wetterstationen auch heute noch den Hundertjährigen Kalender zu Rate ziehen, ergänzt durch lokale Wetterkenntnisse, Bauernregeln und eigene Beobachtungen. Hartmann: "Die verschiedenen Angebote werden von den Bauern umgeschmolzen zu einem privaten, ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Prognoseinstrument." Hinsichtlich des Wetters lassen die unterfränkischen Bauern also mehrere Wahrheiten gelten.

Nach der Augsburger Bauernpraktik von 1540 wird dieser Winter übrigens ein besonders kalter, weil der Weihnachtstag auf einen Freitag fällt.
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